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Lisa Spalt: Dings.

Wien: Czernin-Verlag, 2012.
120 Seiten; geb.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-7076-0428-3.
Link zur Leseprobe
Buchpräsentation im Literaturhaus am 28. 09. 2012

Totale: eine Großstadt. Wien, Paris, Los Angeles wohl in Wirklichkeit (so zumindest liest es sich aus dem Klappentext), doch auch ein Ruhrgebietsort wäre letztlich denkbar gewesen, denn die nächste Einstellung geht nach unten auf den Gehweg: ein „Dings“, ein Fundstück, bizarres Überbleibsel auf dem Asphalt. Ein zerfurchtes Stück Plastik, ein kaputter Metallring, was auch immer. Auf den ersten Blick: Müll. Sein Wesen, seine Funktion – verstellt für den Betrachter.

Aus dieser Perspektive heraus setzt das Buch „Dings“ an, das die 1970 in Hohenems geborene und seit 1989 in Wien lebende Autorin Lisa Spalt soeben im Czernin-Verlag vorgelegt hat. Doch schon bald hebt sich der innere Blick, im Sachen-Finden und aus deren minutiöser Beschreibung heraus entspinnt sich immer mehr ein kluger Gedankenfilm von geradezu essayistischem Scharfsinn. Spalt führt uns mit jeder ihrer literarischen Fortschreibungen die absurden Verschlingungen unseres Denkens, Handelns, Empfindens und unseres Eingebettetseins in die eigene und die (wenn es sie denn gibt) absolute Zeit vor, ausgehend von aufgefundenen Fragmenten, die für sich genommen genauso bedeutungslos sind wie die Geschehnisse, die wir wahrzunehmen imstande sind: „Das unfassbare Objekt, das dem unfassbaren Vorgang den Tassenhenkel des Vergleichs anschweißt.“ (S.12).

Was zunächst verwirrt, ist der scheinbar beliebige Umgang in der Benennung der „handelnden“ Personen (wenn man in dieser collagierten Prosakonstruktion denn überhaupt irgendwie von Handlung sprechen soll) namens Ich und Du. Einmal erscheint das Du tatsächlich als ein Gegenüber, nicht selten sogar als ein sehr vertrautes („Liebes, ich sehe die Welt durch dich“, S.12/13 oder „Küsst du mein Portrait?“, S.116). Dann wieder ist es, auch mitunter mitten im Satz, ganz eindeutig Spiegel des Ich, eine Distanz zu schaffen suchende Eigenbezeichnung. Und am häufigsten scheint es ein direktes Ansprechen des Lesers zu sein. Doch gerade in diesem scheinbar willkürlichen Ineinanderfallen der Personen offenbart sich Spalts Fähigkeit, unseren Blickwinkel immer wieder zu relativieren. Man fühlt sich an die sprichwörtliche verunglückte verbale Empörung erinnert: „Glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben.“ Und glauben Sie auch nicht, WAS Sie vor sich haben – es ist stets nur ein Zeichen für etwas anderes.

In den durchnummerierten Textabschnitten erfahren wir viel über die Bedeutung von Codierung, die jedes Fundstück in sich birgt. „Das Ereignis der filmischen Handlung wird zur bloßen Illustration der Soundspur. Es kann bald weggelassen werden.“ (S.52). Die „Dingse“ (die auch wie in diesem Fall ein Musik-Schnipsel sein können) sprechen, jedoch über sich selbst am wenigsten, sie verweisen auf ein Geschehen, das in der Wiederholung nicht mehr stattzufinden braucht, wenn nur das magische „Dings“ dazu aufgerufen wird. Aber auch die eigene Persönlichkeit wird dadurch beeinflusst, verändert, willentlich oder zufällig in Mitleidenschaft gezogen: „Du versuchst dann im Vorübergehen, deinen Schatten mit dem auf den Boden gepinselten Umriss eines riesigen Mannes zur Deckung zu bringen, als dessen wiederbelebte Erinnerung du dich wie eine Gussmasse herstellen möchtest.“ (S.74). Und ist trotzdem imstande, auch schmerzlich-schöpferisch tätig zu sein, nicht nur als bloßes Objekt zu fungieren: „Die Axt deines Blicks, die in den Menschen eindringt, ihm nach und nach sein momentanes Gesicht gibt.“ (S.79).

Wie in einem technischen Handbuch aus früheren Zeiten sind in regelmäßigem Abstand Doppelseiten mit einfachen Zeichnungen der benannten „Dingse“ eingefügt, die wie archaische Abbildungen von Artefakten einer versunkenen Kultur wirken: freilich nur für einen geringen Teil von ihnen, wobei die Darstellungen noch nicht einmal alle den Textnummern zugeordnet wurden. Die dergestalt angetäuschte illustrierende Interpretationshilfe führt so in vielen Fällen nur in weitere Fallen, die uns Lisa Spalt immer wieder lustvoll aufstellt.

Diese Prosa ist trotz ihrer deskriptiven Genauigkeit auch immer wieder rätselhaft, sowohl in sprachlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht. Das erschreckt zunächst fast, erfrischt dann aber mehr und mehr, sobald man beginnt, sich auf ihren entgrenzenden Duktus und ihre konsequente Offenheit der Wahrnehmung und des Weiter- und Tieferdenkens in alle Richtungen einzulassen. Sie arbeitet auf allen ihr notwendig erscheinenden Sprachebenen, von geradezu sezierend-wissenschaftlicher bis hin zu lyrischer Sprechweise, und bringt diese erstaunlich nahtlos und ohne dass wir beim Lesen etwas wie einen Stilbruch verspüren zusammen. Das allein ist schon große Kunst und nötigt Respekt ab. Doch die eigentliche Leistung von Lisa Spalt „Dings“ liegt darin begründet, innere Räume des Lesers zu erreichen, die dieser selbst vor sich verschlossen hat: „Deine unfertige, immer noch im Zustand der Entscheidung zum Ding befindliche Seele. Eine feuchte Klebefolie, die von einem verlassenen Moment abgezogen ist.“ (S.19).

Wie kann man Lisa Spalts „Dings“ am besten zu erfassen versuchen? Indem man es immer wieder zur Hand nimmt, sich immer wieder faszinieren lässt von dem skurrilen Ernst ihrer alles andere als alltäglichen Versuchsanordnungen, die Wirklichkeit zu erfassen, von der liebevollen Detailversessenheit, von der mitunter verzweifelten Nachdenklichkeit. Freilich sperrt sich das Buch gegen den prosaischen Lesefluss, den wir gewöhnt sein mögen. Die Unterteilung in dreihundertdreißig aufeinanderfolgende literarische Häppchen, von denen jedes ausreichend Ding(s)lich-Gedanklich-Philosophisch-Psychologisches enthält, um sich eine gute Weile damit beschäftigen zu können, mag uns die Annäherung an diese Form der Literatur erleichtern. Eine Erkenntnis des mit-schöpferischen Lesers, den dieses Buch fordert und fördert, könnte freilich die sein: Was Lisa Spalt tut, ist prinzipiell jedem möglich – wenn wohl auch nicht auf so sprachlich anspruchsvollem Niveau – der den Mut zum Hinsehen und zum Weiterspüren hat, und sei es nur im gesenkten Kopfes Einherschreiten.

Marcus Neuert
25. September 2012

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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