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Anna Kim: Anatomie einer Nacht.

Roman.
Berlin: Suhrkamp, 2012.
303 Seiten; gebunden; Euro 20,60.
ISBN: 978-3-518-42323-3.
Link zur Leseprobe
Buchpräsentation im Literaturhaus am 5. 10. 2012

Wenn die Dunkelheit das Leben verwischt …
„Anatomie einer Nacht“ – Anna Kims Roman
über koloniale Verwüstungen auf Grönland

 „Die Nächte in Amarâq sind eine undurchdringliche schwarze Masse, sie sind das, was man sich unter dem Nichts vorstellt, das Bild, an dem das Auge versagt. Und für einen kurzen Moment könnte man glauben, tot und dennoch zu sein: sich am anderen Ende des Lebens zu befinden.“ (S.87)

Mit ihrem Roman „Die gefrorene Zeit“, erschienen 2008, hatte Anna Kim eindrucksvoll belegt, dass sie es versteht, erzählend unheilvollen Verstrickungen des Lebens nachzugehen. War sie damals menschlichen Verwüstungen im Kosovo auf der Spur, so wendet sie sich in ihrem neuen Roman „Anatomie einer Nacht“ den vielfältigen Formen der Entwurzelung zu, die die Kolonialisierung Grönlands durch Dänemark zur Folge hat.
2009 bereiste Anna Kim Grönland, brach zu einer „Erkundungsmission“ auf, bei der es ihr in erster Linie um die Lebenssituation der kolonialisierten Inuit ging, in zweiter Linie um die Faszination einer einzigartigen Landschaft. Die Erkenntnisse der Reise legte sie in dem lesenswerten Essayband „Invasionen des Privaten“ nieder, der 2011 im Literaturverlag Droschl erschien. („Freiheit in Grönland kann man atmen, man kann sie riechen, angreifen, sie ist so real, wie Freiheit nur sein kann.“ ebd. S.79). Im Fokus der geschichtlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Studien sowie der ausführlichen Gespräche stehen die schwerwiegenden Folgen einer – so die offizielle Geschichtsschreibung – „sanften Kolonialisierung“ und die damit verbundenen Fragen der Identität, der Grenzziehung durch Sprache, der sozialen Stigmatisierung und kulturellen „Auslöschung“. Die österreichische Autorin mit koreanischen Wurzeln stößt dabei auch auf Vertrautes, etwa dann, wenn sie aus dem Munde einer Grönländerin erfährt, dass ein „gutes Dänisch ein negatives Vorurteil bricht“ (S.36). Unwillkürlich denkt sie dabei an die „guten Deutschkenntnisse einer Koreanerin“ und ihre damit verbundenen Erfahrungen in Österreich.
Aus diesem reichen „Reisegut“ formt Anna Kim nun einen ebenso faszinierenden wie beklemmenden Roman. Impuls für ihr Erzählen ist die Nacht vom 31. August zum 1. September 2008 in einer kleinen Stadt im armen Osten Grönlands, wo „Gewalt in winzige Häuser drängt und dort gedeiht, als würde sie auf engstem Raum nicht zählen“ (S.255). 1500 Menschen leben in der Siedlung Amâraq, in der alles von Menschenhand Erbaute ausschließlich für eine Übergangszeit errichtet worden ist und wo die Natur nur Unterschlupf gewährt, solange es ihr passt:
Seinem Wesen nach ist Amarâq lediglich ein Vorschlag, der darauf wartet, angenommen zu werden –
Nichts ist überflüssig, alles ist notwendig, nichts existiert bloß, um zu existieren, alles hat zumindest einen, meistens mehrere Zwecke zu erfüllen (…) In Amarâ
q darf ausschließlich existieren, was für das Überleben absolut notwendig ist: die Mindestanzahl an Einrichtungen und Menschen. Das Überflüssige hat sein Dasein aufzugeben (…) doch mit seinem Verschwinden mutiert die Einsamkeit, breitet sich als Isolation langsam in der Bevölkerung aus und infiziert jeden, der sie nicht leugnet, bis alle Bewohner Amarâqs den Keim einer tödlichen Krankheit in sich tragen.“ (S.55f.)

