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Kurt Leutgeb: Kirchstetten.

Roman.
Innsbruck: Limbus Verlag 2011.
111 Seiten; Euro 15,90.
ISBN 978-3-902534-52-1.

Leseprobe

Autor

Mit einigen Jahren Differenz (genau genommen sind es 16 bzw. 46) passieren drei mehr oder weniger folgenschwere Dinge: Eine Passagiermaschine russischer Bauart der Transuralian Airlines kollidiert in 11.000 Metern Höhe mit einem amerikanischen Frachtflugzeug; ein vom OWIR (eine Art Meldeamt, das dazu da ist, „dass Sowjetbürger Sowjetbürger schikanieren“) zur Emigration gezwungener international bekannter Poet, der dem sowjetischen Schriftstellerverband zufolge aber gar kein Dichter sein soll, trifft nach längerer Irrfahrt mit dem Mietauto seinen englischen Lieblingsautor; und an der Grenze zu Ungarn fällt eine junge Frau drei patrouillierenden sowjetischen Soldaten in die Hände.
Schauplatz ist jedes Mal Kirchstetten. Den Ort gibt es in Österreich drei Mal, und zwar ausschließlich in der Osthälfte des Bundesgebietes: Der eine liegt im Burgenland, an der Grenze zu Ungarn, und dürfte ziemlich klein sein, weil er im Ortsverzeichnis nicht eigens erwähnt wird; die beiden anderen finden sich in Niederösterreich; einmal als Kirchstetten im Wienerwald, das in der „unspektakuläre(n) fast charakterlose(n) Landschaft östlich von St. Pölten“ nahe der Westautobahn liegt, ein anderes Mal als Kirchstetten im Weinviertel; ein „kleiner Ort im Norden Österreichs unweit der tschechischen Grenze“, in direkter Nachbarschaft zu Neudorf bei Staatz.
Alle drei stehen auf mehr oder weniger tragische Weise im Mittelpunkt des Geschehens, das sich um die eingangs erwähnten schicksalshaften Ereignisse entspinnt, die sich dort 1956, 1972 und 2002 zugetragen haben. Aber außer dass die auf drei Zeitebenen verteilten Begebenheiten mit einem der drei Kirchstetten korrelieren, gibt es keinen direkten Zusammenhang; höchstens vielleicht den, dass das Gros der handelnden Personen aus Russland stammt. Die Geschichten selbst sind eigenständig und werden – in fünf Teile gegliedert – parallel erzählt. Mitunter geht es darin ganz schön wild, an gewissen Stellen direkt blutrünstig zu. Hier mag die Kronen Zeitung Pate gestanden haben, wenn man diverse Hinweise in der Art von: „Auf dem ersten Stadel hinter der Ortstafel ist ein Schild mit dem Text Kirchstetten liest Neue Kronen Zeitung angebracht“, richtig interpretiert. Jedenfalls verläuft die Handlung turbulent und sensationspressenah. Sie steht mit der politischen Wirklichkeit in fruchtbarem Wechselspiel.

Eingebettet in den historischen Kontext, über welchen die Verhältnisse in der ehemaligen Sowjetunion, im Nachfolge-Russland sowie in Österreich einer kritisch-ironischen Durchleuchtung unterzogen werden, begegnet man einer Reihe von Klischees und Stereotypen, wie etwa der „typisch österreichischen Schlamperei“ oder dem Vorurteil, dass Österreicher „ faul und verwöhnt“ seien und alle möglichen Dinge als wichtiger erachten als die Arbeit; zum Beispiel „ihre lächerlichen akademischen Grade“, die sie sich ans Türschild schreiben und mit denen sie einander sogar anreden.
Mit ähnlich trockenem Humor schildert der Autor auch Episoden aus dem russischen Alltag, wo man beispielsweise gezwungen ist, aus Mangel an Ersatzteilen „die Scheibenwischer abzunehmen“, wenn man sein Auto irgendwo abstellt. Einigermaßen schlecht weg kommt der sowjetische Soldat. Der ist nämlich immer für eine gezielte Provokation oder „einen besoffenen Akt maßloser Gewalt“ gut, als den man die Vergewaltigung eines burgenländischen Mädchens auch zweifelsohne sehen muss. Dass die Siebzehnjährige in ihren „Körben und Rucksäcken (...) Nachschub für die imperialistischen Feinde“ mit sich führt, ist keine Entschuldigung.

