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Leseprobe: Cordula Simon - Der potemkinsche Hund.

Schnell musste es weitergehen, immer dem Geruch des Hundes nach, und Anatol machte noch einen Schritt, obwohl er schon längst fiel. Wie eine Sanduhr zwischen den Ohren, die nichts auf Gravitation gab, nach oben und unten gleichermaßen rieselte, der gesamte Sand, den der odessitische Strand in sich hatte, der dort zurückgeblieben war, wie ihn die Touristen in ihren Schuhen mit nach Hause trugen, mit einem gelegentlichen Klirren der Muschelschalen unter ihren Sohlen, das durch seinen Kopf drang, bis all diese Laute vom Kläffen des Hundes abgelöst wurden, der Anatol, wie sein Kopf so am Boden lag, das Gesicht leckte. Er wusste nicht, woher die Kraft nehmen, um weiterzugehen, stemmte sich mit den Händen, bemerkte endlich die Tauben, und andere Menschen beachteten ihn schon, wohl mehr weil er die Tauben so anstarrte, denn weil er umgefallen war. Das Brot war manchmal mehr für Tauben als für Menschen und Anatol stürzte sich dennoch darauf, etwas Unerhörtes, so unerhört wie Čelobaka, der auch hier wie am Sobornij Pložad durch das Taubenmeer tobte, sie erschreckte und verjagte und inmitten der Weißbrotstücke saß, die Zunge aus dem Maul hängend, mit dem Schwanz die Brotstückchen hinter sich teilte, wie ein Scheibenwischer. Und Anatol tat, was sein Hund ihm riet, kroch auf Knien – wie das eine doch schmerzte –, griff Weißbrotstück um Weißbrotstück vom Boden, steckte sie gierig in den Mund, sie waren trocken, waren Staub. Irgendwo trinkt man Wein, sitzt neben irgendjemandem. Čelobaka ist Anatols einziger Jemand. „Du verstehst nicht, dass das kein Leben ist“, sagt er ihm, mit vollen Backen. Und der Hund schüttelte den Kopf als verneinte er, vielleicht schüttelte er sich aber auch nur. Auf Antworten kann man sich nicht verlassen. Trotzdem würde Anatol einfach tun, was er glaubte, dass der Hund ihm befahl.

(S. 133)

© 2012 Picus Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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