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Ernst A. Grandits (Hg.): 2112 - Die Welt in 100 Jahren.

Hildesheim, Zürich, New York: Olms 2012.
geb.; 302 S.; m. Abb.; Eur (A) 20,40.
ISBN 978-3-487-08519-7.

„Geradezu unheimlich paßgenau“ empfanden Kritiker den Beitrag von Robert Sloss im 1910 erschienenen Buch „Die Welt in 100 Jahren“, der 2010 wieder aufgelegt wurde. Jeder, so imaginierte Sloss, wird „sein eigenes Taschentelefon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist." In praktisch keiner Besprechung fehlt dieser Satz, er wurde als Präfiguration des iPhones oder der Informationsgesellschaft verstanden. Solche Vorwegnahmen sind in der Literatur freilich nicht außergewöhnlich, das Hörbuch etwa erfand Cyrano de Bergerac schon 1657 in seiner „Reise zum Mond“. Wer Robert Sloss war, verriet der Reprint nicht, und auch viele andere Beiträger sind völlig vergessen, zu den bekannteren zählen Eduard Bernstein, Wilhelm Kienzl, Alexander von Gleichen-Rußwurm, Cesare Lombroso, Hermann Bahr oder Max Burckhard.

Vorauszusehen aber war, dass das Unternehmen ein Nachfolgeprojekt finden würde. War es damals Arthur Brehmer, Redakteur des zeittypischen Familienblattes „Deutsche Illustrierte Zeitung“, das bis 1887 „Über Land und Meer“ hieß und vom Buntdruck Verlag herausgegeben wurde, ist es 100 Jahre später folgerichtig der Fernsehjournalist Ernst A. Grandits, der unter dem Titel „2112 - Die Welt in 100 Jahren“ für die Zeitgenossen ausgewiesene ExpertInnen zu allen möglichen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft um ihre Visionen befragte, etwa Adolf Holl für die Religion, Claus Leggewie für die Politik, Rainer Münz für die Bevölkerungsentwicklung, Stella Rollig für die Kunst, Franz M. Wuketits für die Medizin oder Markus Hengstschläger für die Genetik. Und Grandits hat aus dem Fehler seines Kollegen vor 100 Jahren gelernt und den Beiträgen Kurzinformationen der AutorInnen angehängt. So werden die LeserInnen 2112 zumindest ungefähr wissen, wer Denis Scheck war, der im Band eine etwas angestrengt witzige Eröffnungsrede bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2112 hält.

Weitreichende Visionen in die Zukunft sind eher die Ausnahme, selbst Peter Weibels Prophezeiung des Triumphs der Neuroplastizität und des Lichts als Medium der Datenübertragung scheint für 100 Jahre technologischer Entwicklung beinahe bescheiden. Einige Autoren versuchen sich in positiven Wunsch-Utopien für eine grüne (Heiner Monheim) und sozial gerechte (Harald Weltzer) Zukunft. Das Gros der Beiträge setzt bei der Kritik der Gegenwart an und warnt vor Langzeitfolgen vorhandener Fehlentwicklungen. SchriftstellerInnen haben es immer ein wenig leichter mit Zukunftsphantasien. Marlene Streeruwitz etwa kann ihren Beitrag über die Frau in 100 Jahren in ein langes Zitat aus ihrer gothic-SF-Novel „Norma Desmond“ aus dem Jahr 2002 einmünden lassen.

Der Band ist eine durchaus unterhaltsame Lektüre zum Start ins neue Jahr und er stimmt auch nachdenklich. Unmittelbar vor einer Katastrophe zu stehen, das hat das Projekt von 1910 gezeigt, kann für Zeitgenossen absolut unsichtbar bleiben. Während Literatur- und Kulturwissenschaften seit Jahrzehnten daran arbeiten, das Heraufdämmern des Ersten Weltkriegs rückwirkend in alle kulturellen Äußerungen der Zeit hineinzulesen, ist in den Zukunfts-Texten von 1910 nichts soweit entfernt wie ein Krieg, zumal in Europa, allenfalls scheint ein „Weltkrieg“ zwischen Nordamerika und China/Japan in ferner Zukunft möglich. Durch Hochrüstung mit den „Falltorpedos“ der Luftflotten und dem Vernichtungspotential des Radium führe sich der Krieg für alle Parteien ad absurdum, schrieb ein Regierungsrat Rudolf Martin. Nur Bertha von Suttner verwendete bereits damals das Bild vom „Druck auf den Knopf“, der die gesamten Erde vernichten kann, und sie entwickelte die Vision einer europäischen Einigung – als politisches, nicht als ökonomisches Projekt.

(red)
9. Jänner 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




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