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Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts.

Frankfurt / M.: S. Fischer 2012.
319 S.; geb.; OU; EUR 19.90.
ISBN 978-3-10-036801-0.

Verlässliche Strukturen sind in Zeiten entfesselter Newsgewitter ein wachsendes Bedürfnis auch für Historiker, das kann das Alphabet sein oder ein glatter numerischer Schnitt, zum Beispiel ein konkretes Jahr. Hans Ulrich Gumbrecht hat das 2003 mit wissenschaftlichem Anspruch für das Jahr 1926 versucht. Seine nach alphabetisch gereihten alltagspraktischen Themenfeldern geordnete Jahresbesichtigung hat auch die Problematik solcher Unternehmen vor Augen geführt. Was der Forscher an Meldungen und Fakten in zeitgenössischen Medien, autobiografischen wie literarischen Zeugnissen auffindet, ist er geneigt als typisch für dieses Jahr zu setzen, auch wenn das entsprechende Thema vielleicht einige Jahre davor den eigentlichen Höhepunkt der öffentlichen Debatten erlebte. Das ergibt problematische bis einfach falsche Aussagen.

In solche Fallen kann Florian Illies Band „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ nicht tappen, sein Jahreskaleidoskop verbleibt auf der erzählenden Ebene und versammelt mit Witz und Charme eine Fülle von Anekdoten aus publizierten Tagebüchern, Briefwechseln und Biografien von SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und anderen Personen des öffentlichen Interesses und verzichtet weitgehend auf analytische Schlüsse und Bewertungen. Daruntergestreut sind auch hier leicht zu googelnde Neuerungen und Events der Alltagskultur, die Erfindung des Doppellutz etwa oder die erstmalige elektrische Illumination des Woolworth Buildings und dergleichen. In einem Interview meinte Illies, er habe die bevorstehenden Ereignisse des Ersten Weltkriegs bewusst ausgeblendet, was natürlich nicht möglich war. Noch der Bericht von kaiserlichen Jagdabenteuern mit dem bekannten Massengemetzel unter den Tieren des Waldes evoziert als Subtext natürlich genau den bevorstehenden Epochenbruch von 1914.

Die Hauptlinien seines Kompendiums aber legt der gelernte Kunsthistoriker Illies durch die Ereignisse im Leben der großen Repräsentanten der Moderne in Paris, Berlin, München und Wien. Picabia und Picasso, Ludwig Kirchner und Franz Marc, der Zerfall der Künstlervereinigung „Die Brücke“, der Herbstsalon Herwarth Waldens in Berlin, Duchamps erstes Readymade und Malewitschs erstes schwarzes Quadrat, die amour fou zwischen Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, Karl Kraus und Sidonie Nadhérny, Rilkes erotische Rundumverwicklungen, ein symbolisches Duell zwischen Thomas Mann und Alfred Kerr und die Eheprobleme im Hause Mann, Georg Trakl, der Kokoschkas Alma-Bild den Titel „Windsbraut“ verleiht, Kafka, der Felice Bauer doch nicht heiratet, Sigmund Freud, der sich vor der Wiederbegegnung mit C. G.Jung fürchtet und am Semmering Pilze sammelt, Louis Armstrong, der als Disziplinierungsmaßnahme eine Trompete bekommt, Prousts Band 1 der „Recherche“, ein Wandervogel-Treffen mit dem jungen Walter Benjamin, die Uraufführung von Büchners Woyzeck in München, aber auch die zeitgleiche Anwesenheit von Hitler, Stalin und Trotzki in Wien – das sind nur einige wenige der Spuren, die nach Monaten geordnet präsentiert werden. Und auch ein running gag fehlt nicht: die Suche nach der aus dem Louvre gestohlenen „Mona Lisa“ durchzieht das ganze Buch.

Sehr breiten Raum aber nimmt Wien ein, für Illies die „Zentrale der Moderne anno 1913“ (S. 44). Das ist eine der wenigen historischen Bewertungen und sie ist nicht unproblematisch. „Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Egon Schiele, Gustav Klimt, Adolf Loos, Karl Kraus, Otto Wagner, Hugo von Hofmannsthal, Ludwig Wittgenstein, Georg Trakl, Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka, um nur ein paar Namen zu nennen. Hier tobten die Kämpfe um das Unbewusste, die Träume, die neue Musik, das neue Sehen, das neue Bauen, die neue Logik, die neue Moral.“ (S. 44) Zumindest einiges davon würde man nicht unbedingt mit dem Jahr 1913 verbinden, so wenig wie Schnitzler je einen „Salon“ (S. 55) unterhielt, aber die Literatur dazu ist natürlich dicht und anekdotengesättigt. Illies erzählt sie uns gleichsam aus erster Hand, er ist immer hautnah an den Akteuren dran, weiß stets ganz genau, was sie gerade denken, wie sie sich schneuzen oder die Finger abwischen, wie sie sich fühlen und sogar wie viele graue Barthaare Freud 1913 gewachsen sind. Am Ende der einzelnen Abschnitte hängt Illies oft kurze Phrasen an, etwa: „Gute Frage.“ (S. 65), „Und so geschah es.“ (S. 148) „Woher er das alles nur hat?“ (S. 201) „Es muss sehr schön gewesen sein, dieses Weihnachtsfest.“ (S. 308) Diese Schlenker erinnern ein wenig an die eingespielten Publikumslacher der Fernsehsoaps, und sie sind eigentlich überflüssig. Denn Illies versteht es ausgezeichnet, unterhaltsam zu erzählen und findet oft lustige thematische Brücken zwischen den einzelnen Abschnitten. Keine Frage, es ist ein kurzweiliges Buch mit hohem Spaßfaktor, und das ist „zeitgemäß“ und gar nicht wenig. Und man darf vieles gleich wieder vergessen, auch wenn es durchaus witzig ist, oder sollte man sich doch merken, dass Picasso im Februar des Jahres „drei Siamkatzen [hat]. Marcel Duchamp nur zwei“ (S. 56)?

(red)
7. November 2012



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