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Peter Truschner: Das fünfunddreißigste Jahr.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2013.
240 Seiten; gebunden; Euro 19,50  (A).
ISBN 978-3-552-05481-3.

Leseprobe

Autor

Die Ursache bin ich selbst

Titeln literarischer Werke sollte man ebenso wenig trauen wie Gattungsbezeichnungen. Gut, vielleicht ist „Das fünfundreißigste Jahr“ wie angegeben ein Roman, aber nicht nur vielleicht, sondern sicher sogar, ist das unwichtig. Lohnend aber erscheint es, den Titel selbst einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Und es stellt sich heraus, dass er das ist, was viele gute Titel sind: Treffend genauso wie nichttreffend, erläuternd genauso wie verdeckend, verdeutlichend genauso wie öffnend. Natürlich liegt zu allererst die Referenz auf Ingeborg Bachmanns Erzählung „Das dreißigste Jahr“ nahe. Und tatsächlich gibt es zahlreiche Parallelen: So bleibt Truschners Protagonist wie jener Bachmanns namenlos, wenn auch die Erzählperspektive verschoben ist: Aus einer alternierenden Er-/Ich-Perspektive wird bei Truschner ein reiner Ich-Erzähler, wobei dieser sehr wohl aus unterschiedlicher Distanz berichtet, zwischen scheinbar unmittelbarer, emotionaler Beschreibung seines Inneren und einer oftmals distanzierten, sehr reflektierten Selbstanalyse wechselt. Wie bei Bachmann steht auch Truschners Hauptfigur am Ende seiner Jugend oder glaubt das zumindest (Ich werde langsam ein alter Sack, und jeder kann es sehen. Ich würde mir die Haare raufen, wenn ich nicht befürchten müsste, dass die Strähnen, die ich mir dabei ausreiße, nicht mehr nachwachsen). In beiden Fällen ist ein Unfall zentral, wenn auch in unterschiedlicher Form, für Bachmanns Helden als Wiederbeginn des Lebens nach dem Alter, bei Truschner dagegen ist das Alter der Unfall (Dumm nur, dass sich dieses Ende nicht ankündigt, sodass man sich bei allem Abschiedsschmerz langsam daran gewöhnen kann, alt zu werden. Es kommt vielmehr wie ein schwerer Unfall […]). Vielleicht sind es tatsächlich die fünf Jahre, die den Unterschied ausmachen. Beide Helden fühlen sich in ihren Leben gefangen, sie sind enttäuscht, erwarten nichts mehr, nichts von der Liebe, nichts von Freundschaften, nichts von ihrem Beruf. Wie Bachmanns Protagonist sich aus Gleichgültigkeit, Erschöpfung und weil er nichts besseres weiß um eine Arbeit bemüht, reflektiert auch Truschners Ich-Erzähler, dass man nur mehr leidenschaftslos in Bewerbungsgespräche geht.