In jener Nacht nahmen sich elf Menschen das Leben. Der Prolog komprimiert die Fabel so: „Die Epidemie fand ihren Höhepunkt im Spätsommer, an der Schwelle zum Herbst. Die elf Selbstmorde geschahen innerhalb von fünf Stunden, in der Nacht von Freitag auf Samstag, ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne Abmachung. Das Sterben breitete sich seuchenartig aus, die Opfer schienen sich nur durch eine Berührung oder durch einen Blick infiziert zu haben – im Nachhinein sprach man von einer Krankheit.“ (S.9)
Dieser Selbstmord-Epidemie stellt sich Anna Kim in ihrem Text. Wichtig zu betonen: Figuren, Orte und Lebensgeschichten sind fiktiv, atmen aber die Luft jenes authentischen Materials, das die Autorin aus Grönland mitgenommen hat. Behutsam Recherchiertes findet so Eingang in die fiktive Welt des Romans und gibt diesem uneingeschränkte Glaubwürdigkeit.
In einer komplexen Erzählstruktur verknüpft Anna Kim Lebensgeschichten von Menschen, die kolonialen Zerstörungen zum Opfer fallen. Dabei geht die Autorin in der Bloßstellung existentieller Not ähnlich schonungslos vor wie Egon Schiele in seinen Bildern und mutet ihren LeserInnen einiges zu: nicht nur in den detaillierten Schilderungen von Wohnsituationen und Beziehungen, sondern auch in der Beschreibung einzelner Suizide. Dennoch: Obwohl eine alles bestimmende Dunkelheit schwer über dem Romangeschehen lastet, erdrückt sie nicht, da einige Figuren etwas von blassen Lichtgestalten an sich haben, die sich dem Sog von Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu entziehen versuchen.

In fünf Abschnitten erzählt Anna Kim die Geschichte jener Nacht, die von 22:00 bis 03:00 reicht. An Laurence Sternes „Tristram Shandy“ erinnernd lassen zwei schwarze Seiten am Beginn jeder Stunde keinen Zweifel aufkommen: Hier wird von einer unheilvollen Nacht berichtet. Gemeinsam mit dem Motto „The nights now are full of wind and destruction“ – einem Satz aus Virginia Woolfs Roman „To the Lighthouse“ - schlägt die Farbe Schwarz den Grundakkord an. Den Todesreigen eröffnen Julie, eine 14jährige Schülerin, und die um acht Jahre ältere Sivke, die beide aus ihrem Beziehungsgestrüpp mit dem Polizisten Jens nicht mehr herausfinden und „von der Nacht verwischt werden“ (S.69). Der obdachlose Keyi verpasst das vielleicht rettende Zusammentreffen mit seiner Tochter Malin (29), die er, als sie vier war, zum letzten Mal gesehen hat. Er hatte damals seine Familie verlassen und „war in die Berge ausgewichen, in denen er versucht hatte, sich in einem Ausmaß zu verirren, dass es ihm niemals wieder möglich sein würde, den Weg zurück zu finden“. (S.119)
Sara Lund, eine 20jährige Studentin, ist nach Grönland zurückgekommen, „um den Ort aufzusuchen, an dem sie etwas zurückgelassen hatte, das sie Heimat nennen wollte“ (S.107). Sie findet „den Gedanken trostreich, den Zeitpunkt des Sterbens selbst bestimmen zu können,“ (S.226) und meint, es sei „Zeit zu gehen“, als sie, die sich „zerschnitten“ und „in viele Stücke zerteilt“ (S.177) erlebt, zur Kenntnis nehmen muss, dass es „das Leben nicht mehr gibt, nicht mehr in seiner bekannten Form – sobald die Erinnerung versiegt“ (S.299). – Soweit vier der elf in den Suizid mündenden Schicksale.
Wie jede große Literatur dringt auch Anna Kims Roman in den thematischen Knoten von Liebe und Tod ein, der in Amarâq besonders verworren ist: „Liebe in Amarâq ist einerseits ein Zeitvertreib, dem jeder nachgeht, weil die Auswahl an Tätigkeiten, Hobbys, beschränkt ist und man meint, dass Liebe wiederholbar sei, andererseits nehmen die Bewohner das Lieben ernst, da es für sie die Hauptsache dessen ist, was ihr Leben bedeutsam macht, sie klammern sich geradezu an sie, denn sie ist anders als die Liebe anderswo, sie ist Rettung, Erlösung: Sie öffnet die Isolation, die Enge, verkürzt die Entfernung zum Horizont und glättet den Himmel. Mit einem Mal erscheint die Erde endlich, man selbst als Teil dieser Welt und nicht wie sonst ausgestoßen.“ (S.50)

