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Philipp Traun: Bin gesund und guter Dinge.

Roman
Wien: Amalthea Signum Verlag, 2012.
282 S.; geb.; Euro 22,95.
ISBN: 978-3-85002-814-1.

Leseprobe

Autor

„Verwandtschaft – Fluch oder Segen?“, könnte sich der Held des Romans „Bin gesund und guter Dinge“ von Philipp Traun angesichts seiner mysteriösen Familiengeschichte fragen. Die Aufdeckung eines streng gehüteten Familiengeheimnisses zählt gewiss zu den spannendsten Geschichten, die es zu erzählen gibt. Die Suche des 32jährigen Romanhelden Paul Lichtenperg nach seinen Eltern ist jedoch vielmehr eine Suche nach der eigenen Identität. Der Sohn weiß nämlich, dass sie vor Jahren bei einem Flugzeugabsturz umgekommen sind, akzeptiert es aber nicht. Er verfällt dabei wahnhaften Ideen und möchte nichts von einem angeblichen Tod wissen. Da hilft auch kein märchenhaftes Schloss, in dem er mit seinem Großvater und dessen Pflegerin Mila aufgewachsen ist. Paul ist ein sympathischer Romanheld. Bei der Lektüre will man dem traumatisierten Helden beistehen, ihn am liebsten wach rütteln und in die Realität zurück holen.
Ein wenig erinnert Philipp Traun mit „Bin gesund und guter Dinge“ an Romane der Empfindsamkeit. Denn wie die Helden dieser Epoche befindet sich Paul in einem Zwiespalt zwischen Gefühl und Verstand. Sein übermächtiger Großvater hat ihn sein Leben lang von der Außenwelt abgeschottet. Er bleibt in dem leitmotivischen „Glasglockenleben“ gefangen. Der Wüstensperling Olga ist ein Vogel, der in Pauls Manteltasche lebt und seine zunehmende Flucht in die Phantasiewelt symbolisiert.

Die Reise zurück in die Vergangenheit beginnt mit dem Durchstöbern des Familienarchivs. Unterwegs mit dem Auto nach Polen und in die Ukraine liest Paul am Beifahrersitz die Tagebucheinträge und Briefe des Großvaters. Die Originaldokumente handeln von Liebesverhältnissen und vom zweiten Weltkrieg. Die teilweise langatmige Autofahrt ist an sogenannte „Roadtrips“ angelehnt.
Eine bedeutende Rolle in dieser Familiengeschichte spielen Geisteskrankheiten. Nun ist Pauls Vater aber nicht der biologische Vater und der Großvater erst recht kein Blutsverwandter. Doch da gibt es diesen Freund der Familie, der an paranoider Schizophrenie leidet und der wahre Vater von Paul ist. Ob es sich bei Pauls Spleen, in manchen Lebensmomenten ein „Suchen-Sie-fünf-Fehler“-Bildrätsel zu sehen, um einen „running gag“ oder um eine psychische Krankheit handelt, bleibt offen.

Indem Philipp Traun von der Kriegsvergangenheit des Großvaters erzählt, verbindet er die Familiengeschichte mit einem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Die brisante Frage nach der Rolle des Kriegsveteranen, ob Opfer oder Täter des nationalsozialistischen Regimes, wird aufgeworfen. Für den ehemaligen Geschichtestudenten Paul ist der Besuch des einstigen jüdischen Ghettos daher ein familiäres und ein menschliches Anliegen. Am Kriegsort erinnert sich der 92jährige Mann an das Leid und es tauchen Bilder vor seinen Augen auf, die ihn tief bestürzt zusammenbrechen lassen. Paul, der mit einer antisemitischen Reaktion gerechnet hatte, ist erstaunt. Sein Großvater war wohl weder Opfer noch Täter, sondern ein „Mensch in den Grauzonen“.

Paul Lichtenperg, der Held des ersten Romans von Philipp Traun mit dem Titel „Alles im Fluss“, ist erwachsen geworden. Philipp Traun erweckt mit seiner Romanfigur den Eindruck, es gebe noch eine Vielzahl an Geschichten aus Pauls Leben zu erzählen.
Die Ich-Erzählung spielt in der Vergangenheit, durchbrochen von gegenwärtigen Dialogen, die damalige Szenen lebendig werden lassen. Die zitierten Dokumente lassen die Kriegsgeschichte des Großvaters authentisch wirken. Der Sprachstil ist traditionell gehalten, die Erzählweise gleichmäßig, beinahe monoton. Dafür darf Skurriles nicht fehlen, etwa die mysteriösen Briefe des geisteskranken Ernst oder jene einer hoffnungslos verliebten „A.“ in gebrochenem Deutsch.
Eine stilistische Besonderheit sind Schlüsselsätze, die bedeutungsvoll wiederholt werden. Der Titel „Bin gesund und guter Dinge“ ist beispielsweise die sprachliche Verbindung zwischen dem traumatisierten Großvater, der diese Worte nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Brief verwendet, und Paul, der dasselbe antwortet, nach dem Tod der Eltern. Ebenfalls ein spannender Schlüsselsatz ist „Erstens ja und zweitens nein“, der sich auf den Vater von Paul bezieht und schließlich offenbart, dass dieser überhaupt nicht sein biologischer Vater ist.
Ein weiterer Roman von Philipp Traun, in dem wir noch mehr über Paul Lichtenperg erfahren, könnte durchaus spannend sein.

Monika Maria Slunsky
19. Dezember 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


 

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