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Marlis Lami: Queren.

Zum Schreiben in vielen Sprachen.
Gespräche.
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2012.
180 Seiten; gebunden; Euro 25,-.
ISBN: 978-3-99029-006-4.

Im Zusammenhang mit unserer Lektüre fremder Literaturen gehört es zum Selbstverständlichsten, dass wir Übersetzungen lesen, ohne uns dessen jeweils genauer und tiefer bewusst zu sein. Das gilt insbesondere in einer Region (wie Europa), in der Übersetzung unter der Hand als gemeinsame Sprache gehandelt wird.

Marlis Lami, selbst Übersetzerin und Autorin, hat in „Queren“ den Fokus auf das Übertragen von literarischen Texten gerichtet und eine Ausleuchtung dieses Feldes vorgenommen. Im Visier standen dabei nicht primär Fragestellungen des/der LesersIn, sondern Arbeitsweisen und Sichtweisen der übersetzenden Personen, deren Erfahrungen und Hintergründe. Dreizehn ausführliche Gespräche mit AutorInnen, LektorInnen, HerausgeberInnen, die allesamt auch als ÜbersetzerInnen tätig sind oder waren, umkreisen das Verhältnis von Übersetzen und Schreiben. „Welche Rolle spielt für Sie Übersetzen?“ „Kann Übersetzen und Schreiben vermittelt und gelehrt werden?“ „Wie beeinflussen sich Schreiben und Übersetzen gegenseitig?“

Der ursprüngliche Anlass für diese Interviews, die zwischen 2005 und 2006 geführt wurden, war ein Konzept für ein Übersetzer-Zentrum, das Lami im Auftrag des Collegium Polonicum der Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, erstellt hatte. In der Zusammenstellung der GesprächspartnerInnen zeigt sich eine Mehrheit zentral- und osteuropäischer ÜbersetzerInnen aus Polen, Tschechien, Ungarn, Ukraine und Russland (Katarzyna Leszczy?ska, El?bieta Kalinowska, Irena Grudzi?ska-Gross, Petr Borkovec, László Márton, Jurko Prochasko, Svetlana Boym), deren Biografien „die Jahre vor und nach der Wende von 1989 [spiegeln]“ (S. 9) und von denen einige ihr Land später verlassen haben. Die Herausgeberin Lami selbst stammt wie zwei ihrer GesprächspartnerInnen, Martin Pollack und Martina Lebbihiat-Müller vom Übersetzungskollektiv DAJA, aus Österreich. Ihnen stehen amerikanische bzw. franko-amerikanische ÜbersetzerInnen/AutorInnen (Michael Kandel, Jonathan Aaron, Rosanna Warren, Isabelle de Courtivron) gegenüber, die zum einen in ihrer Arbeit starke osteuropäische Bezugsfelder aufweisen, zum anderen jedoch auch dem/der LeserIn die Möglichkeit des Vergleichs und der Gegenüberstellung bieten.

Die Gespräche erinnern an Werkstatt-Gespräche, die sich sehr genau für Herangehensweisen und Methoden, Beweggründe und Zielsetzungen interessieren, ganz konkret auch für Übersetzungsprobleme, doch ebenso für Strategien der Vernetzung oder der Auftragsbeschaffung. Indem Lami einen Grundstock an Fragen in allen Interviews verwendet, regt sie den Austausch und Vergleich unterschiedlicher Zugänge, Erfahrungen und Auffassungen bei den LeserInnen an. Als Beispiel lässt sich die Frage nach dem Selbstbild der ÜbersetzerInnen anführen: Ist der/die ÜbersetzerIn nun VermittlerIn, AgentIn, BotschafterIn oder selbst SchriftstellerIn; ist Übersetzen ein Studium, Arbeit, „ein Mittel zur Bereicherung der eigenen Sprache“ (Prochasko, S. 35), eine „Hommage“ an den Autor (Borkovec, S. 88); die Übersetzung der Transfer eines Originaltextes, etwas völlig anderes als das Original, oder schlicht „ein Angebot“ („nabídka“) (Borkovec, S. 94) an die LeserInnen? Der/Die LeserIn erhält tatsächlich nicht eine, sondern dreizehn Antworten, die jeweils aus einem ganz konkreten kulturellen, sprachlichen und biografischen Kontext heraus gegeben werden.

Scheinbar gegensätzliche Erfahrungen und komplementäre Feststellungen setzen sich zu einem vielschichtigen Bild zusammen: Sei die Rede von der „Schwerarbeit“ (Kalinowska, S. 215) des Übersetzens angesichts von Texten wie Elfriede Jelineks „Lust“, oder von der Schwierigkeit, einfache Texte zu übersetzen (Kandel, S. 198). Seien es Bemerkungen wie die Überzeugung Mártons: „[K]eine Fremdsprache“ – „kein guter Dichter“ (S. 109) oder der Befund Kandels, dass wirklich nur ein guter Schriftsteller auch ein (guter) Übersetzer sein kann (S. 189).

Desgleichen ergeben die Namen der übersetzten AutorInnen ein Kaleidoskop literarischer Landschaften, von antiken AutorInnen über Martin Luther, Martin Heidegger, Robert Musil, Joseph Roth, Ingeborg Bachmann, Ingo Schulze, Herta Müller oder Stanis?aw Lem, Ryszard Kapu?ci?ski, Adam Zagajewski, Oksana Sabuschko, um nur wenige zu nennen. Oder Joseph Brodsky, dessen „Watermark“ als Übersetzung vom Englischen ins Englische betrachtet werden könnte. Jonathan Aaron, der daran beteiligt war, beschreibt beispielsweise, wie er zuerst versucht habe, „to turn his English into my English“, um darin einen großen Fehler zu erkennen und schließlich „let his English be his English as much as possible“ (S. 159). Überraschen dürfte allerdings, wie nahezu einhellig die Befragten eine ausführliche persönliche Beschäftigung mit Übersetzungstheorie verneinen.