„Anatomie einer Nacht“ überzeugt nicht bloß gehaltlich und atmosphärisch, die Autorin begeistert auch mit ihrer hohen Erzählkunst. Ein allwissender Erzähler hält die Fäden der Lebensgeschichten in der Hand, schichtet verschiedene Zeitebenen ineinander und versetzt die LeserInnen mit dem gekonnten Wechsel von Präsens und Präteritum in permanente Aufmerksamkeit: eindringliche Beschreibungen von Natur und Behausungen, atemberaubende Nähe zum Geschehen, dann wieder eine entspannte Distanz zu Vergangenem, das erhellend aufgerollt wird, und immer wieder auch weise Aussagen über das Leben – in ihrem Wechsel erzeugen diese Erzählelemente hochgradige Spannung, stellen aber auch hohe Ansprüche: Der Roman ähnelt einem Tisch, belegt mit Mosaiksteinen, die es zusammenzusetzen gilt. Und das ist nicht einfach angesichts der Palette dunkler Farben.
Hinzu kommt eine Sprache, die an Bildkraft ihresgleichen sucht. Immer wieder überrascht Anna Kim mit Metaphern, die einfach innehalten lassen. Auffallend dabei ist die leitmotivische Metaphorik von Dunkelheit und Leere, die wesentlich zur Kohärenz des Textes beiträgt. In Amâraq „legt sich die Stille, ein dichter Nebel, der den eigenen Atem zum Verbündeten hat“ (S.21) „wie ein weißes Leintuch“ (S.24) über die „vermummte Stadt“ (S.15), und „das Dickicht der Stille vertreibt die Geräusche der Nacht“ (S.28). Als der arbeitslose Per ein Fenster einschlägt, „zerlegt die splitternde Scheibe die nächtliche Stille, die wie üblich entleert ist, als befände sich die Stadt in einem Behälter“, den man „entkorken müsse, auf dass alle Geräusche hineinströmen“ (S.79). Derselbe Per „überlässt sich der Nacht, die sich in ihn gräbt, er spürt, wie sie sich vorarbeitet, ihn Stück für Stück abträgt“ (S.132).

Anna Kim dringt mit außergewöhnlicher Empathie in die Intimität verzweifelter Menschen vor. Der überzeugend gestaltete Kontext – die desaströse Situation der Inuit auf Grönland – gibt dem Roman aber auch eine politische Dimension: Hier legt eine engagierte Autorin den Finger auf eine der zahlreichen Wunden, die es auf dem Territorium der Europäischen Union zu heilen gilt. An zwei Stellen zitiert die Autorin den Titel ihres Romans „Die gefrorene Zeit“ – vielleicht ein Hinweis darauf, dass Anna Kim einen Weg der Kontinuität eingeschlagen hat: mit einem ethisch und künstlerisch hohen Anspruch Texte zu schreiben, die Stellung beziehen. Es gehört zu den Glücksfällen in der Literatur, wenn eine mitreißend erzählte Geschichte sich im Sinne Georg Büchners den „Geringsten“ zuwendet. Verbindet sich das mit einer Sprachkunst vom Feinsten, bleibt kein Wunsch offen.

Herbert Först
11. September 2012

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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