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Radek Knapp: Reise nach Kalino.

Roman.
München-Zürich: Piper Verlag, 2012.
254 Seiten; gebunden;  Euro 20,60.
ISBN 978-3-492-05472-0.

Leseprobe

Autor

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Radek Knapp kann es. Was immer er sich schreiberisch vornimmt, es gelingt, so auch der Pseudo-Detektivroman „Reise nach Kalino“, der sich über weite Strecken liest wie eine „Gebrauchsanweisung für Kalino“, die Stadt der „Papiergesichter“, die Kalinianer sowie sonstige Heldinnen und Helden.
Zum
„Kalino“-Super-Helden wird Julius Werkazy, ein heruntergekommener Detektiv, der eines Morgens einen Anruf entgegennimmt, der seinem Leben einen Schwung gibt, wie er ihn bis dahin nicht gekannt hat. Schon wenige Stunden nach dem verheißungsvollen und hohes Honorar versprechenden Anruf sitzt Werkazy in einem Zug, der ihm wie ein rollender Tresor vorkommt. Er ist auf dem Weg nach Kalino, das vor ihm kein Fremder betreten hat, weil es seit drei Jahrzehnten „vollkommen abgeschottet von der Außenwelt“ (S.12) sein eigenes Leben führt. Atmosphärisch ist Kalino irgendwie (nicht irgendwo!) in Polen angesiedelt.
Gleich nach der Ankunft lernt der Detektiv den (Landes-)Gründer F. Osmos, eine Art Gott für die billigen Ränge, kennen, der ihn rufen hat lassen, weil sich in seinem Reich etwas Unerhörtes ereignet hat: „Vor drei Tagen passierte etwas sehr Bedauerliches. Es gab den ersten Todesfall in der Geschichte von Kalino.“ (S.35.)
Diesen Todesfall soll nun Werkazy aufklären. Sein ungewöhnlicher Auftrag ist damit verbunden, dem Rätsel der Kalinianer auf den Grund zu gehen: Niemand scheint älter als dreißig Jahre zu sein. Während Werkazy erste Früchte seiner Ermittlungsarbeit erntet, beginnt er zu begreifen, dass Osmos ihn nicht zufällig angeheuert hat, zumal es -zig bessere Ermittler als ihn gegeben hätte. Hinter allem steckt natürlich ein ausgeklügelter Plan.
Und hinter diesem durchkonstruierten Grundriss steckt ein Autor mit seiner Riesenphantasie. Was sich Radek Knapp hier ausgedacht hat, ist nicht nur Osmos, sondern ein eigener Kosmos, so dass der Mann, der hier gleichsam den Vizechef macht, meint, der Garten Eden sehe dagegen aus „wie ein billiger Würstelstand“ (S.224).
Zum Krimi selbst sei nur eines vorweggenommen. Die Leiche, deren Mörder Werkazy sucht, existiert nicht… Mehr sei nicht offen gelegt, damit der freie Lauf der Phantasie nicht ohne Notwendigkeit entschleunigt wird.

Der Verlag sieht Radek Knapps Vorbilder in Paul Auster und Philip K. Dick, was durchaus stimmen mag. Für mich gibt es nach der Lektüre von „Kalino“ aber noch andere Indizien und Spuren. Einerseits entfernte Anklänge an Knapps Landsmann Stanislaw Lem und andererseits unverkennbar an George Orwells „1984“.
Wenn Orwell seinen Roman über eine erschreckende Welt geschrieben hat, dann hat Knapp drei
oder vier Tagebuchblätter im Detail herauskristallisiert, sozusagen als eine genau ausgearbeitete Orwell-Episode.
Das
Knapp-Tagebuch widmet sich beispielsweise einer sehr intensiven Beschreibung Kalinos, die bis zum Duft der parfümierten Straßen (S.58) reicht. Dieser Roman lebt, wie schon andere Knapp-Bücher, auch von den vielen und schlagfertigen Dia- und Polylogen sowie dem sprühenden Wortwitz („Ich hatte schon Toaster, die charmanter waren…“, S.110). Insgesamt ist „Kalino“ eine wohl dosierte Mischung aus Belletristik, klassischem Krimi, Krimi-Parodie und Science Fiction. Verraten sei, dass der klassische Sex nicht einmal andeutungsweise vorkommt. Wohl gemerkt, der klassische…
Radek Knapp ist mit ausgesprochen viel Phantasie eine traumhafte und fast zauberische Geschichte gelungen, die zunächst so gewagt klingt, so dass man sich während der Lektüre immer wieder fragt, wie der Erzähler letztlich „die Kurve kratzen“ wird. Es gelingt ihm, zwar mit hohem Tempo, aber nachvollziehbar und schlüssig.

Knapps Buchs ist wie ein Märchen ohne Könige und Prinzessinnen. Doch bevölkern den Garten, der, wie gesagt, schöner ist als jede Würstelbude, Typen vom Format eines Hans im Glück oder des tapferen Schneiderleins, ohne dass hinter irgendeiner Ecke die Gebrüder Grimm hervorlugen würden.
Also, auf nach „Kalino“!

Janko Ferk
2. Oktober 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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