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Lilian Faschinger: Die Unzertrennlichen.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2012.
320 S.; geb; EUR (A) 20,50.
ISBN 978-3-552-05577-3.

Leseprobe

Autorin

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Ein Todesfall führt Sissi Fux zurück. Zurück in den Sausal, das Hügelland in der Südsteiermark an der Grenze zu Slowenien zwischen den Flüssen Sulm und Laßnitz, in dem sie aufwuchs und das sie einst verließ, um nach Graz aufs Gymnasium zu wechseln und dort zu maturieren. Zurück zu den ungeliebten, ihr wesensfremden Anverwandten, an deren Spitze die „Hexe“ steht, die so scharfzüngige wie mitleidlos harte Großmutter. Zurück zum Vater, der einige Tage zuvor mit Mitte 50 in einer von ihm bewohnten alten Mühle die Stiege herunterfiel und sich das Genick brach. Der Vater war ein Außenseiter im strukturell fest gefügten Dorf, weil er andere Musik hörte – vor allem wilden Pop der hedonistischen Siebziger Jahre –, weil er einst eine Brasilianerin heiratete, mit ihr einige Jahre im Sausal lebte, bevor sie ihn verließ. Weil er das gelebte Gegenteil zu den frömmlerischen, xenophoben, alles Fremde – und das Fremde beginnt an der Gemeindegrenze – ablehnenden, körperlich hart arbeitenden Dorfbewohnern war: ein Tagedieb, ein Alkoholiker, ein Liebhaber lautstark abgespielter Rockmusik. Sissi, die in Wien als Rechtsmedizinerin lebt, wird bereits vor dem Begräbnis konfrontiert mit all dem, wovor sie geflohen ist: hämische Nachrede, sture Rechthaberei, gehässige Bigotterie. Und dann schlägt während der Grablege furios ein Blitz in die so heuchlerische Trauergemeinde ein, die Nebeneinanderstehenden gischt es auseinander, Sissi landet auf dem Sarg, andere erleiden schwerere gesundheitliche Schäden – und der umgehend auftauchende Ortsarzt Stefan König versorgt alle. Und etwas Neues, Altes beginnt zwischen Sissi und Stefan.

Denn lange Jahre zuvor bildeten sie, er und Stefans Frau Regina, die zugleich Sissis beste Freundin war, ein geradezu unzertrennliches Trio amicale. Vor etwas mehr als zwei Jahren ist Regina, eine gefeierte Sängerin, während eines Urlaubsaufenthaltes auf der Insel Procida beim Schwimmen nicht mehr aufgetaucht, ist abgängig, verschollen. Seither lebt Stefan allein in dem Haus auf der Hügelkuppe, das mehr einem Mausoleum gleicht denn einem wohnlichen Heim. Es entspinnt sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung. Dabei lässt Sissi, die sich erotisch nie so recht zwischen Männern und Frauen hat entscheiden können, ihre neue Wiener Geliebte Emma entgleiten. Lilian Faschinger, die in Wien lebende Kärtner Autorin, die als erste in ihrer Familie eine Universität besuchen konnte und nach der Promotion lange Anglistik in Graz lehrte, bevor sie sich 1992 endgültig für das Schreiben entschied, lässt Sissi Fux nun immer wieder in den Sausal fahren, mehr als ein halbes Jahr lang. Immer intensiver wird die Beziehung, hie und da punktiert durch besonders starke Erinnerungsstücke an Regina, die Verschollene, die, das verrät schon der Name, als Königin im Hintergrund die Memorialfäden zieht. Was dazu führt, dass Sissi, allein, nach Procida reist, auf den Spuren Reginas und ihres Verschwindens. Durch Zufall gelangt sie dort in den Besitz eines USB-Sticks, auf dem Regina Jahre lang Journaleinträge gespeichert hat. Die Lektüre verkehrt vieles, wenn nicht alles ins Gegenteil: Die Sympathie zu Sissi war nur vorgetäuscht, statt dessen empfand Regina für sie Abscheu, Verachtung, Widerwillen; Regina betrog ihren Mann multipel und mit System, ja, ihr bereitete es geradezu unbändiges sadistisches Vergnügen, ihn mit intimen Details zu sekkieren und zu quälen.

Es summieren sich für die derart ernüchterte Sissi, die die Vergangenheit jetzt anders betrachten muss, die Anzeichen dafür, dass das Ableben Reginas keineswegs so abgelaufen sein kann, wie dies den Erzählungen Stefans zu entnehmen ist. Das kulminiert im Winter dann im Zufallsfund einer Leiche in einem tiefen Waldsee, der zur Dorfgemeinde gehört. Dieser Fund öffnet Sissi endgültig die Augen, und bringt sie in Lebensgefahr, aus der sie am Ende gerettet wird. Und die alten hetzerischen Dorfbewohner haben es im Postludium eh schon immer gewusst, wer der Täter war und dass man allen Zugezogenen ja bekanntlich nicht trauen kann ...

Das Buch ist teils eine grobe Groteske, teils eine feinkriminalistisch grundierte Liebes- und Suchgeschichte, wobei Lilian Faschinger allerdings bewusst sämtliche Regularien ignoriert, die einen Kriminalroman traditionell ausmachen. Schon ihr letzter Roman „Stadt der Verlierer“ war keineswegs ein diesem Genre verpflichtetes Buch, auch wenn es irritierenderweise mit dem Friedrich-Glauser-Preis bedacht wurde.
Zugleich ist dies ein Buch über das Verschwinden, das Sich-Finden und ein leeres Zentrum. Denn die Hauptfigur Sissi Fux, mutterlos aufgewachsen in Strukturen, die sie von klein auf abgelehnt hat, und dann auch vaterlos, weil ihr Erzeuger dieser Rolle nie gerecht wurde, ist zerrissen. Sie ist zerrissen in sexueller Hinsicht, in emotionaler Hinsicht, in geographischer Hinsicht (Wien ist für sie, heißt es an einer Stelle, keine Heimat, gerade einmal ein Aufenthaltsort, um dem Beruf nachzugehen). Kunstvoll wird mit physischen Verheerungen hantiert, mit beschädigten Beinen und Füßen, mit Taubheit und Wachheit, mit flirrenden Realitätspigmenten und alles zuzementierenden Vorurteilsstrukturen im tiefsten Österreich.

Alexander Kluy
4. Oktober 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensonen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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