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Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung.

Roman.
Hamburg: Hoffmann & Campe, 2012.
239 S; Hardcover; Euro 19,90.
ISBN 978-3-455-40418-0.

Leseprobe

Autor

„Ein Satz darf also nie über sich selbst sprechen. Wie in dem Satz: Wer das liest, der ist blöd. Das ist verboten“, sinniert eine der Frauen, in die Benjamin Lee Baumgartner sich im Laufe seines Lebens verliebt, über das Lügner-Paradoxon und das „Verbot“ des Logikers Alfred Tarski, Objektsprache und Metasprache zu vermischen. Und irgendwo im Hintergrund bricht derweil die Vogelgrippe aus. Denn wenn Benjamin Lee Baumgartner sich verliebt, besteht in der Regel höchste Ansteckungsgefahr. Zufälle sind hier hübsch drapiert und so inszeniert, dass die Hauptfigur etwas Schicksalhaftes dahinter vermutet: Liebe und Krankheit hängen nachgerade untrennbar zusammen.

Wolf Haas experimentiert auch in seinem jüngsten Roman „Die Verteidigung der Missionarstellung“ wieder gewitzt und witzig mit Sprache und Erzählformen; er spielt mit unserer Erwartungshaltung und dem Genre des Romans. Er inszeniert den Schreibprozess und tritt selbst als Figur auf bzw. lässt ein Alter Ego auftreten, das Wolf Haas heißt und Romane schreibt und ein Pornogedicht an der Wand hängen hat, das – ganz zufällig – den Titel „Verteidigung der Missionarsstellung“ trägt. Was beginnt wie eine ironisch geschriebene, aber konventionelle Liebesgeschichte, erhält rasch erste Risse und Brüche. Und dann stellt sich heraus: die Brüche sind das eigentliche – durchaus vielschichtige – Programm.

Es geht dann auch weniger um die Liebe als um Schreiben und Sprache und um die Liebe zum Schreiben und zur Sprache, die dazu führt, dass man Leser/innen auch ein wenig an linguistischen Überlegungen und der Entstehung eines Textes teilhaben lassen möchte – oder auch nur so tut, als ob. Was ist, was war und was sein könnte, sind Kategorien, die hier ebenso verwischt werden wie die Grenze zwischen „Fug“ und Unfug, temporalen und kausalen Beziehungen oder zwischen Objektsprache und Metasprache – und anderen Sprachen. Schon zu Beginn wird zwischen Englisch und Deutsch gewechselt, und später wird es dann überhaupt Chinesisch. An diesen Stellen werden die meisten Lesenden wohl sehr offensichtlich an die Grenzen ihrer Erkenntnismöglichkeiten stoßen.

„Regeln“ zu brechen und neu zu definieren ist ein literarisches Vergnügen mit üppiger Tradition – und so werden Objektsprache und Metasprache lustvoll vermischt, auch unter Zuhilfenahme des Layouts. Wenn z.B. jemand theoretische Ausführungen quer gelesen hat, dann ist ein zusammenfassender Satz diagonal über die ganze Seite gesetzt, wenn jemandem nichts einfällt, starren wir auf ein weißes Blatt und wenn eine enge Liftkabine abwärts fährt, dann fährt der Text auf der Seite gleich mit: ein rechteckiges Kästchen in Schriftgröße zweieinhalb. Auch der Schreibprozess ist Teil des Romans. Der Schriftsteller (= die Schriftstellerfigur) bringt sich immer wieder mit Metakommentaren zum Text ein: Stellen sollen genauer ausgearbeitet, gestrichen oder verschoben werden – und den nach hinten verschobenen Passagen begegnen wir später tatsächlich noch einmal.

Das schafft Authentizität in einer Hinsicht und untergräbt sie in einer anderen: Der Text verleiht (augenzwinkernd) „Einblicke in die Schriftstellerwerkstatt“, und stößt uns an allen Ecken und Enden darauf, dass diese Geschichte ein konstruiertes Gebilde ist, dass man manches auch ganz anders erzählen oder ganz weglassen könnte und dass es eigentlich oft gar nicht so sehr um die Handlung als vielmehr um etwas anderes geht: um das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit und um verschiedene Perspektiven auf eine Begebenheit, die sehr unterschiedliche Versionen von Wirklichkeitsdarstellung hervorbringen können. Auch wenn bestimmt nicht alle Kreter (immer) lügen, kann wohl nie ein Mensch die ganze Wahrheit sagen. Denn dafür müsste er sie erst einmal kennen. Und darüber hinaus würde sie auch noch in jeder (sprachlichen) Verpackung, in jedem „Code“ ein bisschen anders klingen.

Codeswitching ist Programm in diesem Roman, nicht nur in Bezug auf Einzelsprachen im mehrsprachigen Kontext, sondern vielmehr im Sinne eines weiteren „Code“-Begriffs, der sich auf vielerlei beziehen kann: auf literarische Traditionen vom antiken bzw. mittelalterlichen Kalligramm bis hin zu experimentellen Texten des 20. und 21. Jahrhunderts und andere intertextuelle Anspielungen, auf Branchen (Werbung, Sprachunterricht), auf Genres, auf Erzählerrollen, auf kulturelle Präsuppositionen aller Art …
Alles fließt –
und alles fließt ein.
Und wir fließen mit – mit Vergnügen.

Sabine Dengscherz
16. Oktober 2012


Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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