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Melica Beslija: Sarajevo in der Geliebten.

Roman.
Wien: Edition Atelier, 2012.
240 S.; Hardcover; Euro 19,95.
ISBN 978-3-902498-59-5.

Leseprobe

Autorin

Seit alters her sind Frauen- und Städtebilder eng miteinander verbunden. Nicht nur die Hure Babylon und das Himmlische Jerusalem sind bekannte Topoi, sondern auch die verhängnisvollen Rolle Helenas beim Kampf um Troja. Einem in der Regel männlichen Subjekt erscheint die Stadt wahlweise als zu erobernde Jungfrau, verführerische Geliebte oder schützende Mutter.

Ob die 1973 in Sarajevo geborene Melica Beslija an solche Überblendungen dachte, als sie ihren Erstlingsroman „Sarajevo in der Geliebten“ verfasste? Ihr Buch stellt schon durch seine Grundkonstellation eine Abweichung vom klassischen, männlich geprägten Subjekt-Objekt-Schema dar, weil es sich hier um eine lesbische Liebesbeziehung handelt, die für die weibliche Ich-Erzählerin unmittelbar mit der Stadt Sarajevo verknüpft ist. „Es war eine Art Verbindung, die nur mittels dieser Symbiose am Leben erhalten werden konnte: Mir wurde klar, dass ich mehr als meine Geliebte ihr verbrachtes Leben in Sarajevo liebte, genauso wie ich mich jedes Mal mehr als auf Sarajevo auf die Begegnung mit ihr in Sarajevo freute.“

Wie kommt das? Die Ich-Erzählerin ist infolge des Bosnienkriegs aus Sarajevo nach Wien geflüchtet und hält sich dort am Anfang mit einfachen Jobs über Wasser. Bei einem Besuch in der Heimatstadt trifft sie wie ein Coup de Foudre der Anblick einer Bekannten im Lokal – und da es dieser anderen Frau wohl genauso geht, landen die beiden schnell im Bett. Ausreichend Stoff für die Schürzung des tragischen Knotens ist von Anfang an vorhanden. Die „Geliebte“, wie sie nur genannt wird, ist verheiratet, hat ein Kind und würde sich niemals von ihrem Mann trennen. Auch deshalb, weil in Sarajevo das Bekenntnis zur Homosexualität einem gesellschaftlichen Todesurteil gleichkäme.

Nach und nach enthüllt Melica Beslija die Geschichte und die Geschichten, die hinter der Liaison stehen. Über den kleinen biographischen Skizzen der Protagonisten und ihrer Herkunftsfamilien ist die Historie der Stadt Sarajevo abgelagert, welche die Lebensläufe ihrer Bewohner wie ein eigenes Subjekt zu prägen scheint. Der Mann der Geliebten ist der Sohn von nach Sarajevo zugezogenen Dörflern. Sein trunksüchtiger Vater schlug die Mutter, erwartete von ihr, die die Familie letztlich unterhielt, vollkommene Unterwerfung. Aus dem akademischen Milieu, aber ebenso zerrüttet ist auch die Herkunftsfamilie der Geliebten. Der alkoholkranke Vater hatte nur geheiratet, weil Heirat eben eine gesellschaftliche Pflicht war.

Man erfährt eine Menge über Sarajevo in diesem Buch – über eine großartige Hamburger-Küche, die den appetitanregenden Spitznamen „Trovac“ („Vergifter“) trägt, das vor dem Krieg für diskrete Seitensprünge frequentierte Motel „Osmice“ außerhalb der Stadt und den örtlichen Selbstmörderfelsen namens Jekovac. Aber auch über die Lebensbedingungen der bosnischen Flüchtlinge in österreichischen Übergangslagern – die jede Privatsphäre unmöglich machten – und die trostlosen Arbeitsbedingungen im Wiener ex-jugoslawischen Milieu, wo der Nationalismus umso höher kochte, je ferner die betreffenden Personen im Krieg der Heimat waren.

Die Ich-Erzählerin leidet immer mehr unter der weiter bestehenden Ehe der Geliebten. Die Geliebte dagegen plagt sich weniger mit Skrupeln: Gemeinsam mit der empfindlich gekränkten Erzählerin kauft sie in Wien seelenruhig eine Hose für den Ehemann. Als dieser den beiden Frauen auf die Spur kommt, findet er die lesbische Beziehung abgrundtief lächerlich und hat wohl auch deshalb nichts weiter dagegen. Später will er die andere Frau sogar kennenlernen. Am Schluss – man ahnt es – zerbricht die Beziehung der Frauen, weil die Geliebte auf gar keinen Fall auf den gesellschaftlichen Status verzichten will.

„Sarajevo in der Geliebten“ ist ein kraftvolles Debüt. Die Liebe zwischen den Frauen erscheint seltsamerweise als Leerstelle im Text. Einmal stellt die Geliebte richtig fest, dass die Sprache sie eher voneinander trennt als miteinander verbindet. Die Geliebte ist wie die Stadt Sarajevo, von der die Ich-Erzählerin nicht loskommt. Und letztendlich ist Sarajevo auch in ihr, der Ausgewanderten, die sich vom traditionellen Rollenbild noch nicht vollends emanzipiert hat. Der Roman, in dem die Erzählerin viel über den Begriff der „Geliebten“ reflektiert, hat auch eine philosophische Note. Letztlich ist es nämlich nur eine Frage der Perspektive, wer in dieser Liebesbeziehung „die Geliebte“ ist.

Judith Leister
18. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 



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