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Andrea Grill: Liebesmaschine N.Y.C.

Storys.
Wien: Otto Müller Verlag, 2012.
131 Seiten; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978 3 701 311 99 6.

Link zur Leseprobe

„Ich bin eine New Yorkerin gewesen, bevor ich je einen Fuß in die Stadt setzte.“ Dieser erste Satz könnte auch aus einer amerikanischen Fernsehserie stammen. Von einer Carrie vielleicht, die Journalistin ist, nach Sex in der City sucht. Dann aber würde die Geschichte wohl sehr anders weitergehen - mit seichten Bettgeschichten, Gspusis, Shopping-Episoden.
Die Verfasserin dieses Satzes, Andrea Grill, schlägt einen anderen Weg ein. In ihren Storys, die sie bewusst mit „y“ schreibt, geht es um ihr New York und die Menschen, die ihre Protagonistin mit dieser Heimat verbindet. Begegnungen stehen im Zentrum. Da ist Jane, die Gynäkologin mit Flugangst, die sie bei einem turbulenten Flug von Südamerika kennenlernt. Und Grand Dame Erika, Psychoanalytikerin, die 4 mal 21 Jahre alt ist, mit Simone de Beauvoir telefoniert hat, beinahe den Psychiater C.G. Jung kennengelernt hätte. Oder auch Andon, der in Schals gehüllte Briefeschreiber. Manche der Stories sind nach diesen Bekanntschaften benannt, andere Geschichten (man könnte sie auch Kapitel nennen, denn sie fügen sich zu einem Ganzen) heißen dann nur „On a le choix“ oder „Schuhe“.

Andrea Grill, Autorin und zugleich Weltenbummlerin, erzählt in ihrem knapp 130-seitigen Erzählband nicht vom American way of life. Sie erweckt ihn vielmehr mit ihren Worten zum Leben. Bilder entstehen in den Köpfen des Lesers, gestochen scharfe Bilder, die einem das Gefühl geben, selbst mit dem Taxi von New Brunswick ins vorübergehende Zuhause Baumwipfel (Treetop-Apartement) 150 in der Zedernstraße zu fahren. Die Protagonistin ist auf Einladung der Universität für drei Monate dort.
Streng genommen spielt das Buch gar nicht in New York, sondern in New Jersey – zwei Millimeter daneben auf der Amerikakarte – maßstababhängig, versteht sich. Die Achselhöhle Amerikas, wie Grill diesen Fleck nennt, der berühmte Söhne wie Bruce Springsteen und Michael Douglas hervorgebracht hat. Also trennt auch die Geografie (neben vielem anderen) Grills Buch von einer Manhattan-Sitcom.
Ganz banale Alltagsszenarien werden zu Storys verwoben, mit trockenem Humor gespickt, so leichtfüßig erzählt, dass man am liebsten selbst den Koffer packen würde, um zusammen mit der Protagonistin Jeans shoppen zu gehen, um auch von der Verkäuferin vermessen zu werden, und dann festzustellen, dass keine einzige der neuen Levi’s Linie curved-ID passt. Oder um David Fortunet zu begegnen, der den Job bei Tiffany’s & Co. nur bekommen hat, weil sein Name gut auf einer Business-Card aussehen könnte. (Merke: Shoppen ist etwas anderes als kaufen. „Ich habe noch lange nicht genug. Ich begreife: Das Einkaufen interessiert mich nicht. Kaufen ist total antisexy. Shopping ist etwas ganz anderes.“)

Andrea Grill, Jahrgang 1975, wagt auch den Versuch, die Amerikaner zu beschreiben. Sie arbeitet dabei mal mit Stereotypen (etwa: „Amerikaner laden einen immer zu sich nach Hause ein, ernst meinen sie das natürlich nicht. Auf Amerikaner darf man sich niemals verlassen.“), mal mit Woody-Allen-gleichen Figuren, Großstadtneurotikern eben.
Freilich ist nicht alles rosig in und um New York: Es ist vollautomatisch, manchmal absurd. Etwa dann, wenn man im Lokal Eatery Käse nur an der Käsekasse, Kaffee nur an der Kaffeekasse kaufen kann. Die 24 Stunden wache Stadt erfordert Wachsamkeit. Nicht umsonst wünscht man sich hier gegenseitig „Have a safe day“. Andrea Grill spart auch seriöse Themen wie Armut, Rassentrennung, Religion nicht aus, lässt den Text dabei aber nie zu bedrückend werden, obwohl sie es doch verdammt ernst meint.

Emily Walton
4. September 2012

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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