Dabei hat er alle Möglichkeiten, verfügt über eine gute Bildung, wenn auch eine geisteswissenschaftliche, was ihm, neben nur mäßig guten Arbeitschancen, den Nimbus des Arroganten einbringt. Er hat offensichtlich keine Probleme Frauen kennen zu lernen, wenn auch Probleme sich an eine zu binden, er hat eine Arbeit, die ihm ausreichend Geld einbringt, wenn sie ihn auch nicht glücklich macht, er hat die eine oder andere ganz gute Freundschaft und eine zwar nicht friktionsfreie, aber ebenso ganz gute Beziehung zu seiner Mutter. Die Ursache für seine Probleme – das zeitweise Alkoholproblem, das Auseinanderbrechen seiner Beziehung zu Sonja, seine Antriebslosigkeit, die es ihm unmöglich macht aus der Selbstbezogenheit des einigermaßen abgesicherten Mittelstandes auszubrechen – liegt in ihm selbst, wer immer dieses „Selbst“ auch ist. Denn es ist – eine weitere Parallele zu Bachmann – die Frage nach der eigenen Identität, die dem Mittdreißiger zu schaffen macht, die Frage nach seiner Position im Leben. Diese Identitätslosigkeit wird auch im Treffen mit seiner Halbschwester in Berlin manifest und doch: Es ist nicht dieser Akt der „Familienzusammenführung“, mit dem sich der Erzähler seiner selbst zu versichern versucht, vielmehr ist es der Akt des Erzählens selbst. Ich erschreibe mir mein Leben, sagte Paul Nizon einst, ich erschreibe es mir von Buch zu Buch und der Ich-Erzähler Truschners versucht eben dies, er erschreibt sich sein Leben von Erzählung zu Erzählung, über Gegenwart und Vergangenheit, Trinkgelage, Beziehungsversuche, FreundInnen etc., auch durch das Erzählen von seiner Mutter, dieser schönen, unabhängigen, starken und zugleich so verbitterten Frau, die sich vom schlagenden und trinkenden Vater weg zu einem schlagenden und trinkenden Mann flüchtete, und ihren Halbgeschwistern.

Die Erzählstränge werden dabei immer wieder miteinander verwoben, Ereignisse der Gegenwart lösen Erinnerungen aus, die, obwohl in der Vergangenheit liegend, ebenso gegenwärtig erscheinen, die im selben Wechsel von emotionaler Nähe und intellektueller Distanz beschrieben werden, sodass man leicht den Überblick verliert, in welcher Zeit, an welchem Ort man sich befindet, aber das ist egal, ebenso wie es egal ist, ob dieses Buch ein Roman oder eine Sammlung von Erzählungen oder vielleicht eine gänzlich andere Prosa ist, weil jede Episode für sich alleine stehen könnte. Und dieses Verschwimmen der Zeitebenen erinnert ebenfalls an die Folie Bachmanns und gleichzeitig widerspricht es dem Titel. Denn das Buch ist nicht nur die Erzählung des „fünfunddreißigsten Jahres“ (das Alter des Helden wird im Übrigen nie genau genannt), es ist auch die Erzählung seiner 20er-Jahre oder des siebzehnten Jahres der Mutter, als sie, in einem der stärksten Momente ihres Lebens und gleichzeitig einem der stärksten des Buches, ihre Brüste den geifernden Männern des Ortes mit den Worten Das ist das, worauf ihr alle scharf seid, und was ihr doch nie bekommen werdet, ihr geilen Böcke! präsentiert. Und es sind auch Erzählungen über Sabine und Alex, Steffen und Carsten, Toni und Isa.

All diese Erzählungen ergeben ein großes Ganzes, das keinen Anspruch erhebt „groß“ oder „ganz“ zu sein. Vielmehr ist es fragmentiert wie das Sein des Protagonisten, nimmt der Ich-Erzähler das Erzählte stets vorsichtig wieder zurück, relativiert es, bleibt ironisch auf Abstand von seinem eigenen Pathos – ohne den Ernst der Lage zu verleugnen. Im Grunde geht es um nichts, nicht ums Überleben oder die Tragödie der Liebe, und doch oder gerade deshalb geht es um alles, geht es um das eigene Sein. Denn im Gegensatz zu früher (Wenn ich unterwegs war, suchte ich meine Umgebung immer nach spiegelnden Oberflächen ab, um mich meiner Identität zu vergewissern.) nutzt selbst der Blick in den Spiegel nichts mehr. Das vorsichtig positive Ende der Bachmann weicht hier der totalen Offenheit. Denn manchmal kann man Buchtiteln doch wieder trauen, sind Titel wie Inhalt erläuternd genauso wie verdeckend, verdeutlichend genauso wie öffnend. Und so weiß man, wie es mit den Figuren dieses Romans weitergehen wird, weil es im Grunde nur eine Möglichkeit gibt. Dass diese Möglichkeit aber immer nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten ist, macht den Reiz dieses Buches aus.

Peter Clar
27. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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