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Helene Flöss: Löwen im Holz.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2003.
220 S.; geb.; Eur[A] 17,90.
ISBN 3-85218-431-2.

Link zur Leseprobe

"Wie ein alter Löwe, Großmutter. Manchmal bricht die Erinnerung als ein Löwe aus dem Holz." (S. 98)

Man fühlt sich bei der Lektüre von Helene Flöss' jüngstem Roman nicht selten an einen expressionistischen Holzschnitt erinnert, reduziert auf das Wesentliche und berührender als jedes detailreiche Sittengemälde.

Aus den Erzählungen der Großmutter, die "das Kind" aufmerksam mitverfolgt, werden der Enkelgeneration Dimensionen des alltäglichen Lebens vermittelt, die tatsächlich wie etwas Unerwartetes, Unfassbares aus der Stille der Vergangenheit in die Gegenwart reichen.

Die Enkelin, im Haus der Großmutter auf Sommerfrische, erfährt gemeinsam mit dem Leser / der Leserin von den Hoffnungen und vom bitteren Erwachen in einer Zeit, da Österreich noch eine Monarchie und Südtirol Teil dieser Monarchie war. Damals waren die Großmutter Lona, Abkömmling der bekannten Grödner Schnitzer-Familie Monins, und der Großvater Fidl Federspiel, ältester Sohn am Paarhof Festenegg insgeheim einander versprochen. Bis zur Hochzeit verstreichen allerdings viele Jahre des Wartens und Bangens um diesen "Alleingeher" (S. 15), dessen Seelenleben vom Krieg und der ukrainischen Gefangenschaft nicht unverschont bleibt.

Mit in die Ehe bringt die Lona unter anderem eine hölzerne Miniatur-Grödnerbahn sowie Stühle mit einer Löwenmähne und einem Löwenmaul, die das Kind vor bösen Träumen bewachen sollen und als roter Faden die Geschehnisse über Jahrzehnte miteinander verbinden. Ihre Mitgift als Tochter des Bergegg-Wirts ist ansehnlich und hilft, die ärmlichen Jahre der Zwischenkriegszeit zu meistern. Nachdem Fidls Briefe an Lona geheim bleiben, wird sein Erbteil kurzer Hand aufgeteilt und keiner seiner Brüder sieht sich veranlasst, bei der Rückkehr des verlorenen Sohnes diesen Handel rückgängig zu machen. So ist der vom Krieg Gebrochene darauf angewiesen, diverse Stellen als Schreiber anzunehmen, mit einem Lohn, der die siebenköpfige Familie gerade über Wasser hält.

Die Ironie des Schicksal will es, dass er während des Zweiten Weltkriegs die unselige Aufgabe zu erfüllen hat, Gefallenenmeldungen zu verfassen, sie so auszuschmücken, auf dass den Hinterbliebenen die Trauer leichter fiele. Als man 1943 vom Tod des eigenen Sohnes Clemens Federspiel an der Ostfront unterrichtet wird, scheint der Kreis des Schreckens sich zu schließen. Auch sein Dienst in der Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwandererstelle zu Beginn des Krieges will es, dass er mit seiner Unterschrift für die Zukunft derer mitverantwortlich wird, die - so wie er - seit Jahrzehnten Zankapfel zweier Länder sind. Deutsch-Tiroler und Walsche wurden im Gebiet des heutigen Südtirol bewusst vom einen wie vom andern Staat gegeneinander aufgehetzt, während im Krieg sowie im Nachkriegs-Alltag - so schildert es Helene Flöss' Roman - Einigkeit zwischen den Vertretern beider Nationalitäten darüber herrscht, dass sie beide durch die Liebe zu ihrer Heimat ein Gefühl der Zusammengehörigkeit verbindet.

Eingespannt zwischen den historischen Ereignissen schildert Helene Flöss die Liebe zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen, zwischen zwei Einzelgängern, die sie - nach allem Grauen - doch noch an das Gute im Menschen glauben lässt. Während Gott im Krieg abhanden gekommen zu sein scheint, wird er von der Großmutter nach wie vor im Gebet wach gehalten.

Darüber hinaus verschafft uns der vorliegende Roman in eindringlicher Weise Einblicke in die Dorfwelt, in das Schicksal russischer hier sowie österreichischer Kriegsgefangener dort, in das Leben als Heimkehrer, der "revolutionär vergiftet" ist. Er versucht mit Vorurteilen aufzuräumen und auf die erschreckende Beeinflussungsbereitschaft unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen.

Was dieses Stück Literatur allerdings unwechselbar werden lässt, ist die Beschreibung von Natur angesichts historischer Verheerung.

"Birken leuchten zart zwischen dunklen Bäumen. Sie stehen vereinzelt wie helle Fohlenfelle zischen dunklen alten Stuten. Der Fidl deckt sich mit dem Zeltblatt zu, im Nacken ein Arm voll Stroh. Mit wachen Augen liegt er da, der Schlaf hat sich ins Stroh verkrochen, der Morgen ist eine Erwartung. Da wetterleuchten mit einem Mal Raketen in der Schneenacht, rote, scharfkantige Wunden zerschneiden das Firmament." (S. 44)

Claudia Holly
25. Jänner 2004

Originalbeitrag

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