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Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes.

Frankfurt / M.: S. Fischer , 2012.
456 S.; geb.; OU; EUR 24.90.
ISBN: 978-3-10-062951-7.

Leseprobe

Autor

Christoph Ransmayrs neues Buch ist kein poetisches Prosawerk wie der berühmte Fliegende Berg. Es ist auch keine unbehagliche Vorahnung des Strahlenden Untergangs, der uns bevorsteht. Nein, der Atlas einen ängstlichen Mannes ist das schriftliche Denkmal, das ein Reisender in siebzig Episoden den Orten, an denen er gelebt oder die er durchwanderthat, setzt. Und den Menschen, denen er dabei begegnet ist: Menschen, schreibt der Autor auf der Kollmannsberg Alm im Frühjahr 2012, "die mir geholfen, die mich behütet, bedroht, gerettet oder geliebt haben". Nur eine der Episoden sei nicht seine eigene Geschichte, sondern die seiner Frau. Er verrät uns nicht, welche, weil, wie er schreibt, "(fast) jede Episode dieses Buches auch von einem anderen Menschen, der sich ins Freie, in die Weite oder auch nur in die engste Nachbarschaft und dort in die Nähe des Fremden gewagt hat, erzählt worden sein könnte".

Ein schöner, bescheidener Gedanke, der die Rezensentin lächeln lässt, wenn Ransmayr jede einzelne seiner Geschichte mit den Worten "Ich sah ..." beginnt. Selbst hat sie manche Reiseanekdote mit diesen Worten für geduldige Zuhörer ins eigene Wohnzimmer geholt. Und so begleitet sie auch den Autor an siebzig Abenden vor dem Einschlafen, wofür Ransmayrs siebzig Episoden genau die richtige Länge besitzen, nach Chile und China, nach Brasilien und die USA, nach Marokko, Spanien, Island und Griechenland. Auch nach Österreich, um sich dann wieder in Neuseeland und Nepal, Indien, Bolivien, Irland und Mexiko zu finden.
Der Reisende ist ein Zuhörer, ein Beobachter mehr als ein Akteur seiner Erlebnisse. Stunde um Stunde wandert er etwa im Schnee über Wanli Chang Cheng, die "zehntausendmal unvorstellbar lange" Chinesische Mauer, ohne einem Menschen zu begegnen, bis er vor sich eine zweite einsame Gestalt auftauchen sieht: Mr. Fox, stellt dieser sich vor, Ornithologe, und berichtet von seiner Mission: Er wolle ein Album aufnehmen, das alle Singvogelstimmen im Schatten der Mauer enthalte. Doch bei all diesem Schnee - Schnee im Oktober! - sei ihm nichts begegnet außer Calandrella cheleensis, eine Rotkehldrossel und ein Paradiesfliegenschnäpper ... Der Erzähler hört zu, und dann zieht er weiter seine Fußstapfenspur durch den Schnee auf der Mauer, einsam, beobachtend ...

Er lässt die Rezensentin mit ihm auf die Stimme der Rotkehldrossel lauschen. Dann wieder erweckt er den Eindruck der Authentizität durch geschichtliche Fakten, geschickt mit der Erzählung verwoben: über die Meuterer des bewaffneten Dreimasters Bounty etwa, von denen die 48 heutigen Bewohner der kuriosen Südseeinsel Pitcairn abstammen.Details erwecken einen Eindruck von Unmittelbarkeit: Details, die wir vergessen, liegt ein Erlebnis schon einige Jahre zurück, oder die unwillkürlich die Phantasie auffüllen: Wie der Stoffbeutel aussah, den das Mädchen in Kathmandu, das mit einer Angel im Fluss stand, um die Schultern trug. Die Rezensentin will glauben, dass all das genau so gewesen sei, wie Ransmayer erzählt. Sagte nicht schon Samuel Johnson, dass die Wahrheit sich in ein Gewand aus Fiktion kleiden müsse, um die Welt für sich zu gewinnen? Wenn wir Geschichten hören, Geschichten lesen, dann ist es wichtiger, die Geschichte zu glauben, als die Authentizität der Details zu hinterfragen, und ein guter Erzähler macht uns das leicht.An anderen Stellen entsteht der Eindruck der Authentizität mit der gegenteiligen Strategie: "Ich habe vergessen, auf welche Weise der Chauffeur des Busses das Signal zur Weiterfahrt gab, ...", gesteht der Erzähler in "Unter Verdacht", der Erinnerung an eine südafrikanische Busfahrt.

Eine Frage jedoch bleibt: Der rätselhafte Titel des Buches - warum ist der Mann, dessen Atlas wir lesen, ein ängstlicher? Der Mann, der ganz alleine durch nächtliche Straßen geht, in Bolivien von einem Flugzeug aus unter Beschuss gerät, Begräbnissen Fremder in Brasilien beiwohnt und doch ... immer wieder loszieht? Die Antwort muss wohl jede/r LeserIn für sich selbst in den siebzig Episoden suchen; vielleicht, ohne sie finden zu können. Für die Rezensentin jedenfalls ist sie klar 'wie das Spiegelbild eines Gletschers auf dem lichtgrünen Wasser des tibetischen Bergsees', das Ransmayr beschreibt. Reisende sind zugleich die mutigsten und die ängstlichsten Menschen, gleich, ob sie gerade reisen oder erzählen. Ein Reisender braucht Mut für das Unbekannte. Zugleich ist er ein Getriebener. Jemand, dem das Unbekannte manchmal weniger unheimlich ist als der Alltag, der sich im Unbekannten leichter zu Hause fühlt als vor dem eigenen Kamin. Aber das ist eine andere Geschichte, und vielleicht mehr die der Rezensentin als die Christoph Ransmayrs. Das Buch, denkt sie abschließend, ist jedenfalls ein schönes. Weil es in fremde Welten entführt. Und Lust auf mehr macht. Auf mehr Ramsmayr. Auf mehr Ferne. Und darauf, zu träumen.

Christine Schranz
14. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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