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Leseprobe: Martin Horvath - Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten.

Das Tiefdruckwetter draußen findet seine Entsprechung auf dem Stimmungsbarometer im Inneren des Hauses. Der Onkel und sein Team sind nicht zu beneiden, sie versuchen, uns mit allerlei Spielen und Aufgaben bei Laune zu halten. Das Haus, ehemals Sitz des Herrn Oberförsters und der Frau Oberförstersgattin, ist zwar groß, für mehr als zwanzig Personen aber wiederum eher klein, vor allem dann, wenn man aufgrund des schlechten Wetters eingesperrt ist - es gibt also genug Gelegenheiten, sich gegenseitig auf die Hühneraugen zu treten, mehr noch als bei uns im Leo. Darüber hinaus haben wir die Ehre, mit unseren Betreuerinnen und Betreuern im selben Zimmer zu schlafen: Im oberen Stockwerk befinden sich zwei große Räume mit Matratzenlagern, der eine ist für die Herren, der andere für die Damen der Schöpfung reserviert, und in beiden, sowohl im herrlichen als auch im dämlichen, wird nächtens um die Wette gesägt. Um die wenigen Badezimmer und Toiletten entbrennt ein täglicher Streit, obwohl sich nicht alle an diesem Konflikt beteiligen. Der fehlende Komfort, die Beengtheit, die Einfachheit, die Kamin- und Lagerfeuerromantik, all das wird bestenfalls von jenen geschätzt, die dreihundertfünfzig Tage im Jahr ihr eigenes Bad und Klo in den eigenen, komfortablen vier Wänden benutzen - von unseren lieben Aufpasserinnen und Aufpassern also. Für die meisten meiner Schicksalsgenossen ist der mangelnde Komfort jedoch schlicht und einfach uncool. Und Undankbare Mieselsüchtige Frustbeulen wie Nino oder Afrim lassen natürlich keine Gelegenheit aus, dieser Unzufriedenheit auch lautstark Ausdruck zu verleihen.
Einzig und allein Oma sorgt für etwas Abwechslung, sie äußert nämlich beim sonntäglichen Frühstück den dringenden Wunsch, das Haus zu verlassen, und ist durch nichts von diesem Vorhaben abzubringen. Sie ist, wie jeder von uns mittlerweile weiß, strengstgläubige Katholikin, die Religion, die ihr auf der Flucht Halt und Heimat geboten hat, geht ihr über alles, sie muss zum sonntäglichen Hochamt. Dos Dorf is fost a Stund entfernt, wendet Hans ein, und da Haluk kummt erst am Nochmittog mitm Auto. Es regnet doch wie verrückt, assistiert der Onkel. Doch es ist zwecklos: Die sonst so sanfte und stille Oma bleibt bei ihrem Entschluss. I find way, sagt sie. Ich gehe mit, mischt sich Nicoleta plötzlich ein. Hans greift sich an den unfrisierten Kopf, ihm schwant Böses, er kann die Mädchen schließlich nicht alleine gehen lassen, er fügt sich also in sein Schicksal und macht sich, Regen hin, Regen her, mit den beiden auf den Weg zum Dorf. Zwar bin ich nicht dabei, aber das ist auch gar nicht nötig, ich sehe die drei trotzdem deutlich vor mir. Hans ist die Situation peinlich, man kennt ihn im Dorf, obwohl von seiner Familie niemand mehr hier lebt, er galt immer schon als Außenseiter. Nun steht er plötzlich völlig durchnässt mit zwei jungen Mädchen, eines davon rabenschwarz, auf dem Hauptplatz, manche Kirchgänger erkennen und grüßen ihn, andere beäugen die drei Fremdkörper mit mißtrauischen, ungläubigen Blicken. I hol' eich nochand wieder ob, versucht Hans sich möglichst rasch davonzustehlen. Er nimmt seine mit Regentropfen übersäte Brille ab und wischt sich eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. Oma, immer noch besorgt um das Seelenheil ihrer Brüder und Schwestern, möchte ihn zum Mitkommen überreden, eines Tages werde er sicher bereuen, nicht zur Messe gegangen zu sein, doch Hans bleibt standhaft, er hat keine Angst vor dem Fegefeuer.
Als der Gottesdienst vorbei ist, lässt es sich der Vizebürgermeister nicht nehmen, die drei mit seinem eigenen Wagen zurückzubringen. Hans kann ihn nicht leiden, er steht für all das, was ihn aus seinem Heimatort fortgetrieben hat, im Haus wird der Würdenträger trotzdem mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Alkohol haben wir leider keinen, entschuldigt sich der Onkel. Der Mann mit dem Trachtenanzug versucht sich den Anschein zu geben, er habe tagtäglich Kontakt mit georgischen, kongolesischen, tschetschenischen, irakischen und liberianischen Menschen, er gibt vor, nichts lieber zu tun, als sich mit afghanischen, nigerianischen, albanischen, serbischen und gambianischen Menschen zu unterhalten, doch sein verkrampftes, seelenlosen Lächeln verrät ihn. Wir singen ihm trotzdem ein vierstimmiges Kärntnerlied, das ich meinen Mitbewohnern beigebracht habe, mit Tränen der Rührung in den Augen verabschiedet er sich schließlich und segelt in seinem schwarz glänzenden Mercedesschiff hinaus in den verregneten Sonntagnachmittag. Ahoi, and may the Force be with you.

(S. 135ff)

© 2012, Deutsche Verlags-Anstalt, München.

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