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Leseprobe: Peter Truschner - Das fünfunddreißigste Jahr.

 

Sabine blickte zu Boden und sah nicht einmal hoch, als ich näher kam. Sie hatte mich angerufen und gebeten, sie abzuholen und ja schnell zu machen, da ihr der Arsch abfror. Sie bemühte sich hörbar um Haltung und Beiläufigkeit, dennoch war mir sofort klar, dass etwas nicht stimmte, als sie mir sagte, wohin ich kommen sollte. Obwohl sie wusste, dass sie sich auf mich verlassen konnte, hörte sie sich ein wenig so an wie jemand, der es gewohnt war zu warten, und der sich insgeheim mit der Möglichkeit abgefunden hatte, dass man auf ihn vergaß.
Sie stand am Rand jenes Bereichs, der vom Neonlicht der Tankstelle erfasst wurde, gut sichtbar für jeden, der an eine der Zapfsäulen fuhr. Aber anders als alles Glas, Kunststoff und Metall der Tankstelle, das in kaltem Glanz erstrahlte, hing alles an ihr herab – die Schultern, das Haar, die Tasche in ihrer Hand –, als würde sie vom Licht zu Boden gedrückt. Gleichzeitig war sie ein regloser Teil der beiläufigen Alltagsverrichtungen, die zu einer Tankstelle gehörten: Tanken; Schrubben der Windschutzscheiben; Saugen des Autoinneren; Abspritzen hartnäckigen Schmutzes, bevor der Wagen in die Waschanlage gefahren wird; der Besuch des Bistros, das übergangslos in den Kassenraum der Tankstelle mündete und in dem ein Plakat »2 Bockwürste mit Semmel für nur 2 Euro« versprach und dazu »Guten Appetit!« wünschte.
Ein Stück von Sabine entfernt standen zwei Altglascontainer. Das Licht machte vor ihnen halt, sie gehörten zur hereinbrechenden Dunkelheit wie die beiden Telefonsäulen, die so nahe an der Bundesstraße aufgestellt worden waren, dass bei normalen Verkehrsaufkommen ein Gespräch wohl unmöglich war. Über Sabines Kopf wehte stramm eine weiße Fahne, die in blauen Lettern »Hier gibt’s Payback-Punkte!« versprach.
Ich hatte ein ungutes Gefühl, obwohl ich nicht einmal wusste, ob es einen Grund dafür gab. Vielleicht war Sabines Wagen einfach nur liegengeblieben und sie hatte sowohl Bargeld als auch Kreditkarten zuhause vergessen. Da ich jedoch um ihre Gründlichkeit in solchen Dingen wusste (im Gegensatz zu dem Chaos, das sie sonst anziehen oder aber auch verbreiten konnte), war ich mir der relativen Unwahrscheinlichkeit dieser Möglichkeit bewusst.
Der Abendwind kroch mir unter die Kleidung, sodass ich eine Gänsehaut bekam und die Härchen sich an meinen Armen aufrichteten. Die vorbeifahrenden Autos waren kleine, akustische Nadelstiche. Als ich nur noch ein paar Meter von ihr entfernt war, hob sie plötzlich den Kopf und blickte mich an. Ich erschrak ein wenig und hoffte, dass sie es nicht bemerkte. Was immer ich auch erwartet hatte – einen kurzen, heftigen Ausbruch der Freude oder des Schmerzes –, es fand nicht statt. Da ich glaubte, dass größtmögliche Gelassenheit in diesem Fall das Beste war, hob ich lässig die Hand und lächelte, als handelte es sich um eine normale Verabredung. »Hallo.« Sabine erwiderte meinen Gruß nicht, lächelte auch nicht, und ich bemerkte, dass sie mich gar nicht richtig anschaute. Vielmehr prallte ihr Blick an der Oberfläche meines Gesichts zurück, wandte sich gegen sie selbst, kerbte sich in ihre Stirn und ließ ihre vollen Lippen zu einem Strich verkümmern.
So stand sie vor mir: nicht anders als ein Laternenpfahl oder eine Zapfsäule. Ich überlegte gerade, was ich tun konnte, um sie aus ihrer Lethargie zu reißen, als sie sich mir zuwandte, mich umarmte und meine Wangen mit den Lippen berührte.

© 2013 Zsolnay Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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