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Die Köter haben immer Recht

Man muss sich wundern über junge Autoren wie Cordula Simon. Der Generation der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Geborenen und nach 1990 ins Bewusstsein Getretenen wurde Zeit ihrer Jugend gesagt, sie sollten ins Ausland gehen und dort ihre Erfahrungen machen. Europa sei neu, die Welt stehe ihnen offen, es gebe so viel zu erkunden! Im Rahmen eines Au-Pair-Jahres oder akademischen Auslandssemesters bereisten die Kinder fortan die Welt und landeten so immer nur bei konservativen Familien im mittleren Westen der USA oder in spanischen Studentenstädten, die einem verlängerten Strandurlaub nicht allzu unähnlich waren. Alle anderen verbrachten das unvermeidliche Jahr in Australien, kamen zurück, erzählten uns, wie viel besser dort alles war, wie schlecht es in Österreich eigentlich sei, und dass sie eines Tages „ganz sicher“ zurück nach Australien wollten, um dort zu leben.

Cordula Simon lebt und arbeitet in der Ukraine. Ihre Kindheit verbrachte sie in der östlichen Steiermark, studiert hat sie in Graz. Kein Australien, keine USA – nur ein Auslandssemester in Odessa, der Stadt am Schwarzen Meer, der sie letztlich treu geblieben ist. Diese Stadt nun ist es, von der sie uns in ihrem ersten Roman „Der potemkinsche Hund“ berichtet, und die auch schon Schauplatz ihrer Erzählungen „Die Vorlesung“ und „Die Unvergänglichkeit des Lichts“ war. Es ist diese Stadt, die sich die junge Autorin erwählt hat, der Ort, der sie inspiriert und sie schreiben lässt. Ob sich die Autorin die Stadt erschreibt oder die Stadt sich durch die Autorin selbst beschreibt, können wir, die Empfänger ihrer merkwürdigen Berichte, nur schwer entscheiden. Für die jüngere Literatur jedenfalls sind diese odessitischen Geschichten eine willkommene Abwechslung zu den ewig urbanen Bobo-Schauplätzen oder den ermüdenden Abrechnungen mit der sogenannten „Provinz“.

Dabei spielt in Simons Texten die Frage nach Ort und Sinn, nach Locus und Logos, eine entscheidende Rolle. Menschen sind Räume, lernen wir von Simon, und sie brauchen einen Platz in der Welt, einen Rückzugsort, wo sie ganz für sich sein können. Das kann ruhig extreme Formen annehmen. Fritz Schlier etwa, die Hauptfigur der gleichnamigen Erzählung, will das Kunststück vollbringen, sich an keinem Ort aufzuhalten („Ein Kaninchen müsste man sein, in dem Moment, in dem der Zauberer den leeren Hut zeigt.“). In dieser heiteren, an Kafka-Referenzen reichen Erzählung arbeitet die Autorin komplexe existenzialistische Metaphern in eine absurde Parabel über den modernen Menschen ein, der ständig damit beschäftigt ist, sich einerseits selbst zu finden, zu wissen, wer er ist, und andererseits der Gesellschaft ein konsistentes Ich anzubieten. Wie man eine solche Geschichte über einen Menschen, der immer das „zweite Ding“ sein möchte, weil er weiß, dass zwei Dinge sich nie am selben Ort aufhalten können, derart leichtfüßig und humorvoll in Szene setzt - das ist Simons ganz eigenem Blick auf die existenziellen Verhältnismäßigkeiten der Welt geschuldet. Dabei verliert sie die Bodenhaftung nicht, denn ihre Geschichten wirken nie zu verkopft, aber auch nie zu puppenlustig.

Simons Lust an schrägen Gedankenexperimenten zeigt sich auch an ihrem Text „Die Steuer“. In dieser absurd-komischen Dystopie wird die Geschichte von Kurt und Katharina erzählt, die sich kennenlernen, als vom Staat schon beschlossen wurde, sämtliche sexuelle Handlungen zu besteuern. Zur Kontrolle werden die Bürger rund um die Uhr überwacht. Obwohl die satirischen Qualitäten (vor allem durch die Figur eines ehemaligen Beamten, der durch Hilfestellungen zur Umgehung der Steuer zu beträchtlichem Reichtum
kommt) in dieser Erzählung nicht zu kurz kommen, geht es doch auch um die existenzielle Seite der Sexualität und die Probleme, die sich ergeben, wenn diese zur staatlichen Angelegenheit gemacht wird. Auch das Versteckspiel, das wir schon aus „Fritz Schlier“ kennen, entwickelt hier ganz neue Varianten: So schaffen sich Kurt und Katharina etwa einen Sarg an, in dem sie sich von den Augen der Kameras unbemerkt lieben können („Im Sarg war die Welt noch in Ordnung“).

