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Karin Rick: Chaosgirl.

Roman.
Tübingen: Verlag Claudia Gehrke, 2009.
218 S.; brosch.; Euro 9,90.
ISBN 978-3-88769-727-3.

2012 in Italienische übersetzt:
Karin Rick: Un caos di ragazza.
Bologna: Aracne, 2012.
220 S.; brosch.; Euro 11,-.
ISBN 978-8854845749.

Leseprobe

Autorin

Fetzig und Tabuzonen ansprechend/durchbrechend schreibt die Wiener Autorin Karin Rick ihren erotischen Frauen-Roman „Chaosgirl“. Während FPÖ und ÖVP derzeit Ängste schüren, dass die neue Broschüre für LehrerInnen „Ganz schön intim“ die so genannte Kernfamilie gefährde, macht Irene – die Ich-Erzählerin in Ricks Roman – keinen Hehl aus ihrer Homosexualität. Dass dieses Thema dennoch weiterhin ein gesellschaftliches Tabu bedeutet, zeigt das Verhalten von Irenes neuer Flamme: Anita, Mutter zweier Söhne und zum Zeitpunkt des Kennenlernens in einer (bereits abgekühlten) Beziehung zu ihrer Freundin Melanie stehend.
Dass auch lesbische Frauen bei aller Unkonventionalität in gesellschaftlichen Zwängen leben, ist eine der Scheren, die den Konflikt der Liebesgeschichte vorantreibt. Denn Anita, das Chaosgirl, weist einerseits ihre Geliebte gerne zurecht, so etwa beim Einkauf von Dessous („Du kannst doch nicht vor einer so biederen Verkäuferin zugeben, dass du die Reizwäsche für mich kaufst, die ist für deinen Freund, hättest du sagen sollen.“), andererseits ist akkurat sie es, die eine wilde Affäre mit Irene beginnt.
Und so liest sich der Text im Spannungsfeld zwischen erotischem Roman und ironischem Blick auf ein modernes, emanzipiertes Frauenrollenbild im 21. Jahrhundert. Ricks Frauen bewegen zwischen banalem Arbeits- und Familienalltag und leidenschaftlichen emotionalen Verstrickungen. Mit scharfem Blick für alles Schräge in den österreichischen Verhältnissen zeichnet die Autorin die ersten Begegnungen ihrer beiden Protagonistinnen: Anita und Irene sind Arbeitskolleginnen im Amt für verlorene Güter. Nicht zuletzt sind sie selbst ein wenig verloren in einer heteronormativen Welt. Um das erste Begehren, die Phasen der Erregung und die Unsicherheiten zu kaschieren, flüchtet sich Irene in die beruhigende Routine des gleichförmigen Arbeitslebens.
Rick beschreibt mit detailgenauem Blick und scharfer Beobachtungsgabe schonungslos ihre Umwelt, die Beziehungen sowie die eigenen Gefühle. Mit viel ironischer Übertreibung nimmt sie die österreichische Verwaltung aufs Korn, etwa wenn sie Irene schwere Folianten aus Archivsälen schleppen lässt, oder diese mit Vize-Sektionskommissarinnen und deren Sekretärinnen konfrontiert: „Die beiden Frauen sind auf einer anderen Schiene, auf der der berufsbedingten Abtötung von Gefühlen wie Auflehnung und Verliebtheit. Sie sind Güterverwaltung pur, sie stehen für die Abgestumpftheit der Kontakte, die mich gerade jetzt wie ein Stein trifft, sie stehen für Routine, Alltag, ungewaschene Achselhöhlen und nach altem Speichel säuerlich riechende Telefonhörer.“ Gerettet wird die Ich-Erzählerin in dieser Sitaution – das Sentiment ansprechend – von Carole Kings Liedtext: „I felt the earth move under my feet.“
Und tatsächlich gerät die Beziehung der beiden Frauen schnell ins Strudeln, nicht zuletzt repräsentiert Anita alles, was ungewöhnlich, nicht greifbar erscheint. Sie zeigt männliche Anteile im Weiblichen, klettert auf Bäume und wirkt burschikoser als ihre Söhne. Anita repräsentiert eine Art drittes Geschlecht, sie ist zutiefst androgyn, nicht nur von ihrem äußerem Erscheinungsbild und Verhalten, auch ihr chaotisches Handeln zwischen den vielen Fronten macht sie zu einer Figur des Dazwischen, die Irenes Leben von Grund auf ins Wanken bringt. Am Höhepunkt des Zueinanderfindens kippt dieses komplizierte Gleichgewicht zwischen Wahrheit, Lüge und dem Bedürfnis nach intakten Beziehungen. Der Bruch lässt Irene flüchten: Sie fliegt auf die Insel Lanzarote und findet dort bei anderen Frauen Solidarität und – für Momente – auch zu sich selbst.

Rick ist mit „Chaosgirl“ eine Tour de Force durch diese Frauenbeziehungsgeschichte gelungen, die nicht unbedingt von einer lesbischen Liebe oder dem Coming Out einer homosexuellen Frau erzählt, sondern die vielen Töne, Farben und Verstrickungen einer Frau zeichnet, die sich auf der Suche nach einer lebendigen, erfüllten Liebesbeziehung befindet. Dementsprechend wirft die Ich-Perspektive die LeserInnen in diese wilde Liebesgeschichte, die sich wie die Titelfigur in das reinste Chaos verwandelt. Auch die Rasanz von Ricks Sprache unterstützt diese existenzielle Irrfahrt, der schnelle Rhythmus verbindet Gefühle, Reflexionen und Handlung miteinander.
Mit „Chaosgirl“ gelingt Rick ein Roman über die Leidenschaft(en) und Empfindungen von Frauen. Lesbische Liebe wird als „normale Liebe“ beschrieben, die nicht sensationslüstern daherkommt, sondern dezidiert aus einer inneren weiblichen Perspektive heraus geschrieben ist. Und damit ist „Chaosgirl“ auch Teil im Selbstbild emanzipierter Frauen(bilder) des 21. Jahrhunderts.

Julia Danielczyk
6. Dezember 2012

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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