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Günther Kaip: Im Rhythmus der Räume.

Prosaminiaturen.
Wien: Klever Verlag, 2012.
136 Seiten; broschiert; Euro 15,90.
ISBN 978-3-902665-49-2.

Leseprobe

Autor

Günther Kaip verfährt zuweilen in seinem neuen Band „Im Rhythmus der Räume“ ein bisschen wie Scheherazade in Edgar Allen Poes Geschichte „Die 1002. Nacht der Scheherazade“: Er stellt Behauptungen auf, die nach allgemeinem Dafürhalten plausibel sind, doch löst er sie aus ihren Kontexten, Rahmen, bricht die Bilder wie Gläser aus ihren Vergleichsbrillen, sodass wir – wie der Kalif – laut aufschreien ob der Phantastereien, mit denen uns der Autor hier überhäuft. „Da trat ein Punkt in den Raum … drang in alle Räume – und wuchs und wuchs.“ – Der Punkt als geometrisches Abstraktum wird also in dieser Prosaminiatur ubiquitär geortet: Ja, natürlich ist an jeder Stelle des Raumes der „Punkt“ zu finden, nämlich wenn er abstrakt, als Name gefunden werden soll – und wenn er denn überall ist, ist es dann nicht logisch, ihn zunehmen, wachsen zu sehen?
Das ist aber nun ein wenig, als frage man sich, ob eine unendlich lange Strecke gleich unendlich ist wie eine andere, wenn sie um zehn Zentimeter kürzer ist: Unsere Logik funktioniert einfach nur, wenn der vorgeschriebene Betrachtungsrahmen beibehalten wird. Sonst landen wir ganz schnell in Alice’s Wunderland oder eben – bei Günther Kaip – in einem surrealen Universum, das einer jedoch fast immer irgendwie nachvollziehbaren Traumlogik folgt.

So reflektiert Kaip das Entstehen von Fiktionen, indem er eine Fotografie mit welken Blumen auf einem Fensterbrett verwechselt – ja, uns Schreibenden fällt es nicht schwer, einen Fluss umzuleiten oder ein Meer auf einen anderen Kontinent zu verlegen. Lassen wir aber die UrheberInnen hinter dem Vorhang, verbergen wir jene PoetInnen – jene „Erschaffenden“ von poiesis, das Erschaffen – wird die Anmaßung und leise Lächerlichkeit solcher Allmacht deutlich, wir sehen, wie unzulässigerweise ein Abbild ins Original der Landschaft gefügt wird, und schon geraten wir vor unseren Selbstverständlichkeiten ins Kopfschütteln, umso mehr, als sich der phantasierende Autor mit derlei Gedankenexperimenten selbst infrage stellt. Ist es nicht er selbst, der munter von schwitzenden Vögeln parliert und von Schatten, deren weiße Hemdchen in der Sonne strahlen; und irgendwie funktioniert diese Schöpfung – sie schlüpft, wird sie reflektiert in eine sinnliche Erinnerung zurück an Weißes im Sommer, das nur durch harte Schatten so erstrahlt und diese ganz bestimmte tuchartige Konsistenz erhält.

Oft wiederum scheinen es einfache Personifizierungen zu sein, die, macht man sie sich bewusst, gewisse Kaip’sche Sequenzen plötzlich viel einsichtiger erscheinen lassen: Steigen sich Räume gegenseitig auf die Zehen, spießt sich vielleicht einfach etwas in einer Person, da vergehen sich Teile einer Person an anderen. „Die Träume haben eine grundlegende Veränderung erfahren.“, heißt es – die Träume haben sich verändert, und in der Person bleibt „kein Stein auf dem anderen“: auf diese Wendung können wir die Krawatten tragenden Räume zurückführen, die die anderen schikanieren – so Typen, die Karriere gemacht haben, während die anderen zu ihren Spielbällen werden.

Nicht immer passen Träume, die sich erfüllen, zu allen Persönlichkeitsanteilen. Oder ein angebissener Apfel auf einem Tisch wird als ein Bild für ein Befragen vorgestellt, und dann rollt der Apfel den Fragen vor die Füße, und wir verstehen: Die Fragen begegnen sich als sinnlich erlebbare Gegenstände selbst, kehren sozusagen ins Begreifen zurück, wo sie eben noch elitär in der Nase gebohrt haben. Und wahrscheinlich ist damit ein Grundprinzip dieser Kaip’schen Prosa getroffen: Es begegnen sich die Toten und die Schatten, die Sache begegnet ihrem Bild, und so lädt sich das Bild erst auf, sein Blut wird dicker, es erstarkt.
Oder: Liegen in der Miniatur mit dem Titel „Dort liegen sie gut“ in der ersten Zeile die Augen im Gras, ist später die Rede vom Licht, welches das Tal wie ein Blinder durchstreift, und schließlich begegnet das Bild dem Menschen, mit dem es assoziiert ist – ein Blinder leuchtet „die Dämmerung mit seinen Augen aus“.
Oder ein Gastgeber serviert seinen Gästen von seinem Fleisch, diesfalls seiner eigenen Leber, und löscht ihren Durst mit seinem eigenen Blut. Aus den Symbolen Hostie und Wein schlüpfen Leib und Blut wieder heraus, zurück ins Körperliche etc.
In diesem Sinn – dem eines Zusammenbringens von Gedanken und sinnlich Erlebbarem, sinnlicher Erinnerung, ist die Miniatur „Gedankenflucht“ vielleicht als die wichtigste in diesem Buch zu betrachten: Der Gedanke wird morgens liebevoll angekleidet, doch als man ihm die Baskenmütze aufsetzen will, ist sein Kopf nicht zu finden. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf: Der Gedanke flieht ins Unterholz, denn man hat ihn bei der Suche nach dem Kopf zu fest in die Arschbacken gezwickt. Und da sitzt er nun und genießt es, dass man ohne ihn den Zusammenhang nicht fassen kann.

Der Zusammenhang? Der Zusammenhang ist jener, dass ein Gedanke ohne Fleisch eben niemals zustande kommt. Der Begriff entsteht nicht ohne das Begreifen. Die Betulichkeit des Denkens seinem Körper gegenüber ist daher einfach nur lächerlich. Das ist, was das Denken allzu oft nicht versteht – und was Günther Kaip ihm aufs Sinnlichste beizubringen angetreten ist.

Lisa Spalt
6. November 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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