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Reinhard Federmann: Chronik einer Nacht.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2005.
176 S.; geb.; EUR 18,90 .
ISBN 3-85452-485-4.

Link zur Leseprobe

"Ich habe keinen Heißhunger mehr. Das ist vorüber." Der da spricht, ist ein Heimkehrer. Man schreibt das Jahr 1948. Wien ist kaputt, grau. Hoffnungslosigkeit liegt in den Gassen, Misstrauen spricht aus den Gesichtern der Menschen. Es ist nicht einfach, zurückzukehren. Zu viel hat sich verändert, zu viel ist passiert.
"Chronik einer Nacht" erzählt die Wiederbegegnung eines Ehepaares, das sich 1939 aus den Augen verliert und erst knapp zehn Jahre später wiederfindet. Reinhard Federmann, eine Zentralfigur des literarischen Lebens der Nachkriegszeit, Herausgeber der Zeitschrift "Die Pestsäule", dazu Journalist und Autor, hat diesen Roman bereits 1950 geschrieben, der Picus Verlag hat ihn nun wieder neu aufgelegt.

"Chronik einer Nacht" ist ein wichtiges, bisher zu wenig beachtetes Buch, weil es die Schwierigkeit der Heimkehr, des Wiedererkennens schildert. Es sind nicht die Empfänge, wie man sie von Fotografien kennt, wo Heimkehrerzüge in die Bahnhöfe einlaufen, die Männer fröhlich aus den Zugfenstern winken, Mütter und Kinder freudig und herausgeputzt auf den Bahnsteigen warten und alle sich schließlich glücklich in die Arme fallen.
Ruth und Martin Ellend treffen einander eher zufällig auf der Straße. Er musste flüchten, schlug sich über Frankreich nach England durch und meldete sich dort freiwillig zur Armee, flog Bombenangriffe auf Deutschland. Jetzt, nach dem Krieg, hat er Skrupel, weil die Bomben vor allem Unschuldige trafen: "Heute würde ich es nicht mehr tun. Wir haben nur ein Phantom erschlagen. Der Feind lebt lustig weiter. Er zündelt an allen Ecken. Ich glaube nicht mehr an die Ideale von vorgestern. Jeder steht für sich allein." Irgendwann wird sein Flugzeug in den Tiroler Alpen abgeschossen, er wird festgenommen, kommt in ein Lager. Er hat keine Fotografie, keinen Brief mehr von seiner Frau: "Das war das Entsetzliche. Du warst ausgelöscht, als hätte es dich nie gegeben."

Sie vermutet ihren Mann in Frankreich, überquert illegal die Grenze, sucht, aber findet ihn nicht. Auch sie wird gefangen genommen, übersetzt für die Nazis, verhilft einem Widerstandskämpfer zur Flucht aus dem Gefängnis und verliebt sich ein wenig in ihn. Auch er hat Beziehungen gehabt. Man muss darüber reden, aber man will nicht, zögert, wartet.
Das Wiedersehen während einer Nacht ist voll von Erzählungen und Geständnissen, von leisen Vorwürfen und Unterstellungen. Die Verlegenheit regiert. Die Nuancen, aus denen beide herauszuhören versuchen, ob der andere noch der ist, den man gekannt und geliebt hat, sind von Federmann meisterhaft herausgearbeitet worden. Kurze Sätze, nüchtern, klar und hart, das Eigentliche aber steht zwischen den Sätzen. Das Rundherum wird ausgespart, kaum Beschreibungen, aber es ist klar, dass die Stadt und ihre Bewohner leiden. Federmann lässt seine beiden Figuren reden und erzählen, wechselt vom Dialog in den inneren Monolog: Nicht alles kann in der ersten Nacht gesagt werden. Es wird Zeit brauchen, bis die beiden wieder ein Ehepaar, ein Liebespaar sind: "Wir werden uns noch einmal kennen lernen müssen."

In die Geschichte des Wiedersehens streut Federmann kleine Berichte von Bekannten und Gefährten von Ruth und Martin ein, alle sind gescheitert, gestorben, haben sich aufgegeben. "Chronik einer Nacht" ist ein dunkles Buch ohne Hoffnung, vielleicht wurde es deshalb in den 1950er Jahren ungern rezipiert.

Die Täter aber leben ungeniert weiter, die Wunden, die sie geschlagen haben, sind ihnen nicht bewusst. Ein paar Gassen nur entfernt wohnt der Fahrradhändler, regt sich über die Höhe der Sühneabgabe auf: "Schaun Sie, ich war ein winziger SA-Führer, das ist alles. Ist das schon was? Die SA war doch ein ganz ziviler Verein. Was haben wir schon gemacht? Aufmärsche und fürs Winterhilfswerk gesammelt. Sollen das vielleicht Verbrechen sein?" Einer von vielen. Manche sind noch am Leben im Österreich des Gedankenjahres 2005. Ein Buch zur rechten Zeit. Kalt, schonunglos, wichtig.

 

Peter Landerl
9. Mai 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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