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Ernst Wünsch: Finstern

Roman.
Klagenfurt: Kitab Verlag 2012.
260 Seiten; broschiert; Euro 17,-.
ISBN 978-3-902585-98-1.

Leseprobe

Autor

Die direkt an der Anlegestelle der Aachfähre gelegene Klause Finstern ist „das Endresultat einer Jahrhunderte andauernden volkstümlichen Verstümmelung des lateinischen Terminus finis terrae“. Seit 1940 heißt sie Aachbrück. Zwischen hier und Trams (vom Lateinischen trans terram) am nördlichen Ufer der Aach, die an den antiken Unterweltfluss Acheron denken lässt, verkehrte bis in die 1980er Jahre ein Fährschiff im Tag-und-Nacht-Betrieb. Finstern aber wurde nicht zum Urlaub- sondern „zum Schlussmachen“ frequentiert. Schließlich herrschen in dieser Gegend laut „Aachland-Chronik“ alles andere als einladende Wetterverhältnisse: Es gibt „extrem wenig Sonnentage“ und ein Klima, das von Gewitteranfälligkeit und dem „Trend zu Unwetterkatastrophen wie Erdrutschen, Vermurungen & geradezu apokalyptischen Überflutungen“ geprägt ist. Als es infolge eines Kraftwerkbaus zu Veränderungen im Flusslauf und einer sukzessiven Austrocknung der Aach kam, brach der Tourismus ein. Der Fährbetrieb wurde eingestellt. Die Bevölkerung wanderte ab und zurück blieb ein „Geisterdorf am Geisterfluss“.

Der einzige Mensch, der hier noch wohnt, ist der „Aachbrücker Fährmann“ Adrian Schall. Sein Fährschiff steht allerdings aufgebockt im Trockendock. Und er selbst wartet, nachdem er seine Versicherungsjahre längst beisammen hat, auf Ablöse, hat aber im Grunde „entsetzliche Angst“ davor. Und weil er auch noch überzeugt ist, dass Frauen „nicht an Bord eines Schiffes (...) geschweige denn auf eine Kommandobrücke“ gehören, bringt es die 35jährige Klara Fall nicht übers Herz, sich als neue Fährfrau bei ihm vorzustellen, sondern erklärt, die neue Stipendiatin zu sein. Das bringt sie in den Genuss von Diäten und einer Vollpension, welche eigentlich dem einen Tag nach ihr über Wien-Hütteldorf und St. Valentin angereisten Leo Kmetko zustünden.
Weil aber der 59jährige Schriftsteller „ein umgänglicher, verständnisvoller, psychologisch versierter, toleranter & herzensguter Mitmensch“ ist, lässt er sich auf die Verwechslungskomödie ein; muss aber dadurch die Verrichtung von allerlei Hilfsarbeiten sowie „Adrians Kielschwein-Schikanen“ über sich ergehen lassen, die „irgendwo zwischen Mobbing & Schinderei“ liegen. Doch Klara vermag ihm mit „heavy petting“ und einigen anderen Nettigkeiten sein Moses-Dasein (Moses ist laut Seemannssprache ein Schiffsjunge in der Anlernphase) zu versüßen, sodass er trotz der sich durch die versiegende Quelle ergebenden Probleme (Trinkwasser muss vom Mitteraacher Dorfbrunnen herangeschafft und im Seemannnsheim kann nur mehr jeden zweiten Tag geduscht werden) den Aufenthalt als angenehm empfindet. Kein Wunder. Verzicht ist ihm vertraut. Er begleitet seinen Umgang mit Frauen genauso wie den Verlauf seiner schriftstellerischen Karriere.
Leo hat sich zwar, während er Germanistik und Kunstgeschichte inskribiert und als Hauslehrer, Hilfsarbeiter und Ghostwriter gejobbt hat, „in einer jungen Literaturzeitschrift“ literarisch ausgetobt, über einen „Grätzeldichter“ ist er allerdings nie hinausgekommen. Als mit „Unerfülltheit“ Vertrauter sieht er das nicht so dramatisch. Er tröstet sich damit, dass ohnehin nur Verblödung droht, wenn es einem zu gut geht. Außerdem weiß er, dass man Glück nicht einfach so findet. Und doch wäre er nicht abgeneigt, darüber zu stolpern. Aber dazu besteht bei Leo keine Gefahr. Denn statt in Glückes Nähe verschlägt es ihn, die Hauptfigur eines durch seine Vielschichtigkeit und seinen Detailreichtum bestechenden, ironisch-kritischen Romans, eher in die Gegenrichtung, was angesichts der Tatsache, dass bei ihm sowieso das ganze Leben unter dem Motto der beschwerlichen Anreise zu stehen scheint, nur konsequent ist.
Alleine um das Stipendium „als Marktschreiber in der Klause Aachbrück“ zu bekommen, muss er zwanzig Mal ansuchen. Die dafür veranschlagten sechs Monate sind Leo Kmetkos dritte Auszeit. Seine erste Auszeit, die ihn über Köln und Heerlen nach Aachen geführt hat, nimmt er sich als Siebzehnjähriger am Dreikönigstag 1968. Wenige Jahre später, als er unbedingt auf „eine Insel ohne Flughafen“ will, folgt die zweite. Und jedes Mal hofft Leo, „das nagende Gefühl von Versäumen & Versagen“ loszuwerden. Doch das verschwindet nicht einfach so. Nach und nach aber ringt er sich zumindest zu einer neuen Einsicht durch: „Ich mag das Leben, bin aber nicht gerne Mensch“. Die innere Zerrissenheit bleibt, auch wenn er sein Davonlaufen unter die mehr Bedeutungsfülle vorgaukelnde Bezeichnung „Fluchtexpedition“ stellt. Ganz bestimmt kann diese als eine Art Gralssuche gesehen werden, wankt Leo doch einem Parzival nicht unähnlich durch die Welt, ohne sie letztlich zu verstehen. Am Ende sieht er immerhin, wie sich sein „fast sechs Jahrzehnte umfassendes Erinnerungs-Depot gerade kaleidoskopartig neu ordnet“; eine Erfahrung, die sinnbildhaft für den ganzen Roman steht, der nichts anderes ist als ein einziges „literarisches Kaleidoskop, (...) ein Mosaik aus Episoden, Eindrücken & Abschweifungen“.

