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Maria Pink: Mittendrin im Nirgendwo.

Erinnerungen.
Wien – Graz - Klagenfurt: Styria Verlag, 2012.
298 Seiten; gebunden; Euro 24,99 Euro.
ISBN 978-3-7012-0102-0.

Leseprobe

Autorin

Aus meiner Sicht sind Maria Pinks „Erinnerungen“ mit dem Titel „Mittendrin im Nirgendwo“ das genaue Gegenstück einer deutschsprachigen Kärntnerin zu Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. „Mittendrin“ ist eine Kärnten-Saga des vergangenen Jahrhunderts und ein ungeschminktes Zeitdokument, das in Zukunft dem einen oder anderen Historiker als Quelle dienen wird.
Neben dem Ungeschminkten muss e
ine Biografie interessant sein. Überdies lesbar und spannend. Ein Leben, das nicht in allem und jedem durchschnittlich ist, ist die Voraussetzung. Die Doyenne des Kärntner Journalismus, die dreiundachtzigjährige Maria Pink, die Redakteurin und Ombudsfrau der Kärntner „Kleinen Zeitung“ war, hat eine solche Lebensgeschichte, die sich „Mittendrin im Nirgendwo“ abgespielt hat.
Pinks Autobiografie ist nicht weniger als die Spur, die vom Vergänglichen bleibt
, wie es ein anderer Kärntner, nämlich Valentin Oman, über das wenige Bleibende formuliert. Aus diesem Erinnerungs-Buch sollen die Nachkommen(den) – und hier außerdem die ZeitgenossInnen – erfahren, mit welchem Glück, welchen Schmerzen, welcher Zufriedenheit, mit welcher Enttäuschung manchmal und mit wie viel Hoffnung und Zuversicht sich die Autorin durch ihre Zeit bewegt hat (und bewegen hat lassen müssen), aber nie, wie schon nach wenigen Seiten deutlich wird, gehen hat lassen. Es war der Zielkonflikt zwischen Patriarchat und Emanzipation, mit dem sich Maria Pink schon in ihrem Roman „Judith“ auseinandergesetzt hat. Wie auch immer, die Autorin ist eine emanzipierte Frau geworden, wozu ihr offensichtlich ihr Beruf verholfen hat, über den sie mit großer Liebe schreibt und dem sie bis ins hohe Alter nachgegangen ist.

Beim Konstruieren oder vielmehr Nachbauen ihres Lebenslaufs, Entwicklungsgangs und Lebensinhalts, beim ehrlichen Versuch der Sinnerforschung beginnt Pink dann allmählich zu philosophieren und endet immer wieder beim Schluss, das Leben sei schön. Geradezu essayistisch erörtert sie Fragen, die ihr das Leben gestellt hat – und die sie ihm gestellt hat. Natürlich sind noch immer nicht alle beantwortet.
Ihr
Lebensweg war lange Zeit, mehrere Jahrzehnte eigentlich, anstrengend und fordernd. Das Haus musste gebaut, die Familie versorgt und der Ehemann betreut werden. Trotzdem klagt die Autorin nicht, sondern zieht schonungslos und, wie gesagt, ungeschminkt Bilanz über ihr Leben, über dessen Anfang es heißt: „Einer der Schwerpunkte in meiner Erziehung war Gottesfürchtigkeit.“ Daneben heißt es über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: „Ich lebte in einem geistigen Niemandsland. Keine Schule, keine Bücher …“ Festgehalten sei, dass Maria Pink in der Nähe von Sankt Veit an der Glan, dort, wo Kärnten am ländlichsten ist, gelebt hat und lebt.
Zum Bauen beziehungsweise Zusammenfügen ihrer Biografie hat sie sich, wie erwähnt, viele Fragen gestellt. Sie fragt nicht nur rhetorisch, wie sie sich selbst gesehen hat, sondern wie sie im Leben mit ihrem Ehemann zu sehen war. „’Was werden die Nachbarn sagen’, war die Basis für die Regeln des Lebens auf dem Land.“ Ganz offen beklagt sie (heute) das Unvermögen ihres – von den Kärntner Urständen geprägten - Partners, eines braven, vielleicht auch biederen Gendarmen, Liebe und Zärtlichkeit zu geben oder anzunehmen. Erst „im Schlafzimmer … öffnete sich mir seine zweite Seele. Ich lernte ihn als einfühlsamen Sexualpartner kennen.“ Für den Mann „war unser Ehebett ein eigener Kosmos.“ Schonungslos offen ist Pink auch an jener Stelle, an der sie beschreibt, wie sie als Fünfzigjährige zum ersten Mal und gegen ihren Willen lesbisch verführt wird. „Was ein Orgasmus ist, war mir nicht unbekannt. Aber in dieser Version?“

