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Drothea Zeemann: Jungfrau und Reptil.

Leben zwischen 1955 und 1966.
Aachen: Rimbaud Verlagsgesellschaft, 2013.
104 S., brosch., Euro 20,-.
ISBN 978-3-89086-449-5.

Leseprobe

Der vorliegende Band ist Teil einer die Jahre 1945 bis 1972 umfassenden Autobiografie, die zum ersten Mal 1982 im Suhrkamp Verlag erschien. Die nun bei Rimbaud verlegte Auswahl von Zeemanns Erinnerungen beschränkt sich auf die mehr als eine Dekade währende Beziehung zwischen der Autorin und Heimito von Doderer.
Die beiden lernen einander am 20. Juni 1955 während einer Lesung in Wien kennen; er ist neunundfünfzig, sie dreizehn Jahre jünger. Ihre „Knie sind weich“, als der große Romancier, zu dem sie sich unwiderstehlich hingezogen fühlt, einige Tage später anruft. Obwohl Doderer verheiratet und Zeemann liiert ist, stürzen sie sich Hals über Kopf in ein Verhältnis, bei dem der Ältere den Ton angeben wird.
Zeemann bewundert ihren Liebhaber, den Faschisten und Antisemiten, der erst 1951 mit der Strudlhofstiege den Durchbruch schaffte und sich im Glanz seines späten Erfolgs sonnt. Fasziniert von der sinnlich-animalischen Aura des ehemaligen Offiziers, dessen sportlicher Körper sich auch noch mit sechzig sehen lassen kann, unterwirft sich Zeemann seinen penibel orchestrierten Sexspielen. Forschend betrachtet sie „den bösen Drachen“ Doderer, den die Jungfrau Zeemann erlösen soll. Rasch durchschaut sie seine Egomanie, die keinen Widerspruch duldet. Wenn den gestrengen Herrn, den „alten Satyr, der eine samtene Peitsche schwingt“, die Lust übermannt, dann muss sich seine Dienerin willfährig zeigen, was durchaus komische Effekt hervorruft: „Ich beobachte. Ich kann nicht mittun.“

Generös lädt Doderer die Frau zu einer Reise nach Italien ein, die als „Kunstreise, Hochzeitsreise“ dem Paar die Gelegenheit gibt, im Leben Versäumtes nachzuholen. Doderers Gattin hütet einstweilen das Heim in Bayern, und Zeemanns Lebensgefährte muss sich ebenfalls mit der Situation abfinden. „Meine Maßstäbe sind Freude und Skrupellosigkeit“, schreibt die Autobiografin, die weiß, dass sie Doderer niemals für sich allein haben wird, selbstkritisch. Sie nimmt und gibt, kostet aus, was der Selbstdarsteller Doderer, der nicht immer über guten Geschmack verfügt, aber allemal Stil besitzt, zu bieten hat.
Florenz, Neapel, Sizilien und Mailand sind Stationen dieser nachsommerlichen Reise in den herbstlichen Glanz Italiens, wo sie im äußersten Süden wie einst Goethe dem Elend begegnen. Doderer wirft Banknoten aus dem fahrenden Taxi und delektiert sich am entwürdigenden Schauspiel der Straßenkinder, die sich um die verstreuten Almosen raufen. Abgehoben und distanziert betrachtet er das Geschehen um sich herum. Dass zur gleichen Zeit – wir befinden ums im November 1956 – die Russen den Ungarnaufstand mit Panzern niederwalzen, hält Doderer im Gegensatz zu seiner entrüsteten Begleiterin für ein historisches Geplänkel, das ihn nicht tangiert. Zeeman „gefällt wenig, von dem, was Doderer schreibt“, und noch weniger billigt sie seine gesellschaftlichen Theorien und die krankhafte Verstiegenheit seines Egos, in dem letztlich nur die Literatur Platz hat.
Eines Tages entdeckt Doderer eine Geschwulst im Rachen, die sich als bösartig herausstellt. Zeemann protokolliert den langsamen Verfall des Schriftstellers, an dessen Krankenbett allein seine Gattin geduldet ist. Das Krebsgeschwür verwandelt Doderer in einen alten Mann, der sich, längst dem Tod geweiht, als Spießbürger erweist, während seine Gespielin ätzend notiert: „Doderers Hinterteil ist wie das eines alten Gauls. Er ist nicht mehr elastisch.“

Jungfrau und Reptil ist ein schrecklich geistreicher Bericht über Glanz und Elend des literarischen Großmeisters Doderer, mit dem die Verfasserin sowohl sich selbst als auch ihn radikal entblößt. Pointiert bis zur Geschmacklosigkeit zeichnet Zeemann, die ihr eigenes literarisches Talent viel zu gering einschätzt, das erotische Psychogramm zweier Menschen, die an das Wort glauben. Doderer geht nach seinem Tod in das Pantheon der österreichischen Literatur ein, und Zeemann zeigt sich mit diesem grandiosen Text seiner würdig.

Walter Wagner
13. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

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