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Kirstin Breitenfellner: Die Überwindung des Möglichen.

Roman.
Berlin: Edition Voss im Horlemann Verlag, 2012.
248 Seiten; geb.; Euro 20,40.
ISBN 978-3-89502-336-1.

Leseprobe

Autorin

Allein schon der Titel gibt zu denken, wirkt seine Aussage doch paradox. In dem als Motto den Roman einleitenden Zitat von Alain Badiou finden sich die Begriffe der Überwindung und des Möglichen um ein Drittes, die Liebe, ergänzt und dadurch in eine konkretere Beziehung gesetzt – womit das Generalthema des Buches angedeutet und sein philosophischer Grundton angeschlagen ist. „L’éloge de l’amour“ nannte Badiou die Druckversion eines Gesprächs, das er 2008 im Rahmen des Theaterfestivals von Avignon mit einem Journalisten geführt hat und das, in Frankreich zumal, zum Bestseller avancierte. Anders als Niklas Luhmann oder Eva Illouz, die sich in umfassenden Studien dem universellen Thema Liebe aus einer distanziert kulturwissenschaftlichen Perspektive widmeten, tritt Badiou als Apologetiker dieses in unserer (nach)modernen Welt bedrohten Seins-Zustandes auf. Eine Liebe ohne Risiko gibt es für ihn nicht; nur über das Zulassen des Unberechenbaren erlangt seine Liebe auf der „Bühne der Zwei“ ihre Intensität. Weniger Eifersucht als vielmehr Egoismus sei der Feind der Liebe, ebenso die Suche nach dem idealen Wesen – wie Kontaktbörsen im Internet sie über den Abgleich von Profilen motivieren. Davon abgesehen, dass die darüber gebotene potenzielle Optimierung des Ersehnten bei manchen die Partnerwahl respektive die Bereitschaft sich zu binden erst recht erschwert, scheint es Badiou produktiver, von Unterschieden auszugehen anstatt vom Identischen. Sich zu verlieben heiße schließlich immer, unsicheres Terrain zu betreten, sich zu täuschen, Enttäuschung zu erfahren, Leid womöglich auch – aber gerade das erst verleihe dem Leben Intensität.

Diese Liebesreflexionen schwingen in Kirstin Breitenfellners Geschichte subtil mit, die uns wechselweise Einblick bietet in das Leben zweier Frauen „mittleren Alters, nicht mehr jugendlich, aber noch nicht in den mittleren Jahren“: Bald folgen wir Tinka, der Mitarbeiterin in einem Antiquitätenladen, auf ihren Streifzügen durch Wien, die Digitalkamera immer im Visier; bald teilen wir die Alltage der jungen Mutter Paula, die fast vollends von der Sorge um ihren kleinen Sohn Kolo ausgefüllt sind. Beide beschleicht dabei das Gefühl, sich in einem Vakuum zu befinden, während lediglich die anderen ein „echtes Leben“ haben. Bewusst wird ihnen das besonders beim Anhören der aufregenden Geschichten, die Olga zum Besten gibt, eine ukrainische Freundin, die sie beide teilen – offenbar ohne voneinander zu wissen. Während sich für diese in einem totalitären Regime Fragen nach der idealen Lebensform schlicht nicht stellten und das Kinderkriegen nicht selten im Teenageralter mangels Kontrazeptiva einfach geschah, sucht Paula ihren Kleinen mit viel Empathie in seinem Werden zu begleiten, und sinniert Tinka über Schönes und Hässliches im Allgemeinen und über ihr Bildermachen im Speziellen. Zu letzterem hatte sie nämlich spätestens seit der Lektüre von Susan Sontags „On Photography“ eine Art Hassliebe entwickelt. Ähnlich ambivalent gestalten sich ihre Gefühle gegenüber Konstantin und Kai, mit denen sie mehr oder weniger unverbindliche Beziehungen eingegangen ist. Auch wenn sie sich eingesteht, wie absurd es ist, beider Eigenheiten gegeneinander abzuwägen und ihre Charaktere auf Stimmigkeiten zu sondieren, ertappt sie sich dennoch bei derartigen Gedanken. Nachdem das Verhältnis zum charmanten, aber ziemlich selbstbezogenen Komponisten Konstantin irgendwie am Versanden ist, wird Tinka gewahr, dass es vielleicht doch eines festeren Entschlusses bedarf, soll ihr zwar geordnetes, aber doch vages Dasein klarere Kontur bekommen. Diesen Schritt wagt sie im Zuge einer Reise in den Vietnam mit dem vergleichsweise rationalen und kühlen Kai, zu der sie sich spontan entschließt. Ob die Tatsache, dass sie von Kai schwanger wird, Auslöser oder Folge dieses bewussten Neubeginns ist, bleibt – wie einiges andere – aparterweise ungesagt.

Erzähltechnisch raffiniert ist auch die Pointe, die diese selbstbestimmte Wende markiert: Im vorletzten Kapitel erst wird klar, dass Tinka die gleiche Person ist wie Paula, wenn auch nicht dieselbe wie zuvor. Ihr zweiter Vorname soll als nunmehr eigentlicher über dieser neuen Lebensperiode stehen, die mit einem gewissen Mut und Willen einander näher kennen zu lernen begann, mit dem existenziellen Ereignis der Geburt ihres ersten Kindes und der Einzigartigkeit der damit verbundenen Empfindungen. Eine eingeschlagene Bahn freilich auch, die kein Zurück erlaubt, zumindest kein leichtfertiges. Ihre Entscheidung jedoch lässt Tinka als Paula pragmatischer werden, „erdet“ sie gewissermaßen erst.

All dies ist von Kirstin Breitenfellner delikat ins Werk gesetzt: Sprachlich wohlsortiert, ohne gesucht zu sein, zeichnet sie klarsichtig und scharfsinnig Bilder einer heutigen Generation überlegt handelnder Frauen und deren Konzeptionen von Leben. Stets nachfragend und damit mehr Anstöße zum Denken als Antworten bietend, ist das Buch auch bei mehrmaliger Lektüre jeweils aufs Neue ein Gewinn, da es sich keineswegs in der Auflösung seiner narrativen Konstruktion erschöpft. Der exemplarische Schnitt durch ein gebildetes, urbanes Milieu in Verbindung mit Blicken in andere Länder, gesellschaftliche Kontexte und politische Systeme erlaubt es der Autorin zudem, zahlreiche Exkurse und Mikronarrationen einzuspielen. Wodurch die Versuche zu verstehen und zu ergründen mit bisweilen prall sinnlichen Bildern, mit Farben, Geschmäckern, mit Gerüchen angereichert sind. Reflexionen über den Wert und Sinn von Fotografien, über echte und falsche, alte und neuere kunstgewerbliche Objekte, über Flohmarkt-Tinnef und Trouvaillen regen an, etwas genauer zu besehen, unvoreingenommen, aus verschiedenen Perspektiven. Und laden dazu ein, die zahlreichen Querbezüge innerhalb dieses intelligent geknüpften erzählerischen Gewebes aufzuspüren (etwa die Namenswechsel Ho Chi Minhs), in diesem „Lob der Liebe“, das dieser Roman nicht zuletzt ist.

Ulrike Matzer
27. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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