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Natalie Eva Ofenböck, Nino Ernst Mandl, Schnitzlerband: Fräulein Gustl oder Ich muss auf die Uhr schau'n.

Schnitzlerband: Lukas Lauermann (Cello), Raphael Sas (Gitarre), Stefan Sterzinger (Akkordeon).
Ein (Hör-)Buch.
Klagenfurt: Edition Meerauge 2012.
I48 S., geb.; 1 CD; Euro 15,-.
ISBN 978-3-7084-0484-4.

Wie der Titel „Fräulein Gustl“ ankündigt, ist die Hör-Komposition von Natalie Eva Ofenböck, Nino Ernst Mandl und der Schnitzlerband eine schräge Montage aus den beiden klassischen Monolognovellen Arthur Schnitzlers. „Leutnant Gustl“ (1900) und „Fräulein Else“ (1924) erzählen die Geschichte einer entscheidenden Nacht im Leben eines bedrängten jungen Leutnants und einer in Schwierigkeiten geratenen jungen Frau; die beiden Texte stärker unter diesem Aspekt zu sehen als unter der erzähltechnischen Gemeinsamkeit des beide Male verwendeten inneren Monologs ist eine überzeugende Ausgangsidee.

„Beginn“ ist der erste der 17 Abschnitte (bzw. Tracks), der mit einem Stimmengewirr einsetzt, zusammengemixt aus dem Tennis-Opening von „Fräulein Else“ und der Garderoben-Szene nach dem Rencontre mit dem Bäckermeister aus „Leutnant Gustl“; die beiden Figurenstimmen schälen sich allmählich daraus hervor, allerdings falsch herum: Er liest Fräulein Else, sie Leutnant Gustl.

Jeder der Sätze oder Satzbausteine in „Fräulein Gustl“ ist Originalton Schnitzler. Nur durch die Verschneidung der beiden Herkunftskontexte werden die beiden Novellen mit Schwung zur Kollision gebracht, und das mit einem Gestus, der stimmlich gleichsam ständig auf der Bremse steht und mit bewusster Unterkühlung spielt. Nino Mandl, bekannt als „Nino aus Wien“ (genauer aus Hirschstetten), gleichsam eine urbane Antwort auf den „Anton aus Tirol“, der im Wiener Independent-Label Problembär Records bereits fünf CDs vorgelegt hat, und Natalie Ofenböck lesen einander Schnitzler-Sätze vor. Sie tun das ein wenig fadisiert, ohne besondere Beteiligung, die Melodieführung weist fast immer nach unten. Manchmal bleibt eine der Stimmen „hängen“ und gerät in die Schleife. Der Grundton ist nüchtern-gleichförmig und ungeschminkt, beinahe wie „abgeschminkt“; ganz selten kippen die Stimmen in eine angedeutete Emotionalisierung, öfter lesen sie wie bewusst gegen den Text, als verstünden sie ihn nicht oder wollten ihn nicht verstehen. Die Schnitzlerband hält sich zurück, verzichtet auf illustrative Untermalung, hat aber ihre eigenen Auftritte im Dazwischen und sorgt hin und wieder für akkustische Beschleunigung.

Vor allem aber lebt das Unternehmen von der klugen Montagetechnik. Nach Track 2 und 3, die den beiden Figuren als erste Auftrittsfläche längere Passagen gewähren, fängt die rasante Parallelisierung an, die sich oft über ganze Passagen zur Stichomythie steigert, also eine dialogische Wechselrede von Gustl- und Else-Sätzen, mit der die beiden Ausgangtexte neu konfiguriert werden. Denn die Schnittlinien sind thematische Bezüge, die sichtbar machen, wie sehr Ängste, Todes- wie erotische Fantasien, Kindheitserinnerungen oder Umweltbeobachtungen der beiden jungen Menschen einander ähnlich sind, ganz abgesehen von handlungspraktischen Parallelen wie Perspektivenlosigkeit, Langeweile, unerfüllte und unerfüllbare Wünsche, die aktuelle Bedrängnis oder auch das Einschlafen auf einer Bank im Freien. Auch die dramaturgisch-akustischen Höhepunkte sind klug gesetzt, etwa das Song-Duett „Papa und der Baron“ (Track 8) aus dem Brief von Elses Mutter, die Else dem erotischen Begehren des Baron Dorsday – der übrigens von Nino gesprochen wird – in die Arme treibt. Auch dass sie nach außen keinesfalls das Gesicht verlieren wollen, gilt für beide, und so singen sie auch das Lied „Das wichtigste ist kaltes Blut“ gemeinsam. Einen „Krieg“ (Track 14) hätte Gustl gerne noch erlebt, und Else will ihre Demütigung, sich vor Dorsday nackt zeigen zu müssen, um ihren Vater vor dem finanziellen Ruin zu retten, wenigstens zu einem großen Bühnenauftritt im Musikzimmer machen. Das „Ende“ (Track 17) ist freilich auch bei Else nicht so eindeutig der Tod, wie der Zusammenschnitt hier glauben macht. Dass die Dosis Veronal dafür kaum ausreicht, hat Schnitzler als Arzt wohl gewusst.

Bezaubernd ist auch die Ausgestaltung des Bändchens mit Illustrationen von Natalie Ofenböck. „Reichenau 13. – 17. Juli 1900“ steht am Endes des Stücks. Das war die Entstehungszeit der Novelle „Lieutenant Gustl“, den Abschluss der Arbeit notiert Schnitzler am 17. Juli 1900 in seinem Tagebuch mit dem Zusatz: „in der Empfindung, dass es ein Meisterwerk“. Für eingeweihte Leser, so könnte man vermuten, hat das Autorenduo damit eine „empfohlene Richtschnur“ für das Urteil über ihre Textassemblage hineingeschrieben. Ein gelungenes Geburtstagsgeschenk im Schnitzlerjahr 2012 ist „Fräulein Gustl“ in jedem Fall – was kann sich ein Autor zum 150. Geburtstag besseres wünschen, als diesen Beleg, wie aktuell und lebendig sein Werk für junge KünstlerInnen geblieben ist.

Evelyne Polt-Heinzl
9. Jänner 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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