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Peter Landerl: Die eine Art zu sein.

Roman.
Innsbruck: Edition Laurin, 2012.
351 Seiten, gebunden, Euro 19,90.
ISBN 978-3-902866-04-2.

Leseprobe

Autor

Versuch über die Landidylle

Es gibt in der österreichischen Gegenwartsliteratur eine Renaissance des Heimatromans, also von Literatur, die auf dem Land stattfindet und vom einfachen Leben mit und in der Natur handelt. Aber anders als in früheren Zeiten, als der Heimatroman einen sozialpolitischen, leicht utopischen Charakter hatte, man denke etwa an die Alpensaga oder die Bücher von Franz Innerhofer (besonders Schöne Tage), geht es in der heutigen Literatur beschaulich zu. Natürlich gibt es zwischenmenschliche Abgründe, die sich bei den Landbewohnern auftun, wie etwa in Reinhard Kaiser-Mühleckers Debütroman Der lange Gang über die Stationen, es überwiegt aber die Sehnsucht nach der heilen Welt, der unberührten Natur, der Stille. Besonders wenn der Protagonist eines Buches – wie in Peter Landerls neuem Roman Die eine Art zu sein – eigentlich ein Stadtmensch ist, den die Wechselfälle des Lebens mehr oder weniger zufällig aufs Land verschlagen haben, der also seine Sozialromantik aus der Stadt mitnimmt und dann – endlich am Land, endlich daheim! – zum genauen Beobachter des Dorfkosmos wird. Eine intellektuell unterfütterte Soziologie inklusive, denn der gebildete Städter trifft immerhin auf das einfache Volk.

Landerl extemporiert seinen Versuch über die ländliche Idylle in Tagebuchform, der Erzähler beschreibt minutiös sein Ankommen, seine Befindlichkeit, seine Beobachtungen, er schreibt aber auch über die Gründe, die ihn dorthin gebracht haben, wo er jetzt ist. In einem geerbten Haus am Land, einem Bauernhof, den er aber nicht bewirtschaftet, die Felder verpachtet er. Von diesem Zins und vom Verkauf der Anteile seiner ehemaligen Firma (IT-Branche) kann er sparsam, aber sorgenfrei in den Tag hineinleben. Der Erzähler flüchtet auch vor einer persönlichen Krise, denn seine ehemalige Lebensgefährtin Astrid ist gestorben, das Land wird also auch zu einem Fluchtpunkt für ihn, zur Möglichkeit, seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Die Freunde aus der Stadt können nicht verstehen, warum der Erzähler aufs Land zieht, was ihn dort so fasziniert, denn am Ende verwandelt er sich und wird, nicht zuletzt durch seine neue Umgebung, die Natur, ein anderer.  „Was kann ich über den Wald sagen?“, heißt es an einer Stelle. „Nicht stumm ist er, er hört den Leuten zu, er vergisst ihre Geschichten nicht. Er ist stolz auf sein Gedächtnis. Er hat tausend Augen. Der Sommer geht über ihn wie er über mich geht. Der Regen ist ihm Freund.“ (S. 310)

Peter Landerls Aufzeichnungen sind ein präzises Gedankenprotokoll, er erzählt zurückgenommen und behutsam, streut historische Geschichten aus der Gegend ein (der Roman spielt bei Steyr in Oberösterreich), flicht tagesaktuelle Politik ein (die Handlung erstreckt sich über drei Jahre von 2000 bis 2003) und ist vor allem auch ein Wahrnehmungsversuch, eine Schule des Beobachtens. Die eine Art zu sein ist der ernsthafte Versuch, die Landheimat als Ort festzustellen, an dem man, wenn nicht glücklich, so doch mit sich im Reinen leben kann, im Einklang mit sich – wenngleich die Gott-Natur-Vergleiche am Ende des Buches vielleicht ein wenig übers Ziel hinausschießen: „Dann ging ich vors Haus und schaute in den Sternenhimmel, der maßlos war, schaute in den strahlenden Sternenhimmel und begriff, dass Gott sich im Sternenhimmel zeigte.“ (S. 346)

Landerls Roman ist dennoch eine angenehme Lektüre zum besseren Verständnis, ein Gegen-Anti-Heimat-Roman, der sich eben nicht damit begnügt, das Landleben und seine Bewohner lächerlich zu machen. Denn genau das, die Satire über das Landleben, zumindest die Betonung der komischen Seiten, hat im Heimatroman ebenfalls Konjunktur, von Vea Kaisers Blasmusik-Pop über Markus Köhles Dorfdefektemutanten bis zu Bad Fucking von Kurt Palm, um nur einige Titel der letzten Jahre zu nennen. Peter Landerl nimmt in Die eine Art zu sein dem Thema sowohl den Kitsch als auch den Drang zur Pointe, das ist irgendwie beruhigend, und – sofern man die unvoreingenommene Geduld aufbringt – sehr lesenswert.

Bernd Schuchter
27. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

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