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Alfred Kolleritsch: Es gibt den ungeheuren Anderen

Gedichte
Mit einer Einleitung von Peter Handke

Graz, Wien: Droschl, 2013.
77 S., geb., Euro 18 (A).
ISBN: 978-3-85420-837-2.

Leseprobe
Autor

Die Gedichte des neuen Kolleritsch-Bands sind erwartet einfach, aber auch scharf und unversöhnlich. Die Stimme, die uns aus ihnen entgegenklingt, ist frisch, fast wie vor vierzig Jahren, als sein erster Lyrikband erschien. Der Band erinnert am stärksten an die „Einübung in das Vermeidbare“ aus dem Jahr 1978, eines seiner besten Bücher, über das Peter Handke gemeint hat, es seien „mit Feuerzungen redende Liebesgedichte“ in einer sich „dringend“ ergebenden philosophischen Sprache.
Das neue Werk ist mit einer freundschaftlichen Einleitung Peter Handkes versehen, aus der hervorgeht, dass heute auch bleibende Bücher schnell produziert werden. Handke hat seine kleine Vorbemerkung am 22. Dezember 2012 geschrieben, keinen Monat später habe ich das fertige Buch in Händen gehalten.
Im „Englischen Gruß“, wie Handke seine Zeilen nennt, verrät er dem lesenden Publikum, dass Alfred Kolleritsch „nach schwerer Krankheit und monatelangem Koma neu zum Leben erwacht“ ist. „Und so kam es auch mir vor,“ schreibt Handke, „die neuen Gedichte Alfreds redeten ‚englisch’, … das Englisch … eines Engels, … des Engels der Auferstehung“, ist doch der „Englische Gruß“ keiner in dieser Sprache, sondern jener eines Engels, der Maria verkündet, sie sei „gebenedeit unter den Frauen“.
Es klingt dunkel oder sogar ungeheuer, wenn von schwerer Krankheit die Rede ist, doch sind Gedichte an sich, auch die düstersten, nichts anderes als Zeugnisse der Liebe zu den Dingen. Die Verse verwandeln Bewunderung und Zuneigung, Angst und Neugier, die ganze Energie, mit der wir uns Tag für Tag der Welt nähern, ins Wort. Und das Schönste an der Welt? (Auch Handke fragt eigentlich danach.) Das Schönste ist, dass es da den Anderen, die Andere gibt… Was sich keineswegs von selbst versteht, im Gegenteil, dieser Andere ist eine nie nachlassende Herausforderung, eine Zumutung, ein Wunder, ein Schock und mehr. Und dieser Schock bebt in den neuen Kolleritsch-Gedichten vernehmbar nach.

Es sind, prüft man das schmale Werkverzeichnis, die ersten Gedichte nach einer mehrjährigen Pause – und nach einer Erkrankung. Es ist ein lyrischer Neuanfang, meist knapp, immer reduziert und manchmal beinahe fragmentarisch. Ein Gedicht trägt überhaupt den Titel „Fragment“. (S. 29.) Die Spannung zwischen Denken und Empfinden ist so drängend wie je. Kolleritsch schafft eine Kongruenz, die nur in der Poesie möglich sein kann: „Worte gehen an den Gedanken vorbei,/ sie wollen fort / zu den Gedichten.“ (S. 47.) Oder: Sie wollen Gedicht werden. Dicht werden. Werden.
Die Sprache des begabten Grazer Literaturpolitikers Alfred Kolleritsch steht für den Skeptizismus gegenüber überlieferten Denk-, Gesellschafts- und Verständigungsformen. Sein philosophischer Antitraditionalismus, für den er als Prosaschriftsteller schon bald gelobt wurde, man denke an den „Pfirsichtöter“ oder „Die grüne Seite“, feiert hier seine lyrische Renaissance, mag es auch in aphoristischer Verbalisierung sein.
Kolleritsch kann ebenso martialisch klingen, wenn er verkündet: „WARTEN, DEM ZORN DER ZEIT/ mit Gegenzorn begegnen“ (S. 15), und man kauft es ihm nicht ab, weil dieses Buch trotz „aufgebissene[r] Lippen“ (S. 15) Liebesgedichte mit Distanz anklingen lässt, sagt er doch: „ES SIND EINIGE DA/ die geliebt werden“ (S. 18). Und sehr kurz, aber prägnant: „ERNEUT DIE ÜBERFLUTUNG:/ das Licht zuerst,/ dann die Nacht,/ die Liebe immer,/ immer der Verlust/ ……“. (S. 62.)
Programmatisch hingegen klingt, wenn er mit Dezidiertheit feststellt: „DIE SPRACHE SO ZU WAGEN,/ dass sie sich im Gedicht verkriecht,/ bringt ein Stück Welt zurück,/ erhält das Schweigen, ehe die Rede scheitert.“ (S. 32.) Alfred Kolleritsch schafft mit seinem eindeutigen Bekenntnis ein Stück Welt, mag es vielleicht an gewissen Stellen elegisch-ironisch anmuten, seine (Grund-)Themen, das Leben und die Liebe, sind dennoch zutiefst lyrisch.
Die erfreulichste Tatsache ist, dass Alfred Kolleritsch, der nach wie vor „manuskripte“-Chef ist, nicht nur Literatur der „Anderen“ herausgibt, sondern unentwegt und unverzagt eigene schreibt.

Janko Ferk
13. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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