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Martin Kolozs: Immer November.

Roman.
Wels: Mitter Verlag, 2012.
247 Seiten; gebunden, Euro 19,80.
ISBN 978-3-9503157-2-.

Leseprobe

Autor

Martin Kolozs’ „Immer November“ ist ein bisschen Detektivgeschichte und ein wenig psychologische Selbstfindungs-Odyssee. Der Protagonist Hans alias John Salten – so führt der Prolog aus – versucht sich umzubringen. Die LeserInnen werden erst im Laufe des Textes das Warum erfahren und begeben sich also auf die Suche. Ganz im Sinne eines Detektivromans finden sich immer wieder Andeutungen – in diesem Fall über die Kindheit des Protagonisten. Wie bald klar wird, muss sich die Antwort in der Familiengeschichte Saltens verbergen, wohl bei den Eltern. Die Reise in die USA ist, so scheint es zuerst, ein Aufarbeitungsversuch dieser Vergangenheit und wird initiiert durch therapeutische Sitzungen bei Dr. Schoderböck. Die zentrale Erkenntnis ist dabei frappierend einfach: Fluchtverhalten und Fluchtdistanz. Frei übertragen aus der Fauna meint dies, dass jede/r eine entsprechende Distanz zu Feinden einhalte und bei Über- bzw. Unterschreitung die Flucht antrete (54). Dies erklärt wohl auch den namentlichen Bezug auf den Bambi-Autor Felix Salten. Kolozs' Salten nun begibt sich mit diesem Wissen auf die Suche nach 'sich selbst' und reist dazu nach New York, um schließlich über Umwege zu dem Schriftsteller Norman T– zu gelangen, in dessen Texten quasi ein Alter Ego Saltens entworfen wird.

Das Geld für diese Reise erhält er von seiner Großmutter, die ihm allerdings ein Versprechen abringt: Er darf sich von dieser finanziellen Unterstützung keine Bücher kaufen. Ihr Appell ist einer für 'authentisches Erleben': „damit du die Welt siehst, damit du endlich rausgehst und was Echtes erlebst“ (55). Diese rigide Gegenüberstellung von 'eigener Erfahrung' und 'Buchwelt' ist gleichsam ein Leitgedanke des Romans. Die lebenskluge Anleitung der Großmutter findet schließlich ihr Pendant in Norman T–s Kritik eines Gedichtes von Salten: „Wenn du mal etwas richtig Gutes schreiben möchtest, musst du deine Erfahrungen sammeln“ (241). Just dieses tatsächlich wenig ausgereifte Gedicht über Hoffnung(slosigkeit) ist für den Roman titelgebend: „Immer November“. Als selbstreflexiv und/oder als Kritik an der Lernresistenz des Protagonisten kann diese Projektion des Titels verstanden werden; vielleicht unterläuft sie aber schlicht auf konzeptueller Ebene die Erkenntnisverhandlungen des Romans selbst. Die propagierte Trennung von 'Erleben' und 'Lesen' konterkariert der Text nämlich mehrfach: Eine Vielzahl von meist explizit ausgewiesenen Zitaten zieht sich durch den Roman: von Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (45), Dostojewskis „Doppelgänger“ (161), Dylans Song „Like a Rolling Stone“ (146), „The Big Lebowski“ der Coen-Brüder (98) bis hin zu dem Rimbaud-Kryptozitat „Ich war nicht ich, sondern jemand anderes“ (19). Trotz des Versprechens an die Großmutter kauft sich Salten in New York eben jenes Buch Norman T–s (112), das schließlich entscheidend die Romanhandlung lenkt. Am Ende verlässt Salten mit einem Buch am Beifahrersitz die Szene (247).

Mit dem Text ergeht sich auch die Zeichnung des Protagonisten im Zitat. Salten erinnert an „Felix Krull“, entwirft er sich doch gerne als Hochstapler, thematisiert wiederholt seine Lügen (u. a. 19) und manipuliert andere spielerisch (u. a. 164). Darüber hinaus weist Norman T– ihn darauf hin, dass „man gewissermaßen immer an seiner eigenen Legende schreibt“ (208); und schließlich liest Salten über eine Figur Norman T–s, dass diese bisweilen nicht mehr gewusst habe, was sie „eigentlich alles erfunden hatte und was nicht“ (121). Mitunter folgt „Immer November“ zudem der Praxis des kafkaesken Kryptozitats: „Aber ohne einen triftigen Grund nennen zu können, fühlte ich mich plötzlich unwirklich und ganz fehl am Platz“ (102). Ein Hinweis auf die Zitathaftigkeit Saltens und damit eine Infragestellung seiner Glaubwürdigkeit wird solchermaßen recht bald gegeben. Dr. Schoderböck identifiziert eine Erzählung Saltens über seine Eltern als den Beginn von J. D. Salingers „The Catcher in the Rye“ und kommentiert dies folgendermaßen: „Du sagst etwas, das dich direkt betrifft, verwendest dafür aber nicht deine eigenen Worte“ (36).

Salten ist montiert, wenig greifbar; ist Kulminationspunkt einer geradezu exzessiven Zitatanhäufung und verschwindet zusätzlich immer wieder hinter floskelhaften Plattitüden und stereotypen Ausschweifungen: So wünscht er sich etwa eine „Superman-mich-kann-nichts-umhauen-Haltung“ (78) oder erklärt altklug: „Und zweifellos taten wir das Richtige, indem wir das absolut Falsche taten“ (93). Er betont, dass er wie „von einer Tarantel gestochen“ aufgesprungen sei und sich „keine Extrawürste“ (158) erlauben könne. Eine Abteilung für „Rare Books“ werde nur von „grauen Männern und mäuschenstillen Frauen aufgesucht“ (108) und ein Schriftsteller ist in Saltens Augen dann ungewöhnlich, wenn er „breite Schultern, kräftige Arme, starke Schultern“ (161) hat. Klischeehafte Frauenbilder (u. a. 88/90) und gesellschaftspolitische Stigmatisierungen (218) reproduziert er unreflektiert. Dass offensichtlich als englisch angelegte Figurenreden bisweilen auf Deutsch wiedergegeben werden, bisweilen nicht und manchmal beides ineinandergreift, verstärkt zusätzlich den Eindruck der ziellosen Montage. Insofern muss das Hemingway-Motto, „All you have to do is write one true sentence“ (5), wohl auch sentimental nostalgisch gelesen werden.

Marina Rauchenbacher
6. Dezember 2012

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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