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Anselm Glück: Gemeinsam üben.

Klagenfurt, Graz: Ritter Verlag, 2012.
144 Seiten; broschiert; Farbabb.; Euro 13,90.
ISBN: 978-3-85415-488-4.

Leseprobe

Autor

„In meiner Phantasiewelt habe ich mich mit ein paar Grundformen bekanntgemacht und die lasse ich von Zeit zu Zeit der Reihe nach heraushängen“, heißt es relativ zu Beginn dieses neuen Bandes von Anselm Glück. – Eine dieser Grundformen, die der Ich-Erzähler hier immer wieder „heraushängen“ lässt, ist jene des Aufbauens, Zerstörens und Wiederaufbauens: „Die Toten werden durch einen Applaustunnel ins Jenseits gebracht […], dann ruft man die armen Teufel auf und präpariert sie für den Wiedereintritt.“
Galgenhumorig wird das Muster immer wieder durchexerziert, es „wandelt sich die Materie, sie stellt sich wieder und wieder […] neu zusammen zu einem Auge und einem Gehirn.“ Doch wird die Verbitterung über diese Kreislaufform, in der das Individuum gleichwohl immer wieder für immer stirbt, spürbar, spürbar wird die Erbitterung, gegen diesen Ablauf machtlos zu sein; sie lässt auch den Erzähler im Kreis laufen, lässt ihn immer wieder gegen diese Zumutung anrennen, das Muster des Aufbauens, Zerstörens und Wiedererstehens immer wieder durchspielen, bis der Text sich schließlich selbst auf die Zehen tritt: „Das hatten wir schon“.
Am Ende aber findet der Erzähler diese unechten Kreisläufe schon überall, findet dieses Wiederauftauchen des Allgemeinen, des Musters, auch und vor allem in sich selbst, in seiner Psyche, in seinen Zusammenbrüchen und Wiedergesundungen: „Ich und der andere, heißt es, reden auf einander ein, aber der andere begreift nicht, oder er will nicht begreifen, genausowenig wie, von ihm aus gesehen ich. Bis es Zeit wird, den Spieß wieder umzudrehen. Er ist jetzt nach draußen gerichtet […].“ Doch schon ergibt sich auch hier, in diesem Inneren, ein ganzer Weltlauf, der „andere da drinnen“ erstickt, und „am Ende fußt auch das Ich, wie da draußen die Welt, auf einem Berg von Leichen, immer dichter untergewühlt und immer enger in uns hineingestapelt.“
Der Schwerpunkt der Wahrnehmung liegt damit auf dem Immer-wieder-scheitern-Müssen, das für das Individuum so endgültig ist. Und so entsteht der Wunsch danach, „es“ wenigstens einmal „hinzukriegen“, der eigentlich der Wunsch danach ist, „es“ einmal hinzukriegen und dann natürlich wieder und wieder und wieder: Die Wiederholung, das Memorieren wird so zum Trick des Andauerns wider die Naturgesetze. Den Moment des Versagens, des Sterbens, dagegen führt Glück auf seltsam schlüssige Weise mit dem Moment des Vergessens parallel.
Immer wieder kehrt der Text zu Reflexionen über die Perzeption, das Erinnern und das Vergessen zurück. Der Erzähler ist in ihm „Patiens“, passiv Erleidender eines naturgesetzlichen Vorgangs: „Das Sehen nutzt die Augen, die Eindrücke nutzen das Gehirn, und die Emotionen nutzen mich. […] Angesaugt schweben die Bilder durch den Sichtkanal ins schon von langer Hand vorbereitete Gefühl.“ Alles erscheint jeweils „exakt inmitten seines Zeitpunkts“. Dann wird es erinnert, wieder erinnert, bis zu jenem Moment, jenem einen, in dem es vergessen wird. Es wird „in die Augen gekerbt und weiter hinten zu immer neuen Bildern um- und umgeschnitzt“; die Perzeption ist hier verstanden als die Physis, als die sie nur existieren kann, bis sie als Erinnerung stirbt, bis die Erinnerung tot ist – wie der Leib, der sie ist und den sie gleichzeitig lenkt. Der Autor kann inzwischen nur eines tun: „Bereit zu sein und jederzeit mitzuschreiben, mich aber nicht einzumischen beim Notieren, weil lesen tut sowieso gleichzeitig ein anderer.“

Das Sprechen aber? Auch dieses bleibt ein passiver Vorgang: Der Erzähler redet nicht mehr wie früher „auf jemanden hin“, sondern einfach nur „weg von mir […].“ Er sagt von sich: „Ich werde abgesaugt. Aus meinem Mund rutschen die Worte ins Vakuum gegenüber“; auch hier also der passive Vorgang; und das Sprechen ist das eines Individuums – folgerichtig verschwindet es in einem Vakuum, während wiederum das Sprechen an sich, das Begriffliche, vergeht und wieder ersteht. Die Thematik Glücks ist damit auch das Anrennen des Konkreten gegen den Begriff, das Anrennen der Variation gegen das Muster, der Clinch der spezifischen Formulierung mit dem immer gleichen Faktum des Todes, vielleicht das eher witzige Anrennen der ganz speziellen Apothekerfigur / der ganz speziellen Apothekersfrauenfigur gegen diese ganz allgemein und ohne Ansehen alle verschlingende Maschinerie des Natürlichen. Diese Geschichte ist jedoch bitte im Buch nachzulesen!

Lisa Spalt
17. Dezember 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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