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Hanno Millesi: Granturismo.

Wien: Luftschacht, 2012.
232 Seiten; geb; Euro 21.90 [A].
ISBN 978-3-902844-11-8.

Leseprobe

Autor

Die Handlungsnot des Angestellten, der gar keine Ahnung hat, was unter einer abschließenden Geste zu verstehen ist (5), lässt gleich zu Beginn des Romans in einem gigantischen Einleitungssatz einen viel größeren Abschied erwarten als Vorbereitungen auf einen (Selbstfindungs-)Trip. Die unerwartete berufliche Auszeit kommt dem zukünftigen Reisenden entgegen, um die Vergangenheit abzustreifen und als anderer Mensch – als seine eigene Kreatur nämlich – unterwegs zu sein (23).
Sein erstes Vorhaben, auf unkonventionelle Weise mit einem Güterzug die Stadt zu verlassen, scheitert, und so wählt er die Schnellbahn, die ihn an die Grenze bringen soll. Doch so weit soll er nicht kommen: eine unvorhergesehene Unterbrechung, deren Fortdauer kafkaeske Züge annimmt, führt den Protagonisten vergilgleich in die Unterwelt. Dort erfährt er jedoch nichts über das künftige Schicksal Roms, sondern bricht nach unverhofft gelungener Flucht die Reise erst einmal ab und kehrt zurück in die Stadt. Nach zwei weiteren misslungenen Anläufen kommt der Reisende dem dringenden Wunsch des Ich-Erzählers erneut nach und macht sich auf den Weg, allerdings nicht – wie der Titel des Buches vermuten ließe – per teurem Sportwagen, sondern mit einem Fahrrad. Auch hört er dabei kein Album der Cardigans und Virtualität spielt sich hier auf einer anderen Ebene als in der Welt der Computerspiele ab. Und immer wieder kehrt der Reisende, oder R., jeweils am Ende einer Arbeitswoche mit der S-Bahn in die Stadt zurück, um sich von den Enttäuschungen zu erholen.

Der Ich-Erzähler ist unterdessen betrübt über die mangelnde Abenteuerlust seines Helden und kritisiert dessen beschränkte Begabung zum Protagonisten(77). Diesem stünden eigenmächtige Entscheidungen nur zu, wenn sie den geplanten Handlungsstrang nicht unterliefen. Wenn jener sich also zu einer eigenständigen Kreatur stilisieren wollte, dann nur nach der Spielanleitung seines Autors!
Was also macht ein Erzähler, dem sich sein Protagonist widersetzt? Er telefoniert erst einmal anonym mit einer Psychologin. Deren Tipp, ein Autor (der sich selbstverständlich am Telefon nicht als solcher zu erkennen gibt) schulde seinem Protagonisten eine klare Rollenzuordnung zur kreativen Entfaltung, stürzt den Erzähler in arge Existenzängste. Der funktionslose Protagonist seines Romans (87) lässt sich wiederholt durch wöchentliche Rückschläge von seinem Reisevorhaben abbringen und bringt den Ich-Erzähler langsam zur Verzweiflung, denn sein Roman droht zu scheitern – schließlich ahnen die wenigsten Menschen, was ein experimentierfreudiger Schriftsteller so alles mitmacht (130).

Doch so, wie der Erzähler seinem Helden mangelnde Mitarbeit vorwirft, fühlt sich auch der Protagonist von seinem Schöpfer missverstanden und hat einmal mehr den Eindruck, Zuschauer einer speziell auf ihn ausgerichteten Vorführung zu sein (119).
Es handelt sich hier also um ein gestörtes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Dienstnehmer, dem dringend mittels klarer Spielregeln Abhilfe geschaffen werden müsste! Aber welche Regeln sind das in einer Erzählung? Wer bestimmt dort den Handlungsablauf – der Erzähler, der Protagonist, oder gar die Erzählung selbst? Hat der Protagonist Mitspracherecht, oder ist er nur eine Spielfigur zum Erhalt des Handlungsgefüges? Besitzt der Erzähler eine göttliche Macht, mit seinen Figuren nach Gutdünken zu verfahren, oder ist er selbst seiner Geschichte unterworfen, damit diese nicht zu einem vorschnellen Ende kommt? Ist der Protagonist zu Unmündigkeit verpflichtet, oder darf er ein Eigenleben entwickeln? Nach Roland Barthes musste die klassische Erzählung des 19. Jahrhunderts ihr eigenes Überleben gewährleisten, auch, wenn sie zu einer Entmündigung des Protagonisten führte – so implizierte es ihr Selbsterhaltungstrieb. Doch gelten diese Regeln in der Gegenwartsliteratur nur noch bedingt, ist doch die Selbstreflexion des Erzählers in seiner Geschichte zu einem wichtigen Bestandteil geworden und somit für das Überleben seiner Erzählung von immanenter Bedeutung.

Neben diesen Überlegungen führen Haupt- und Rahmenhandlung den Leser durch ein witziges, immer wieder unterbrochenes Roadmovie. Bizarre Bilder lösen einander ab und erzeugen eine skurrile Romanwelt, die mit viel Ironie den Blick über den Tellerrand (158) in ungeahnte, weil erfrischend kreative Sphären führt. In der trostlosen Grenzlandschaft Ostösterreichs führt die Reise ebenso in die Unterwelt wie durch die Zeit, vorbei an angriffslustigen Pfauen, durch eine mostgetränkte Kleinstadt, zu einem Ziel, das nie erreicht werden kann – weil es eben nie erreicht werden soll.
Hanno Millesi zwingt seinen Erzähler nicht zum ersten Mal zur Selbstreflexion. Wie schon in seinen vorangegangenen Büchern Das innere und das äußere Sonnensystem (2010) und Der Nachzügler (2008) schafft der Kampf mit Schreibblockaden und den schweren Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Schriftstellers Platz für (nicht ganz neue) Überlegungen zu Mangel an Ideen, drohendem Unglück, wenn zu früh über einen nicht vollendeten Text gesprochen wird, oder zu der Frage, was ein herkömmlicher Unterhaltungs-Schriftsteller mit einem Protagonisten, der eines Tages seiner eigenen Wege geht, anstellen würde (140).
In der Vollendung seiner fiktiven Geschichte gehemmt, wendet der (ebenfalls fiktive) Erzähler seine Aufmerksamkeit schließlich seinem Privatleben zu. Indem der (reale) Autor Millesi damit den unerschiedlichen Ebenen seines Romans einen anderen Stellenwert zuordnet, verändert er gleichzeitig die Hierarchie der Hauptakteure. Der eigentiche Protagonist ist also nicht mehr der Reisende, es ist der Erzähler selbst, der das Abenteuer seines Erzählens als Reise mit Hindernissen beschreibt und damit das Überleben der Erzählung, aber auch sein eigenes, gewährleistet.

Susanne Eichhorn
4. Dezember 2012

 

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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