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bher[a].

Illustration „Atisbando la Esperanza“ © Carlos Chavez

Gedichte.
Graz, Wien, Oaxaca, Barcelona:
Edition Yara, 2012.
64 S.; brosch.; Farb-Abbildungen;
Euro 14,20.
ISBN 978-3-9503202-5-1.

Leseprobe

Autorin

Heute einen neuen privaten Literaturverlag aufzubauen muss als eine der größten Herausforderungen gelten, der sich junge „Literaturschaffende“ stellen können. Nimmt man sich zudem noch vor, die Zusammenarbeit mit Sozialprojekten in Guatemala zu pflegen, beim Druck der Bücher auf Nachhaltigkeit zu setzen, und kommerziell kaum rentable Lyrik herauszugeben, muss dies als bemerkenswerte Arbeit herausgegriffen werden, die wohl nur von großer Begeisterung engagierter Individuen getragen werden kann. Die „Edition Yara“ ist ein jüngstes Beispiel für solch ein Unterfangen. Die Homepage des jungen Verlags gibt die sozial und ökologisch engagierten Ausrichtung des Projektes wieder, die veröffentlichten Bücher werden handgebunden, nachhaltig und umweltschonend produziert, heißt es hier, dabei wird mit verschiedenen regionalen GrafikerInnen und internationalen AutorInnen zusammen gearbeitet. Mit einem Teil der Einnahmen sollen soziale Projekte in Lateinamerika finanziert werden, während das verwendete Bananenpapier aus Nicaragua stammt und dort im Rahmen eines Sozialprojektes hergestellt wird. „Yara“, auch das gibt die Homepage des jungen Verlags preis, ist in sieben Sprachen ein mit Weiblichkeit und Kraft in Zusammenhang stehendes Wort: Geliebte (türkisch), Wunde (kurdisch), Wald (hebräisch), kleiner Schmetterling (Libanon), Frau, Herrin (Tupi), Göttin des Wassers (Amazonasgebiet), Kraft, Stärke (Farsi). Sozusagen als „Verlagsmanifest“ hat die Verlagsgründern Bernadette Schiefer 2011 dem Verlagsnamen gerecht werdend eine Anthologie zu den Kernthemen des Verlags, „Mut, Kraft, Weiblichkeit“, publiziert.

In diesem jungen Verlag ist nun Maria Seisenbachers zweiter Gedichtband erschienen, der mit Bildern von Carlos Chavez ausgestattet ist und den geheimnisvollen Titel "bher(a)" trägt. Für die Lyrik Seisenbachers bietet diese Edition einen idealen Publikationsort, der sowohl Inhalt, Form wie auch dem Beruf der jungen Lyrikerin, die auch als Sozialpädagogin in Wien tätig ist, entspricht. Der schmale, quadratische, broschierte Gedichtband umfasst insgesamt 49 reimlose, thematisch und motivisch ineinandergreifende Wenigzeiler sowie ein kursiviert gedrucktes und als „Motto“ vorangestelltes Gedicht. Zusammen bilden diese freien Gedichte einen Zyklus, denn sie alle versprachbildlichen das Geschehen und Empfinden rund um das menschliche „Urereignis“ Gebären und thematisieren dabei implizit auch Sprachgrenzen und Sprachentgrenzungen mit.

Der Band ist in drei Teile geteilt, diese Struktur ist der Auseinandersetzung mit der etymologischen Herkunft des Wortes „gebären“ geschuldet, das seine Wurzeln im indogermanischen Wort „bher[a]“ hat und soviel bedeutet wie [sich] heben, [sich] regen, [sich] bewegen und auch tragen, bringen, holen, hervorbringen.
Die ersten drei genannten körperlichen Bewegungen verleihen den Kapiteln des Gedichtbandes auch ihre Zwischentitel und benennen zugleich die sich im Gedichtzyklus ständig überlappenden Zeitspannen, die beschrieben werden: vor der Geburt (I. Heben), die Geburt selbst (II. Regen) und die Zeit nach der Geburt (III. Bewegen). Wie sich in diesen Kapitelüberschriften bereits andeutet, sind die freien Verse der Autorin stark körperbezogen, was durch die beigefügten Bilder von Carlos Chavez unterstrichen wird, die zumeist nackte, in ungewöhnlichen Bewegungen oder kerzengerade erstarrte, dabei keineswegs verstörende, sondern vielmehr lustvoll „erdige“ Frauenkörper in verschiedenen Lebensaltern darstellen.
Von der „Verkörperung / verborgenen Tragens“ oder dem „Körper[s] zwischen / Wasser und Stein / lehnen und reiben / zugleich“, lesen wir hier zum Beispiel, von Mündern, von „Haut / verborgen im Mich“ und Adern, Füßen, „gebundenem Bauch“, einer „Brust voll feuchter Erde“, vom „Mitkörper“ oder der Gebärmutter. Mit diesen auf den (weiblichen) Körper fokussierten Passagen werden zumeist Naturbilder bzw. -topoi verschränkt, die den Bogen von den Themen Schwangerschaft, Weiblichkeit, Mutterschaft hin zu kosmischen Zyklen, Leben oder Erde aufmachen. Wiederholt tauchen Mond, Wind, Pflanzen (die „Zwischenblüte“, die „Weißblüte“ oder der Bambus), Garten, Wald und Bäume, häufig und in unterschiedlichen Zusammenhängen auch das (lebensspendende) Wasser, oder auch Berg und Erde als markante Momente auf. Die beschriebenen Sinnes- und Körpererfahrungen werden mit Naturerscheinungen verbunden, die Grenzen zwischen Natur, Geist und Körper („Hautträume“, „Steine aus Speichel“) verschwimmen ebenso wie die Grenzen von Körper, Raum und Zeit überwunden zu sein scheinen: „zwischen Tür und Angel / wächst Luft ein Warten / vor dem Schritt über die Grenze des Raums“. Eine „Körperzeit“ und ein „Körperland“ entdeckt das lyrische Ich im Schreiben, der oft angestellte Vergleich mit dem Gebären schwingt in Seisenbachers Lyrik allenfalls als implizite Andeutung mit.

Es ist eine von Auslassungen geprägte, sehr suggestive und stark komprimierte Stimmungslyrik, die Seisenbacher mit ihrem zweiten Gedichtband vorgelegt hat. Diese Lyrik verschweigt klangvoll jene alltagsmedizinischen Wortinstrumente, die eine Schwangerschaft und Geburt geradezu umstellen (Eisprung, Fötus, Wehen, Blasensprung, Entbindung) und übersetzt dieses körperliche Ausnahme-Ereignis stattdessen in mystische freie Verse, die auf Lust-, Liebes- und Angstempfinden rund um eine spezifische weibliche Erfahrung fokussieren: „jeder Raum / ist körperbewohnt / mit Zeit und einem Rufen / ein Körper / der nach unten zieht / hält“.

Elena Messner
6. Dezember 2012

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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