Auch geht es um den Grenzbereich (oder die Verquickung) von Leben und Tod, wenn auch hier noch leichtfüßiger und komischer als in Simons anderen Texten - der Liebesakt im Sarg steht dafür Pate. Erleichtert stellt man also trotz aller zeitgeistiger Kritik, die in dieser Geschichte enthalten ist, fest, dass „Die Steuer“ nicht zur pessimistischen Zukunftsversion verkommt: vielmehr wird eine vergnügliche Liebesgeschichte mit gewissen Schwierigkeiten erzählt. Der Humor zeigt sich sowohl in der Figurenzeichnung als auch in der Sprache, die sich nicht nur im dramatischen Modus nahe am Alltagssprachlichen bewegt. In Verbindung mit einer distanzierten, etwas spöttischen Simon'schen Erzählinstanz trägt dies zu einem heiteren Lesevergnügen bei, das vor allem durch die Intelligenz der Autorin vor Seichtgang bewahrt wird.

Cordula Simon geht es nämlich nicht um das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, sondern um den Menschen und seine Lebenswelt. Die kann, wie in der Erzählung „Die Vorlesung“, auch nur aus einem Strand und dem Blick auf das Meer bestehen. Der Matrose Slavik lehrt Ira am Strand von Odessa das Schießen mit der Pistole, doch Ira muss eigentlich in eine Vorlesung. Slavik hält aber seine „Lehrveranstaltung“ für die nützlichere; zudem hegt er den nicht ganz unberechtigten Verdacht, dass Ira wegen eines anderen Jungen auf die Uni will. Das Verhältnis der beiden Figuren changiert zwischen Andeutungen von Liebe, geschwisterlicher Freundschaft und bisweilen gefährlicher Eifersucht. Es geht um Bestimmung und Schicksal, um Leben und Tod. Behutsam und mit einem
zuverlässigen Gefühl für Dialoge, wie sie nur zwischen zwei Menschen stattfinden können, die sich ihrer Sache nicht ganz sicher sind, verleiht Simon der überschaubaren Handlung stimmige Atmosphäre und philosophische Tiefe. Der Strand von Odessa ist der Ort, an dem Slavik und Ira einander begegnen können, quasi auf neutralem Territorium. Slaviks Welt ist das Meer und das Leben als Seemann, während Ira nach der Stadt strebt, die jenseits der Potemkinschen Treppe, die als schier unüberwindliches Hindernis zwischen den Welten stilisiert wird, liegt. „Die Vorlesung“ fungiert motivisch und topografisch gewissermaßen als Vorspiel zum „Potemkinschen Hund“. Iras Gesetz aber, dass immer nur zwei Menschen für einander bestimmt sein können (in dieser Erzählung noch als naiver Glaubenssatz formuliert und gegen einen eifersüchtigen Dritten gewandt), wird in Simons erstem Roman einer eingehenderen Prüfung unterzogen. Denn hier geht es schließlich auch um erkennen und wiedererkennen, zumal um das Erkennen des Selbst, des Wahren, der Essenz.

Die merkwürdige Geschichte, mit der die Leser im „Potemkinschen Hund“ konfrontiert werden, weckt vielerlei Assoziationen: von Mary Shelleys „Frankenstein“ über Gogol und Bulgakov bis hin zu, freilich, Kafka. In Zeiten medialer Dauerbegruselung durch Zombie-TV-Serien und der endgültigen Banalisierung der Figur des Vampirs erscheint es fast schon vulgär, einen „Wiedergänger“ zu einem Roman-Protagonisten zu machen. Mit Anatol Grigorjevic Ivanov aber begegnen wir einem recht harmlosen, traurigen Zombie. Von einem gütigen Hund zum Leben 'erleckt', weiß er noch gar nicht, was mit ihm passiert ist. Er ist ohnehin zunächst damit beschäftigt, seinen Körper von all jenem zu befreien, was der Leichenpräparator in ihm gelassen hat. Man muss der Autorin Lob aussprechen für die detailgetreue Beschreibung dieser Handlungen, die, bei aller Komik, eine Stärke Simons bereits am Beginn des Romans offen legen: Sie verfügt über jene Kombination von 'poetischer Vergnüglichkeit' und sprachlicher Unbekümmertheit, die es für die Mitteilung dessen braucht, was man selbst nicht erlebt haben kann.

Der multiperspektivisch angelegte Roman erzählt aber nicht nur die seltsame Geschichte von Anatols Nachleben und der Verzweiflung, der seine Erweckerin Irina zum Opfer fällt – eine Liebesgeschichte kompliziertester Natur. Vor allem ist der „Potemkinsche Hund“ ein Portrait ukrainischen Lebens. Von Aberglauben und Alkohol durchtränkt erscheinen die vielen Figuren, aus deren Sicht erzählt wird, als authentische Exemplare bzw. Nachfahren des homo sovieticus in einem neuen, verwirrenden Europa. Sie alle sind Suchende und Siechende, wissen nicht genau, woher sie kommen und wohin sie zu gehen haben. Nach dem Niedergang der großen Ideen, sind die Leitbilder verschwunden – ihnen leuchten trotzdem immer noch die Sputniks, nicht die Sterne. Im Zentrum freilich steht Anatols Suche nach dem, wovon er glaubt, dass er es sein Leben nennen darf. Wohin aber kann die Reise eines von den Toten Auferstandenen führen, wenn nicht zurück ins Grab?