Das spielerische Abschweifen von der Haupthandlung ist typisch für das Schreiben von Ernst Wünsch. „Abschweifungen sind mir sehr wichtig. Ich würde eigentlich nur Abschweifungen schreiben“, sagt er. Über diese Methode verwandelt der Autor seinen Roman in eine mit allerlei überraschenden Kostbarkeiten gefüllte Schatzkiste. Man findet darin Wissenswertes über „die Weibchen der Cochenille-Läuse“, lernt ein bisschen Seemannssprache, auf Spanisch zu schimpfen, einiges über das Aussteigertum auf der Atlantikinsel La Gomera, und man darf auch noch genaue Schilderungen von Landschaften, Örtlichkeiten, Stimmungen, Abläufen und sonstigen kleinen Erlebnissen und Geschichten genießen.
Trotz aller humoristischer Schwingungen, die sich durch diesen von Leichtigkeit erfüllten Roman ziehen, entbehrt er nicht einer gewissen Tragik. Stellvertretend dafür mag das Schicksal von Maricarmen genannt werden, die während der Franco-Diktatur gequält und gefoltert wird, nur weil sie „einmal die Ein-Pesten-Briefmarken mit dem Konterfei des Generalissimo auf den Brief an einen Kommilitonen verkehrt herum“ aufklebt.
Frei von Tragik ist aber auch das Schicksal von Leo Kmetko nicht, der sich nach überstandener dritter Auszeit „mit seiner Überflüssigkeit in der Literaturszene, mit seiner Überflüssigkeit in dieser Welt“ konfrontiert sieht, schafft er es doch gerade einmal, dass sein neuer Roman in einer Auflage von 200 Stück erscheinen kann, wofür er als Honorar nicht mehr und nicht weniger als „eine Kiste mit 100 Büchern“ erhält.
Doch nachdem einen das Glück ja immer dann ereilt, „wenn man nicht darauf vorbereitet ist“, darf sich der liebe Leo irgendwann doch über die Einladung zu einem „special event“ freuen.
Freuen dürfen sich auch alle, die Ernst Wünschs Roman „Finstern“ in Händen halten, denn auch dieser ist ein special event.


Andreas Tiefenbacher
19. Dezember 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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