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Peter Simon Altmann: Der Zurückgekehrte.

Roman.
Innsbruck: Edition Laurin 2012.
112 Seiten; gebunden; EUR 15,90.
ISBN 978-3-902866-03-5.

Leseprobe

Autor

Der Zurückgekehrte, nennt sich Peter Simon Altmanns kurzer Roman, in dessen Zentrum ein Protagonist steht, der ein Zurückgekehrter im gleich mehrfachen Sinn ist: Es handelt sich um einen mittelalten, als Übersetzer aus dem Japanischen tätigen Mann, der nach langjährigen Aufenthalten in Japan und Südkorea in seine Heimat Salzburg zurückgekehrt ist, von wo aus er in meist tagebuchartiger, essayistischer Form von einem krisenhaften Gefühl der Entfremdung berichtet: „Mein Innen und das Außen entsprechen sich nicht mehr, scheinen losgelöst voneinander zu sein.“ Erstmals empfunden hat er dieses Gefühl in Kyoto, wo er in einer schwierigen Lebensphase unmittelbar nach der Scheidung von seiner Frau bei einem sonst Erholung und Alltagsflucht versprechenden Spaziergang durch die Natur erlebte, dass ihm die Bäume nur noch als leblose Hüllen erschienen:
Selbst als ich einen bestimmten Baum betrachtete, hatte ich das Gefühl, als falle ich in ein Loch, in einen Abgrund, in eine klaffende Leere. Ich konnte mich an nichts, an keinem Ast, an keinem Blatt festhalten und stürzte in ein tödliches Nichts hinein. Es war so, als hätte der Baum keine ‚innere Gestalt‘, keine ‚Substanz‘. [...] Die Natur schien mir in diesem Augenblick nicht wie sonst beredt, sondern seltsam abgestorben, und ich erlebte mich wie noch nie zuvor in meinem Leben als völlig isoliert, als abgetrennt von den Dingen für alle Zeit.“

Zurückgeholt wird mit dieser Textstelle auch ein etwa hundert Jahre älterer Zurückgekehrter, der Briefeschreiber in Hugo von Hofmannsthals Die Briefe des Zurückgekehrten (1907), auf den sich Altmann im Titel und im Motto explizit bezieht, und der – nach einer ähnlichen Rückkehr aus „den fernen guten Ländern“ nach Europa – ebenfalls klagt: „Oder auch ein paar Bäume, diese dürftigen, aber sorgfältig gepflegten paar Bäume [...]. Ich konnte sie ansehen und wußte, daß sie mich an Bäume erinnerten – keine Bäume waren –, und zugleich zitterte etwas durch mich hin, etwas, das mir die Brust entzwei teilte wie ein Hauch, ein so unbeschreibliches Anwehen des ewigen Nichts, des ewigen Nirgends, ein Atem nicht des Todes, sondern des Nicht-Lebens, unbeschreiblich.“

Wie schon Hofmannsthals Briefeschreiber sucht Altmanns Protagonist die Erklärung für sein Leiden in den Besonderheiten der europäischen Kultur, in der sich mit der Einführung der Zentralperspektive und der cartesischen Unterteilung in materielle und immaterielle Dinge seit der Renaissance eine strikte Trennung zwischen betrachtendem Subjekt und betrachtetem Objekt, zwischen Innen und Außen durchgesetzt habe. Zwar sei diese Spaltung, die Ausrichtung auf ein mit objektiven Kriterien beschreibbares Erkenntnisobjekt, Grundvoraussetzung für den seitdem erreichten wissenschaftlichen Fortschritt, jedoch – so vermutet Altmanns Protagonist – sei sein Leiden gleichsam der Preis für diese Entwicklung: Das Gefühl, nicht selbst Teil der Außenwelt, sondern wie durch eine Membran von ihr getrennt zu sein, der Eindruck, lediglich Beobachter, empfindungsloses Kameraauge einer automatisch funktionierenden, leblosen Welt zu sein, werde von dieser kulturellen Errungenschaft gewissermaßen begünstigt.

Doch wie zurückkehren in die Welt, wie sich wieder als Teil davon fühlen? In der Darstellung verschiedener Versuche, zu einer Besserung zu kommen, betreibt Altmann Kulturgeschichte, zeigt wie das Gefühl der Spaltung zu einer Brille, einem historischen a priori im Sinne Foucaults wird, das die verschiedenen Lebensbereiche des Protagonisten prägt. In seinen weitläufigen Spaziergängen durch Salzburg und Umgebung beobachtet und reflektiert er über die ihn umgebende Landschaft, kann das Gefühl, dass diese eigentlich leblos sei, dass er von ihr wie durch eine unsichtbare Hülle abgetrennt sei, jedoch nicht loswerden, kann trotz des intensiven Wunsches danach nicht über seine Beobachtungen staunen.

In seiner Beziehung – einer Fernbeziehung zu einer wesentlich jüngeren Koreanerin – erfährt er, dass er nur in der Berührung, in der körperlichen Vereinigung, für kurze Augenblicke ein Gefühl der Einheit, eine Aufhebung der „Schranke zwischen mir und der Welt“ erlebt. Bei den täglichen Gesprächen via Internet hingegen will er zwar nicht auf die Kamera, die das Bild seiner Geliebten zeigt, verzichten, erreicht durch diese jedoch keine Aufhebung der „schmerzhaften Distanz“, sondern nur ein ambivalentes Gefühl von Zuneigung und Abstoßung gleichzeitig. Im Beharren auf den Einsatz der Kamera erkennt er seine europäische Prägung, die Neigung, sich die Welt vorwiegend mittels der visuellen Wahrnehmung anzueignen, erfährt jedoch auch, dass seine Lust durch die Verwendung der Kamera an die Transformation des anderen in ein wahrnehmbares Objekt gebunden wird.

Schließlich betrifft das Gefühl der Spaltung auch seinen Beruf, in dem er als Übersetzer aus dem Japanischen stets mit dem „Anderen“, dem „Fremden“ konfrontiert und dazu herausgefordert ist, dieses in die eigene Sprache zu übertragen. Könnte nicht die Arbeit an der Sprache, eine Verwandlung des auch grammatikalisch von der Trennung in Subjekt und Objekt geprägten Deutschen durch ein in den Übersetzungen hindurchschimmerndes Japanisch zu einer Besserung des eigenen Zustandes führen? Auch hier lässt die Heilung auf sich warten. Jedoch bieten die intensiven Reflexionen von Altmanns Protagonist über die japanische Literatur und Kultur – etwa über den Schriftsteller Kunikida Doppo – eine äußerst erfrischende, neue Perspektive für die auch im europäischen Raum nicht gänzlichen neuen, etwa im Kontext der Phänomenologie – beispielsweise bei Bachelard, Merleau-Ponty oder Heidegger – behandelten Fragen nach den Wechselwirkungen zwischen Innenraum und Außenraum.

Und wer sich an Hofmannsthals Briefe des Zurückgekehrten erinnert, in dem die Entdeckung der Landschaftsbilder Vincent van Goghs schließlich zu einer „Neugeburt“ des Protagonisten führt, der ahnt vielleicht, welche äquivalente, der Beschäftigung mit dem asiatischen Raum entsprechende Form Peter Simon Altmann gefunden hat, um die Heilung seines Protagonisten darzustellen. Ein sehr feiner, kompakter und gleichzeitig komplexer Text, der zu vielem animiert – zur genauen, staunenden Naturbetrachtung, zu intensiven Spaziergängen, zur philosophischen Reflexion, zur Auseinandersetzung mit der asiatischen Kultur, ...

Gianna Zocco
20. Dezember 2012

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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