Biografien behandeln meist das Leben von Menschen des so genannten öffentlichen Lebens. Über Päpste, ja, auch Päpstinnen, PolitikerInnen, SchriftstellerInnen, SportlerInnen und NobelpreisträgerInnen werden Bücher geschrieben, doch auch ein Lebenslauf, der sich meist im Privaten abspielt, hat „unter dem Strich“ viele Ereignisse zu verbuchen. In diesem Fall sind die meisten vollkommen persönlich, Hochzeiten, Geburten, Todesfälle, zum Beispiel, wobei klassische Biografien die unangenehme Gewohnheit haben, den Beschriebenen über andere zu erheben. Darum geht es in diesem Buch nicht.
Maria Pink erzählt ihr Leben bis in die mäandernden Ausläufer, wodurch es lesbar und spannend ist wie ein Roman. Es ist eine Tour d’Horizon durch die Kärntner Kultur- und Zeitgeschichte. Menschen, die
sie lobt, nennt sie beim Namen, Ernst Gayer, Anton Leiler, Arno Patscheider oder Horst Pirker und viele andere. Solche, deren Taten weniger anheimelnd sind, zeichnet sie so signifikant, dass der geschulte Kärntner sofort erkennt, welche Intriganten und Tunichtgute sie meint, was wohl einigen Staub aufwirbeln wird. Obwohl sie nichts verschweigt, hat sie dort innegehalten, wo es für bestimmte Figuren unangenehm werden könnte. (Mich würde es in den Fingern jucken, ein paar ungenannte Namen zu entschlüsseln. Zum Beispiel jenen des „Kulturjournalisten“, der einem gebildeten und gepflegten Literaturzeitschriftenredakteur, und zwar Professor N. N., gedroht hat, „ihm die Eier auszureißen“, wenn er eine Maria Pink noch einmal veröffentliche.)
Immer wieder kann man aber auch laut lachen, das Buch ist beileibe nicht humorlos. Zur Orientierung hat Pink zeitgeschichtliche Wegmarken gesetzt, beispielsweise das Attentat auf John F. Kennedy. Natürlich kommt ihre Familie nicht zu kurz und die Mutter, Großmutter und Urgroßmutter kann ihren Stolz auf die drei Kinder, drei Enkel und den Urenkel angemessen verbalisieren
, beispielsweise auf ihren Enkel Oliver, der ein bekannter Journalist geworden ist, obwohl promovierter Mediziner, was offensichtlich die immer schon und immer noch schreibende Großmutter zu verantworten hat.

Eine Biografie sollte das Leben eines Menschen mit seiner Wirkung beschreiben, wozu zwei Formen zur Verfügung stehen, eine literarische und eine faktische. Pink erzählt ihr Leben in Fakten. Abschweifungen, Phantasie und Übertreibungen sind nicht Sache dieses Werks, wohl aber Spannung und Herz, so dass der Charakter der Beschriebenen in jedem Kapitel gegenwärtig ist, wenn nicht woanders, dann zwischen den Zeilen.
Das Buch ist, nach mehreren früheren
literarischen Veröffentlichungen, ein reifes Alterswerk. Es ist spannend notiert, schnell erzählt, man liest es mit Neugierde. Über ihren Roman „Judith“ schreibt sie in „Mittendrin“: „Damit habe ich die Schallmauer, die Kärnten vom Rest der Welt trennt, durchbrochen.“ Mit den „Erinnerungen“ hat sie die Schallmauer ein zweites Mal noch eindrucksvoller durchbrochen. Maria Pink hat den Durchbruch spät geschafft, aber er ist ihr, wie man heute sagt, nachhaltig gelungen. Und eindrucksvoll.

Janko Ferk
5. Dezember 2012

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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