Die Antwort kennt der Hund
Celobaka, der Anatol aus dem Grab holt und der ihm nicht mehr von der Seite weicht. Er ist Anatols Leitstern, quasi seine Ersatzintuition, denn Anatol selbst leidet an Amnesie; er muss erkennen, dass ihm seine Stadt kein Zuhause mehr ist, er sich ohne die Hilfe des Hundes nicht mehr in ihr zurechtfindet. Zudem bietet Celobaka, aus dessen Sicht sogar ein Kapitel verfasst ist, den Kontrapunkt zum sonst eher pessimistisch-fatalistischen Grundtenor, mit dem die anderen Odessiter ihre Lebenswelt kommentieren. Der Menschenhund (so die Übersetzung seines Namens) macht dabei seinem Namen alle Ehre, wenn er etwa meint: „Ein bisschen Zuneigung wird dem Menschen helfen, dachte er sich. Der einzige Weg, wie man mit einem lebenden Wesen umzugehen hat.“, S. 147) Der Hund als Humanist weiß, wo es lang geht, denn, so eine alte Zigany: „Die Köter haben immer Recht.“ (S. 9)

Der Ausweg aus der Ausweglosigkeit über das Tun als Lebenssinn – das ist das Programm der weiblichen Protagonistin Irina Sergejevna Muravenko. Die gescheiterte Forscherin bewegt sich an der Grenze von Wissenschaft und Wunderglauben (ein durchaus faustisches Motiv). Vom Gelingen ihres bisher größten Experiments – der Erweckung des toten Anatols – weiß sie zunächst nichts. Selbst ihr Aufeinandertreffen mit Anatol lässt sie zweifelnd zurück, denn sie ist sich nicht sicher, ob es sich wirklich um ihn handelt. Die Überzeugung, mit Taten in die Welt eingreifen zu können, etwas zu verändern, erschöpft sich von einem gescheiterten Experiment zum nächsten. Was für Irina bleibt, ist die „Untätigkeit als Lösung“ - die Faszination, die Gon
carovs „Oblomov“ auf sie ausübt. Letztlich sind auch Irina und Anatol „überflüssige Menschen“, wenn auch nicht ganz im Sinne Goncarovs; sie sind „zwei Menschen, die die Welt nicht wollte“ (S. 158). Das ist eine traurig-schaurige Liebesgeschichte mit viel Zärtlichkeit zwischen den Zeilen, ein ungewöhnlicher Roman, der uns auf dem falschen Fuß erwischt.

Cordula Simon lebt und schreibt also in Odessa. Diesem einfachen Umstand ist es geschuldet, dass uns von dort eine Literatur erreicht, die uns das Vertraute im Fremden, das Komische im Tragischen und das Menschliche im Allzumenschlichen offenbart. Simons Texte traktieren ihre Leser nicht mit kulturellen Klischees, bloß um anders oder besonders exotisch zu sein. Manchmal aber erkennt sich der Mensch erst dann am besten, wenn er mit etwas konfrontiert wird, von dem er glaubt, dass es mit ihm gar nichts zu tun hätte: Zombiegeschichten aus Odessa, absurde Zukunftsvisionen, extreme Neurotiker zum Beispiel. Menschen sind Räume, und manchmal haben auch sie potemkinsche Qualitäten, wie Städte, deren Häuser Fassaden haben, „die keine Gebäude bergen“ (S. 120). Wer erkennt diese potemkinschen Dörfer, wenn er sie sieht? Cordula Simon stellt diese Fragen und nimmt sie gleichzeitig nicht allzu ernst. Ihre Methode ist dabei die simple Idee des „Was wäre wenn...?“, die schon immer Anleitung zu aufschlussreichen Gedankenexperimenten gegeben hat. Das Ergebnis ist trunkene Prosa, die ihren Ausgangspunkt vergisst, weil man nie sagen kann, ob sich das Realistische am Phantastischen betrinkt oder umgekehrt.

© Georg J. Daxer _____________________________________________

Georg Daxer wurde 1983 in Zell am See geboren. In Graz studierte er Germanistik, Philosophie und Anglistik; seine Masterarbeit haben die „Formen des Humors bei Franz Kafka“ zum Thema. Nun lebt er wieder im Innergebirg und ist als Gastwirt, Blogger und Deutsch-Referent tätig.

 

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