Gekonnt persifliert Leutgeb billige Kolportage, wie man sie aus Boulevardblättern kennt. Scheinidyllen werden unprätentiös dekuvriert. Denn auch wenn die österreichische Grenze scheinbar liebevoll „mit rot-weiß-roten Fähnchen markiert“ ist, aus Sicht russischer Grenzpatrouillen scheint alles beim Alten geblieben zu sein: Für sie sind Österreicher Deutsche, also „Faschisten“; schließlich sehen sie „aus wie Deutsche, verhalten sich wie Deutsche und reden (auch noch) Deutsch“. Und sie leben in einer Umgebung, die „sauber und ordentlich (ist), wie man sich ein deutsches Dorf (eben) vorstellt“.
Und doch sind die Ordnung und Konformität ausstrahlenden österreichischen Dörfer für den russischen Soldaten bedrückender als die armen, schmutzigen, morastigen Dörfer, die er aus der Heimat kennt. Die russischen Dörfer zelebrieren zwar nur „die Tristesse, den Schmutz, die Grausamkeit des Lebens“; den österreichischen Dörfern, die ausreichend Mittel hätten, „die Überfülle des Lebens zu zelebrieren“, gelingt allerdings nicht einmal das. „Sie zelebrieren nichts“, außer vielleicht „eine dumpfe, betriebsartige Langeweile“; ja eigentlich sind sie „wie tot“.
Dass Österreich „zweihundertsiebenundsiebzig Mal kleiner als die Sowjetunion“ ist, eignet sich dafür kaum als brauchbare Ausrede; genauso wenig wie der durch den Zusammenstoß zweier Flugzeuge herbeigeführte Tod seiner Ehefrau und seiner beiden Töchter den Baumeister Sacharow dazu berechtigt, den dafür verantwortlichen Fluglotsen Rutherford umzubringen. Er tut es trotzdem. Und seine Selbstjustiz (eigentlich „ein antizivilisatorisches Verbrechen“) wird sogar noch belohnt: Durch Intervention der russischen Regierung wird die Strafe auf zweieinhalb Jahre herabgesetzt; dann ähnelt der Aufenthalt im österreichischen Gefängnis höchstens dem in einem „etwas streng geführten Sanatorium im Kaukasus“; und zu guter Letzt wird der Mann in seinem Heimatland über eine von den Medien ausgelöste Dynamik (die Ehre, Mut und Aufrichtigkeit sieht, wo es eigentlich heißen müsste: „Rache sei nicht Recht“) noch zum Bautenminister berufen.

Mit dem Recht ist das überhaupt so eine Sache. Das muss auch der im zweiten Handlungsstrang zur Emigration gezwungene herzkranke Schriftsteller Breschnew zur Kenntnis nehmen, als er Anfang Juni 1972 mit nichts als zwei Flaschen Wodka und einer von den Grenzern in ihre Einzelteile zerlegten Schreibmaschine im Gepäck Tschechowgrad Richtung Österreich verlässt. Schlimmer als der Umstand des Ausreisenmüssens ist die Angst, in einer nicht russischsprachigen Umgebung vielleicht nicht mehr Russisch schreiben zu können.
Von derlei Bedenken, in eine Schreibblockade zu fallen, ist Kurt Leutgeb weit entfernt, schafft er es doch auf sehr kreative Weise zu zeigen, dass „das Unwahrscheinliche (...) mit Fortdauer der Zeit immer wahrscheinlicher (wird), bis seine Wahrscheinlichkeit eins“ beträgt.
Eine beeindruckende Arbeitshypothese, der eine spannende Dreiphasengeschichte entschlüpft; ein pointiert formulierter Roman voll schräger Komik, der – ungeachtet seiner Kürze – einen Sog entwickelt und ein wenig auch die Wirkung "einer mächtigen Droge" provoziert.
Alle Achtung!

Andreas Tiefenbacher
29. Oktober 2012


Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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