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Manfred Wieninger: 223 oder Das Faustpfand.

Ein Kriminalfall.
St. Pölten - Wien: Residenz Verlag 2012.
250 Seiten; gebunden; Euro 21.90.
ISBN: 9783701715800.

Leseprobe

Autor

Mit dem Tagebuch eines ungarischen Jungen setzt der Text ein, werden in knappen, unkommentierten Abschnitten verschiedene Personen eingeführt und die Opferperspektiven vorgestellt. Die Beklemmung und Bedrohung ist von Anfang an gegeben, spürt man doch, dass dieser Text auf eine Katastrophe zusteuert. Aus Wien und von Strasshof, einem Auffanglager an den Verschubgeleisen in die Vernichtungsstätten des Ostens, werden ungarische Juden Richtung Mauthausen getrieben – 15.000 Juden, die Himmler zur Erpressung der Alliierten noch am Leben lässt (darum der Untertitel des Romans „das Faustpfand“). 223 davon gelangen in ein Auffanglager in Persenbeug, wo sie in einer nächtlichen Aktion von der abziehenden SS in den Gräben des nahegelegenen Hofamts Priel erschossen, mit Benzin übergossen und angezündet werden; neun Personen entgehen dem Inferno zufällig, flüchten, überleben, können Zeugnis geben.

Wieninger, geschulter Historiker und Schriftsteller, ist auf diesen Mordfall im Zusammenhang mit seinen Studien und Recherchen zur Regionalgeschichte gestoßen, hat ihm bereits mehrere Artikel und ein Kapitel in seinem Buch „Das Dunkle und das Kalte. Reportagen aus den Tiefen Niederösterreichs“ gewidmet, daraus ist nun dieser dokumentarische Roman entstanden, der keine der noch auffindbaren, minutiös recherchierten Quellen, bis hin zu Gesprächen vor Ort und Suchanzeigen in Lokalblättern, ungenützt lässt. Die verschiedenen Erzählstränge bündeln sich zu einer Geschichte, deren zentrale Achse sich aus der Untersuchung des Vize-Postenkommandanten der Gendarmarie in Persenbeug ergibt. Dieser Franz Winkler, ursprünglich nicht ortsansässig, riskiert, das Massaker unter Verweigerung politischer Submissivität von Anfang an als Mordfall zu behandeln. Er tut dies in einer Mischung aus Wut und Entsetzen, aber auch aus Berechnung und schlichtem Kalkül, denn dass der Ort ein Problem hat, wenn die Russen bei ihrem Einmarsch glosende Leichenberge vorfänden, das leuchtet selbst seinen Vorgesetzten, den kollaborierenden Behörden und dem Nazi-Bürgermeister ein.

Auch beginnen sich die Einheimischen zu fürchten vor den möglichen Aussagen der Zwangsarbeiter, die hierher verschleppt worden sind. Was diese der russischen Besatzung berichten, wird entscheidend sein für das eigene Überleben. Historisch wie formal gibt es hier Parallelen zu Hans Leberts Roman „Die Wolfshaut“: eine Mordtat wird zum bedrohlichen Zentrum, dort die Erschießung von sechs verschleppten Fremdarbeitern. In beiden Texten sind es von außen Kommende, nicht Einheimische, die auf die Spuren der Vorgänge stoßen, die Dorfbevölkerung zeigt sich feindselig bis höhnisch oder verschreckt und wenig kooperativ. In beiden Romanen ist die Figur eines Fotografen wesentlich an der Dokumentation und Aufdeckung beteiligt. Bei Wieninger heißt dieser Klemens Markus, er ist vor den Bombardements aus Wien geflüchtet, hält sich zufällig im Dorf auf, er wird die Tatorte am nächsten Tag ablichten und dokumentieren, um die Fotografien nach Kriegsende als Beweismittel einer Anzeige beizufügen, die nie weiter verfolgt wurde.

Alle Figuren bei Wieninger sind namentlich verbürgt, hinzuerfunden ist die Innenperspektive, sind die Empfindungs- und Gedankenmomente, die ein sonst stummer Erzähler in die Köpfe seiner Figuren imaginiert. Darin liegt ein gewisses Grundproblem dieses Erzählverfahrens, das in der Nachempfindung die Figuren verlebendigt und mittels emotionaler Vermutungen in eine Realität zurückzuholen sucht. Generell ist es die Stärke des Textes, dass er die Mordsucht nicht kommentiert, nur zwei, drei Mal entschlüpft dem auktorialen Erzähler ein Adjektiv, eine qualifizierende Bemerkung: Aus welcher Willkür etwa verschont ein SS-Angerhöriger zwei alte kranke Menschen und schießt drei Löcher in die Decke der Baracke, um so den anderen akustisch die Tötung vorzutäuschen, während er die gesunden hinschlachtet? Den Fallen einer Psychologisierung entgeht der Text, indem er sich so nüchtern als möglich an die Fakten hält, die rekonstruierbar sind, und so eine Wirkung erreicht, die durch das Grauen der Ereignisse hindurch das Geschehen in die Wirklichkeit zurückholt.

Wieninger interessieren nicht die Täter, es geht ihm um die Opferstimmen: diesen Sprache und damit Wirklichkeit und Identität zurückzugeben, ist die eigentliche Leistung dieser Erzählung. Spannend sind aber auch jene changierenden Figuren, die dazwischen stehen, wie jener Gendarm Franz Winkler und sein anfangs zögerlicher, gespaltener Trupp von Hilfsgendarmen, der die Rückkehr der SS fürchtet. Beeindruckend sind jene wenigen, aber doch existenten Einheimischen, die zu Hilfe bereit sind und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen: ein Baue da, der den sich der Einberufung entziehenden Sohn des Hofnachbarn verbirgt, dazu auch noch einen fast verhungerten geflüchteten Judenjungen aufnimmt, oder ein Einheimischer dort, der mit einer Andeutung einen versteckten Hinweis gibt; langsam dröselt sich der Verlauf der Heimtücke zusammen, wird entlang der Sachverhalte und Recherchen dem Revierinspektor Winkler das Gefüge der Abläufe rekonstruierbar.

In sich hat es noch einmal der Nachspann: Er zeigt die Niederschlagung, Zerstreuung, den Verlust von Unterlagen, Beweismitteln, das Verschwinden und die Vernichtung von Akten im österreichischen Justizsystem der Nachkriegszeit. In St. Pölten, wo der Autor lebt, gibt es im verwachsenen jüdischen Teil des städtischen Friedhofs ein Massengrab mit einem weißen Stein; niemand habe ihm Auskunft geben können, bis sich herausstellte, dies wären die hierher verlegten Toten des Massakers vom Hofamt Priel. Zumindest einigen von ihnen gibt das Buch jetzt ihren Namen zurück, Nachkommen haben sich gemeldet, ein Akt der Auslöschung wurde so bedingt aufgehoben und geklärt. Nichts weniger leistet dieser dokumentarische Roman Wieningers, der sich damit vergleichbaren Arbeiten von Ludwig Laher, Erich Hackl, Silke Hassler / Peter Turrini („Wiener Blut“) und Gerhard Roth (in seinen Essays) an die Seite stellen lässt.

 


Martin Kubaczek
26. Februar 2013

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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