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Franzobel: Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik.

Wien: Zsolnay Verlag, 2005.
649 S.; geb.: Eur 24,90.
ISBN 3-552-05349-2.

Link zur Leseprobe

Oswald Mephistopheles Wuthenau, Ütheno, ein Mann wie ein Schlachtschiff, hat den Atlantik überquert, das österreichische "Nazinudelsuppenungetüm" bricht in den Fünzigerjahren über Südamerika herein. Behäbig und selbstgerecht trampelt er durchs Leben, trotz allem mehr komische Figur als Scheusal, gestrandet und nirgendwo zu Hause. Immun gegen Hypnose und vernünftige Argumente, ein Meister der "practical jokes" und der Provokation, begegnet er fernab seiner Ursprünge geflohenen Nazis wie dem "Eichmännchen", Wiener Huren und alten Bekannten aus seiner Vergangenheit.

Franzobel hat in seinem jüngsten Roman "Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik" ein Gruselkabinett der seltsamen Gestalten zusammengestellt, tatsächlich eine "Wunderkammer der Exzentrik", in dessen Zentrum Held Wuthenau immer wieder auf die Füße fällt. Ein moderner Eulenspiegel, der die Welt zum Narren hält, in Argentinien ins Atomgeschäft einsteigt und in der DDR die Brecht-Medaille entgegennimmt. Abseits von seinen mehr oder weniger geglückten Geschäften gründet er eine Familie und ist immer dort, wo etwas passiert. Jetzt wird's wüscht, um mit Rammelmeier Ramelow zu sprechen, dem Zentrum einer Orgie, die in Steinigung ausartet - und natürlich ist auch Wuthenau mit dabei beim "Fest der Steine".

In Dodererscher Breite und Ironie, in barocker Üppigkeit entfaltet Franzobel sein österreichisch-argentinisches Familienepos, erzählt Geschichte und Geschichterln oder vielmehr Geschichte aus Geschichterln - und ein bisserl Österreich ist überall. Nicht zuletzt in der Sprache, die gespickt ist mit Austriazismen bis zu dialektalen Wendungen und Ausdrücken, vor allem aus Wien und Oberösterreich. Detailreich und skurril wie die Gemälde von Hieronymus Bosch und ungefähr ebenso grausam und grotesk sind die Szenen, die oft in einem Satz den Bogen schlagen über Jahrzehnte und Weltmeere.

Berichtet wird das alles von Danny Milchman, Zwerg und Jude, Erzähler und Entführer, Eichmann-Entlarver und Hypnotiseur, der seiner Geisel verständlich machen will, wie alles kam, und wie Schuld und Sühne hier zusammenhängen. Einen Bogen der Laster schlagen die sieben Todsünden übers Geschehen: Wuthenau und seine Sippschaft frönen der Reihe nach der Völlerei und der Wollust, des Neides und Zorns und des Stolzes und statt der Trägheit der Traurigkeit und am Ende der Habgier. Der Katholizismus erweist sich ebenso wie der Nationalsozialismus als brauchbare Brücke zwischen Südamerika und Mitteleuropa.

Madlen, die Hickserin, Alois Gründler aus dem Salzkammergut, Kaysalek, der aussieht wie der junge Hitler, Doktor Popoloch, Gucki und Bimbo, die Schwammerltöchter, letztere erfolgreich auf der schiefen Bahn mit ihrem Mann so lange abgerutscht, bis sie ihre Eltern auf dem Gewissen hat, Kriminalinspektor August Seber auf der Spur des Eisenbahnmörders und der Rauchfangkehrerbande, Diego Ramelow, der Russe mit Dauererektion, der sich am Ende doch lieber auf seine heilenden Hände konzentrieren will und sich drum kastrieren lässt, Sebers furzender Gehilfe Noël und Ossis Halbschwester Noëlia, sie alle und noch viele mehr sind durch die Schicksalsfäden des Romans verwoben und verstrickt, verschwinden eine Weile und tauchen wieder auf, es fehlt nicht viel und die Figurenfülle könnte sich mit den Letzten Tagen der Menschheit messen.

In weiten Teilen des Romans ist der Dramatiker Franzobel spürbar, das Buch besteht zu einem Gutteil aus Dialog, auch wenn die Erzählerrollen gern verschwimmen und der Autor dann doch meist wieder das Ruder an sich nimmt.
Danny Milchman, der "offizielle" Erzähler, erinnert nicht nur durch seinen Namen, sondern auch in seiner Funktion als Rahmenhandlung und Katalysator an Robert Schindels Danny Demant aus dem Roman "Gebürtig". Beide sind involviert in die Entlarvung alter Nazis, die letzten Endes trotz des einen oder anderen Erfolges nicht so recht gedeihen will, weil die Nazinudelsuppe weiter brodelt.

Die braune Suppe ist allgegenwärtig und schimmert immer wieder durch, doch ist sie nur ein Motiv von vielen im Roman. Die Figuren haben auch noch allerhand anderes auf dem Kerbholz, vom Alltagsfaschismus angefangen über kleinere und größere Betrügereien und Bosheiten aller Art reicht die kriminelle Energie bis hin zu Raub und Mord - mitunter sogar an den eigenen Erzeugern. Wenn das auch nicht unbedingt mit Absicht geschah. Aber alles Übel kommt in "Fest der Steine" doch wie unvermeidlich daher, natürlich gewachsen aus Dummheit und Rücksichtslosigkeit, nicht konstruierte, durchdachte Niedertracht.

Franzobel hat mit diesem Roman sicherlich Literaturgeschichte geschrieben. Der undurchdringliche Sumpf der Dumm- und Bosheit ist literarisch gekonnt und humorvoll eingefangen in einem Netzwerk aus launiger Szenerie mit unzähligen Querverbindungen, absurden Ideen und grotesken Verknüpfungen. Das "Fest der Steine" ist u.a. auch ein Fest der sprechenden Namen. Und die sagen selten etwas Nettes.
Respektlos wie immer zieht Franzobel seine Figuren durch den Kakao der Geschichte. Und der Leser folgt ihm atemlos.

 

Sabine E. Dengscherz (Selzer)
14. September 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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