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Josef Kleindienst: Freifahrt.

Erzählung.
Wien: Sonderzahl, 2013.
144 S., Hardcover, Eur 16,-.
ISBN: 978-3-85449-384-6.

Leseprobe

Autor

„Er hatte vier Löffel, sechs Messer und fünf Gabeln“, erklärt der Erzähler in Josef Kleindiensts Freifahrt trocken und umreißt mit diesem scheinbar belanglosen „Effekt des Realen“ die in jeder Hinsicht klein dimensionierte Existenz des Protagonisten. Erwin, so der altmodische Name des Antihelden, ist ein durchs Leben taumelnder tumber Jugendlicher, der arbeits- und ambitionslos in den Tag hinein lebt. In seiner bescheidenen Stadtwohnung läuft meistens der Fernseher und vermittelt ihm die Illusion, mit der Welt da draußen verbunden zu sein. Einmal wöchentlich fährt er aufs Land, um auf dem elterlichen Bauernhof, den seine Schwester Ingrid und ihr Mann bewirtschaften, zu Mittag zu essen. Die vor einigen Jahren verstorbene Mutter hat eine Lücke hinterlassen, welche die fürsorgliche Schwester und der Vater nun zu schließen suchen. Während sie Erwin bekocht, steckt er ihm ab und zu Geld zu. Für seinen Geburtstag hat sich der Vater diesmal allerdings etwas Besonderes einfallen lassen. Er schenkt seinem Sohn eine ÖSTERREICHcard, die den Inhaber berechtigt, auf dem Schienennetz der ÖBB ein Jahr lang unbeschränkt zu reisen.

Erwin weiß zunächst nicht, was er mit diesem seltsamen Geschenk anfangen soll. Eines Tages jedoch begibt er sich auf den Bahnhof und steigt in den erstbesten Zug ein. Dieser wagemutige Schritt bringt Schwung in Erwins verschlafenen Alltag, in dem ein Besuch im Stammcafé Tanja das Höchste an Abwechslung bietet. Die Weichen sind nun auf Abenteuer gestellt, gegen die der weltfremde junge Mann nicht gewappnet ist.
Als Erwin im nächsten Bahnhof umsteigt, landet er unversehens in Slowenien, wo sich die Pissoirs, wie er feststellt, „kaum von einem österreichischen“ unterscheiden. Von dieser erfolgreich bestandenen ‚Prüfung‘ beflügelt, tritt er wenig später die Fahrt nach Bad Gastein an, um seine Lieblingstante Gerda, die dort eine Kur absolviert, zu besuchen. Sein überraschendes Auftauchen im Kurhaus erfreut die ältere Dame, und Erwin kann dank der ÖSTERREICHcard einen weiteren Erfolg verbuchen.
Erwin, der wenig Erfahrung, aber viele Träume hat, reist mit seiner Bahnkarte kreuz und quer durch Österreich und macht dabei diverse Bekanntschaften, vor allem mit Frauen. Eines Tages lernt er die Polin Agnieszka kennen, in die er sich flugs verliebt. Als sie aussteigt, findet er im Abteil ein Kärtchen mit ihrer Adresse, was eine Reihe turbulenter Zwischenfälle nach sich zieht …

Kleindiensts stakkatoartige Erzählung, die sich als späte Nachfahrin des pikaresken Genres präsentiert, erzählt auf humorvolle und pointierte Weise die Geschichte des kleinwüchsigen Erwin, der weder durch Intelligenz noch durch Aussehen besticht. Früh gescheitert, fügt er sich fatalistisch in eine Chancenlosigkeit, die dennoch nie in Ausweglosigkeit umschlägt. Aufgrund seines unverdorbenen Charmes und seiner herzerfrischenden Unbedarftheit stolpert er von einem Ereignis ins nächste und gerät dabei mit dem schönen Geschlecht öfter, als ihm lieb ist, in Tuchfühlung.
Aus einem Stoff, der geradezu prädestiniert für eine Tragödie scheint, hat Kleindienst einen überaus kurzweiligen Text gewoben, der den Leser bis zum Schluss bei Laune hält. Denn was zwischen dem Ein-, Aus- und Umsteigen unterwegs passiert, beschränkt sich nicht auf die ermüdende Aneinanderreihung von belanglosen Beobachtungen, sondern gerät durch Erwins situationskomisches ‚Talent‘ zur kabarettreifen Show, die außer dem arglosen Protagonisten sämtliche Beteiligten zum Lachen animiert. Ja, das Glück ist möglich, selbst wenn der individuelle Horizont des ehemaligen Hilfsarbeiters Erwin nicht über den engen Rahmen seiner dörflichen Sozialisation hinausgeht. Und wenn er es am Ende um ein Haar verpasst, so bleiben ihm immer noch die Bahnkarte und all die anderen Frauen, die es letztlich gut mit ihm meinen.

Walter Wagner
21. Jänner 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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