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Ulrike Kotzina: Staudamm.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2012.
219 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-85452-686-5.

Link zur Leseprobe

Ulrike Kotzinas Ich-Erzählerin Hannah ist eine genaue und kühle Beobachterin. Eigenschaften wie Distanziertheit, Selbstbeherrschung und Disziplin scheinen auf sie perfekt zu passen - konträr dazu verläuft die Geschichte ihrer verschwundenen Tante Tilda.
Hannah ist Studentin der Psychologie, was vermuten lässt, dass sie einen geschulten Umgang nicht nur mit der eigenen, sondern auch mit der Psyche anderer pflegt. Vielleicht ist es deshalb nicht erstaunlich, dass sie, einmal von dem engen Zuhause im steirischen Salzkammergut ausgezogen, klare Verhältnisse geschaffen hat. Seit Beginn des Studiums kehrt sie nur mehr zu Weihnachten nach Hause zurück, denn mit den Eltern scheint sie wenig bis nichts zu verbinden: der Vater ist als Bürgermeister eine machtgierige Persönlichkeit, die Mutter wirkt unscheinbar und unterdrückt. Seit 25 Jahren gilt Hannahs Tante Tilda, eine der Schwestern der Mutter, als verschollen. Alles könnte bleiben wie es ist, nämlich das Vergangene unter den Teppich gekehrt und Hannah auf Distanz dazu - wäre da nicht Dora, die temperamentvolle zweite Schwester der Mutter. Sie taucht eines Tages bei Hannah mit einer Fotografie auf und meint, auf dieser Tilda bei einer Straßendemonstration zu erkennen. Da Dora Hannah beschwört, ihr bei der Suche nach Tilda behilflich zu sein, erklärt sich diese zur Nachforschung bereit.

In mäandrierenden Erinnerungen nähert sich Hannah dem Heimatort am See, dieser Heimat, der sie ebenso entfremdet ist wie den Eltern. Nach außen hin ist es kaum wahrnehmbar, aber Hannah steht unter großem Druck: „Dann versuchte ich es wieder, mit geschlossenen Augen: Luft zu holen, auszuatmen, loszulassen, zu entspannen, Nacken, Schultern, Rücken, Hüften, Schenkel dem Sitz anzupassen, als wäre alles gut.“ (S.73) An ihren Gefühlen lässt Hannah ihre LeserInnen trotzdem wenig teilhaben, vielmehr gibt sie sich den neutralen Status einer „Detektivin“. Nur über die distanzierte Beobachtung gelingt es ihr, nicht in den Strudel der familiären und dörflichen Tratsch-und Verzerrungsstrukturen hineingezogen zu werden. In der Natur findet sie Ausgleich und Ruhe, hier ist ihr wahres Zuhause bis zum entscheidenden Moment, in dem alles, was bisher als „wahr“ gegolten hat, als Lüge entlarvt wird. Da wird selbst die Natur übergriffig, zerrt Hannah ins Geschehen (siehe Leseprobe), aus dem sie sich so entschlossen heraushalten will, und vertreibt sie letztendlich - ein sehr gelungener Kunstgriff der Autorin. Konsequent erzeugt Ulrike Kotzina eine Spannungsgeladenheit, die dem übermächtigen Druck hinter einem Staudamm gleichkommt.
Der „Staudamm“, ein Symbol für die Macht, die Hannahs Vater im Dorf auf sich konzentriert, bekommt nun einen (vorerst physischen) Riss. Mit derartigen symbolhaften Geschehnissen arbeitet die Autorin die Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern, aber auch zwischen den einzelnen Mitgliedern der Dorfgemeinde heraus – und immer wieder steht Tante Tilda im Zentrum der Erinnerungen. Erinnerungen, die einst versenkt, nun unaufhaltsam an die Oberfläche drängen: Tilda, die sich selbstbewusst über Konventionen hinwegsetzte, Tilda, die schillernde „Femme fatale“, die den Männern die Köpfe verdrehte. Wohin war sie verschwunden? War sie wirklich tot? Und wer hatte Interesse daran, sie für tot zu erklären?
Das Verhalten von Hannahs Eltern wird immer fragwürdiger und mitten in dem Aufklärungsprozess, mit dem sie ganz Kammersee auf den Kopf stellt, zieht Hannah sich zurück. Obwohl die Mutter endlich so etwas wie Widerstand und der Vater sich offen gewalttätig zeigt, obwohl nichts über das Verschwinden von Tante Tilda geklärt ist, reist Hannah wie vor sieben Jahren mit dem Zug in die Stadt und begibt sich auf den Rückzug. Ihr eigenes Leben ist ihr fremd geworden, fremd irrt sie durch die Stadt, fremd starrt ihr die eigene Wohnung entgegen. Wie nach einem Schock, den sie erlitten hat, spürt sie keinen Schmerz.

Distanz ist ein Mittel, mit dem die Ich-Erzählerin Hannah zum Schutze ihrer Seele arbeitet. Distanz ist auch ein erzählerisches Mittel, das Ulrike Kotzina anwendet: immer wieder schiebt sie lange, sehr ausführliche Beschreibungen von Menschen und Orten zwischen Hannah und die Fortentwicklung der Geschehnisse - wie um ihr die Chance zum unversehrten Ausstieg zu geben. Der 1970 geborenen Wiener Autorin ist ein spannendes Debut gelungen, das durch kluge Durchleuchtung der Psyche und sicheren Umgang mit dem Wort besticht.

Beatrice Simonsen
27. September 2012


Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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