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Walter Grond: Mein Tagtraum Triest.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2012.
176 S.; geb; EUR (A) 19,90.
ISBN 978-3-7099-7003-4.

Leseprobe

Autor

„Triest Theater am Meer“ nannte die Leipziger Autorin Angela Krauß vor fünf Jahren ein schmales, poetisches, schön illustriertes Büchlein über die istrische Hafenstadt. „Unbewußt,“ so Angela Krauß einige Jahre zuvor in einer ihrer Poetikvorlesungen, die jedoch die Impressionen des impressionistischen Stadtbandes vorwegnahm, „arbeiten wir an unserer Ergänzung zur Vollkommenheit, alles, was wir unternehmen, zielt heimlich auf ein Ganzes“.
Triest Großvater am Meer: So hätte der 1957 geborene Walter Grond, der lange in Graz lebte und seit Jahren in der Wachau ansässig ist, wo er für die Europäischen Literaturtage in Spitz an der Donau ebenso verantwortlich zeichnet wie für die Internet-Literaturplattform readme.cc, seinen neuesten Roman ebenfalls nennen können. Denn auch dieses Buch, das eine wahre Familiengeschichte ist und doch von vorne bis hinten eine Romanfantasie – und deshalb auch zu Recht vom Verlag diese Bezeichnung verliehen bekam –, zielt auf Vollkommenheit und auf ein Ganzes. Auf den ganzen Großvater. Und, eine Textschicht tiefer, auf das, was ein gelingendes Leben ausmacht. Beziehungsweise auf dessen Möglichkeitsform: was ein gelingendes Leben hätte ausmachen können.
Der Großvater, ein aus Böhmen gebürtiger Ingenieur mit dem für österreichische Verhältnisse leicht exotischen Namen Liborius Zeeman, lebte und arbeitete lange in Triest. Grond kannte ihn nicht, weil Zeeman lange vor seiner Geburt verstarb. Aus ganz wenigen blassen bis verblassten Memorialstücken, einer kleinen Handvoll erhalten gebliebener Dokumente, die Grond ausheben ließ, sowie auf der Basis transparenter Erinnerungsfetzen an Gespräche, Tratschereien, anekdotische Bemerkungen im Familienkreis und mittels viel Fantasie bringt er ihn zurück ins Leben.

Zugleich erzählt Grond von einer multilingualen, kosmopolitischen Stadt namens Triest zwischen den frühen 1890er Jahren und 1915, als sie zur Habsburgermonarchie gehörte und die viertgrößte Metropole jenes Reiches war (1915 übersiedelte der Großvater Zeeman aus Görz nach Graz). Während Zeeman damals sehr rasch Karriere macht als hoch talentierter Ingenieur des genialen Prager Schiffskonstrukteurs Siegfried Popper, wovon Grond überaus lebendig erzählt, zerfällt die Stadt in unzählige Fraktionen, die sich ablehnend bis feindlich gegenüberstehen: in italienische Irredentisten, in altösterreichische Militärs, die vor allem im Außenposten Pola, dem heutigen Pula, ein von der Umwelt komplett abgeschottetes Leben führen, in slowenische und kroatische Hausmädchen und Arbeiter, in Nationalisten, internationalistische Gewerkschafter, international tätige Kaufleute und Müßiggänger im Kaffeehaus, hinzu kommen noch sprachlich frei flottierende Ausländer, die in Triest und Pula Arbeit fanden, doch, wie beispielsweise ein irischer Lehrer an der Berlitz-Schule mit Namen James Joyce, das franko-josephinische System nur mit Abscheu betrachten.
Mittendrin imaginiert Grond seinen arbeitenden, flanierenden, sich in höherem Alter unstandesgemäß verliebenden Großvater Liborius. Und findet von dort, von Triest, in Erinnerungsschleifen näher und näher an die Gegenwart: zu seinem Vater, einem Arzt, der starb, als Walter Grond ein Jugendlicher war, und der in einem steirischen Bergdorf ordinierte, wobei das gesamte Urbane des Vorfahren verloren ging, ebenso wie lange zuvor, in den frühen 1930er Jahren, das Familienvermögen; und in einer weiteren Schleife zu sich selber, zu traumatisierenden Erfahrungen in einem katholischen Internat, zum Träumen und zum Schreiben, die in eins fallen. Und auf diese Weise wird vor allem auf den letzten Seiten diese Familien- und Verfalls- und Familienverfallsgeschichte zum sich aufsplitternden „Confabularium“ im Sinne des mexikanischen Autors Juan José Arreola: zu einem Panoptikum der Melancholie und des Rückblicks, zu einem Kaleidoskop des Besinnens wie des lebensfrohen Ausmalens von Situationen, Gefühlen und Verhaltensweisen, zur Reflexion reflektierten Erzählens. All dies bündelt sich als Spekulation von Lebenspartikeln wie als spekulative Biographie in den teils paradoxen, teils politisch bestürzend aktuellen Konstellationen einer Stadt namens Triest. Lobte vor Jahren der Berliner Osteuropahistoriker Karl Schlögel in einer Rede auf den Triestiner Autor und Germanistikprofessor Claudio Magris Triest als „Mitteleuropa im Kleinen, Europa en miniature“, so gerät die Stadt bei Grond zum Fluchtpunkt und zur Erkenntnisstätte einer romanhaften Recherche nach der verlorenen Zeit – der seines Vaters, der seiner Familie, der seiner selbst.
Kunstvoll ironisch ist das allerletzte Kapitel „In der Mitte des Lebens“ überschrieben, darin beschrieben wird das Erwachen der Stadt Triest zu morgendlichem Leben und das Erwachen des Autors aus einem nie endenden Tagtraum, der gleichfalls diesen Namen trägt und damit Sehnsucht, Leben, Gegenwart und Vergangenheit transportiert: Triest.

Alexander Kluy
10. Oktober 2012


Originalbeitrag

Für die Rezensonen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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