In der Einbettung der übersetzungsspezifischen Fragen in eine Reihe weiterer nicht selten biografisch gefärbter Fragestellungen, die Kultur(en) und Sprache(n), die individuelle Aneignung einer Sprache (oder Kultur) wie die besondere Neigung zu einer Sprache, das Leben in und mit solchen Sprachverhältnissen mit berücksichtigen, steckt schließlich ein wesentliches Anliegen der Autorin. Auch durch die Publikationsform (einige der Gespräche haben auf Deutsch stattgefunden, die polnisch geführten Gespräche wurden von Lami ins Deutsche übersetzt, die englischen im Original belassen) ist es der Herausgeberin gelungen, einen „Hauch dieser flirrenden Atmosphäre von Sprachenvielfalt zu vermitteln“ (S. 10), die ihre Gespräche bestimmen.

Hybride sprachliche und kulturelle biografische Voraussetzungen spielen als Auslöser für die Übersetzertätigkeit, so stellt sich heraus, gleichermaßen eine Rolle wie Emigrationserfahrungen oder zufälliges In-Berührung-Kommen mit einer fremden Sprache. Später aber erweist sich das Verhältnis zu (einer) fremden Sprache(n) auch als Grund für Veränderungen eigener Denkweisen und sogar eigener Identitäten. Das Übersetzen bietet hier die Möglichkeit, andere Rollen auszuprobieren, wie das Márton formuliert, oder an die eigenen Grenzen zu gehen und diese zu überschreiten, wie es bei Warren lautet.

Dem in den meisten Gesprächen in vielerlei Hinsicht bedeutsamen Begriff „Grenze“ (zwischen Sprachen wie Ländern, zwischen Zeiten wie Kulturen, zwischen Denk- wie Ausdruckswelten) hat Markus Wörgötter eine hübsche Visualisierung verpasst: So ist jedem Gespräch eine Grafik vorangestellt, die Silhouette eines Landes, das sich aus Regionen und/oder Ländern zusammensetzt, die (oder deren Sprachen) für die jeweilige Person eine besondere Rolle spielen. Die imaginären Landschaften deuten als zeichnerische Abbreviationen die Verschiebung, Dehnung, Erweiterung von Grenzen bzw. deren Ineinsfall an, das Beschreiten eines neuen Territoriums als Sinnbild von transnationalen und multiplen Identitäten. Ein schönes sprachliches Pendent, das die Spannungsmomente des Begriffs hervorhebt, hat Lami mit dem Titel „Queren“ selbst gefunden.

Es ist spannend zuzusehen, wie sich Lami mit einer sanften Hartnäckigkeit ihren GesprächspartnerInnen annähert und ihnen nach und nach Äußerungen, Beobachtungen, Einsichten und bisweilen kleine Zugeständnisse entlockt, die – wie die Autorin zu Recht meint – einer „gewissen literarischen Qualität“ (S. 245) nicht entbehren. Wenngleich einige Kürzungen den Gesprächen zuzumuten gewesen wären, am Ende sind es Geschichten, mitunter anekdotisch, kleine Ereignisse, die der/die LeserIn in Händen hält.

Zu den eindrucksvollen Geschichten gehört beispielsweise jene des Übersetzers und Autors Jurko Prochaskos, dessen ukrainische Großeltern aufgrund ihrer Beziehungen zur Monarchie die deutschsprachige Kultur intensiv gepflegt hatten. Die Bibliothek, die sie zurückließen, war für den Enkel später, als diese familiäre Beziehung zur deutschen Sprache angesichts der geschichtlichen Veränderungen bereits in Brüche gegangen war, wie „ein Fenster in eine imaginierte Welt“ (S. 27). Er sei, so Prochasko, Germanist und Übersetzer geworden in dem Bewusstsein, das Land dieser Sprache vielleicht niemals zu betreten. „Es war vollkommen idealistisch, im ursprünglichsten Sinne des Wortes, fast schon ein Idealismus nach Plato: Germanist zu sein und Ideen anzuschauen, ohne jemals in die Körperwelt zu gehen.“ (S. 37)

Obgleich eine (auf den ersten Blick) derart einzigartige Beziehung zu einer anderen Kultur zweifellos die besondere Situation osteuropäischer Länder vor dem Mauerfall widerspiegelt, so scheint sie dennoch auch etwas Allgemeines über die Bedingung des Übersetzens auszusagen. So wie die intimen Anrufungen Mártons nur eine besondere, wenngleich besonders pointierte Form des „Dialogs“ zwischen Übersetzer und Autor darstellen: „[Ich] wusste, dass ich, solange ich an der Übersetzung arbeite, Johann Wolfgang von Goethe jeden Abend anrufen kann.“ Und diese „Telefonate“, so Márton, „haben mir tatsächlich weitergeholfen.“ (S. 108)

Der Dialog kommt dem/der LeserIn zugute, obgleich nicht uneingeschränkt: „Der Übersetzer hilft, einer fremden Welt näherzukommen, und doch bleibt der Leser immer durch den feinen Vorhang, den der Übersetzer angefertigt hat, von ihr getrennt.“ (S. 130) Diese Ambivalenz, wie sie hier von Katarzyna Leszczy?ska, der Übersetzerin von Herta Müller, in ein hübsches Bild gefasst wird, scheint erträglich, bedenkt man die Alternativen: „Ohne diesen Kontakt zwischen Sprachen und Kulturen könnten wir nicht funktionieren oder wir wären sehr arm.“ (S. 130)

Martin Reiterer
12. Februar 2013


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