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Leseprobe: René Freund - Liebe unter Fischen.

4. Juli

Liebe Susanne,
gestern habe ich Jodeln gelernt. Was heißt gelernt: Ich habe angefangen, es zu lernen zu beginnen. Jodeln ist glaube ich das Schönste auf der Welt. Sex muss schon sehr gut sein, um mit Jodeln einigermaßen mithalten zu können. Verzeihen Sie bitte.
Wie konnte das nur passieren, werden Sie sich möglicherweise fragen. Ich werde es Ihnen erzählen: gestern, als ich mich auf dem Weg in den Ort befand, kam mir August entgegen, in einem kleinen Geländewagen, für den Hindernisse im herkömmlichen Sinn nicht existieren. Wir konnten damit bis zur Hütte fahren, wobei „fahren“ ganz sicher kein geeigneter Begriff ist. Der brave Haflinger (so heißt dieses Gefährt) schnaubte und kletterte und überwand Hänge in einer derartigen Schräglage, als würden die Gesetze der Schwerkraft für ihn nicht gelten. Normalerweise hätte ich bei so einem Husarenritt panische Angst gehabt. August lenkte locker mit einer Hand. Die andere brauchte er zum Rauchen. Aber August ist einer jener Menschen, in deren Nähe man sich sicher fühlt. Kennen Sie das, dieses Gewissheit: Nichts kann passieren! Zum letzten Mal hatte ich dieses Gefühl als kleiner Junge, als mein Papa noch zu Hause war.
Zur Hütte mussten wir deshalb fahren, weil der gute August mir Lebensmittel für etwa eine Woche gekauft hat, die zu Fuß zur Hütte zu schleppen ziemlich beschwerlich gewesen wäre. August hat übrigens den ersten Brief aufgegeben und wird den nächsten aufgeben und wohl auch diesen hier, denn er hat versprochen, wiederzukommen. Sie können mir also jederzeit zurückschreiben, wenn Sie wollen. Und wenn es überhaupt eine Adresse gibt. „Kleine Hütte am Kleinen Elbsee, vorletzter Weg links, Gemeinde Grünbach“ Sie werden ja selbst am besten wissen, wie es geht. Falls Sie mir wirklich schreiben, dann wohl an die Gams. Poste restante. Sind das nicht herrliche Wörter: Poste restante. Wörter aus einer anderen Zeit. Hierher, nach Grünbach, passen sie.
Als wir gelandet waren, trugen wir die Vorräte zur Hütte. In jeder Nische, hinter jeder Klappe des Fahrzeugs hatte August irgendetwas verstaut, ein Päckchen Reis, ein Kilo Mehl, einen Bund Karotten. Der Salat hat ein wenig unter Schmieröl gelitten. Meine Hauptnahrungsmittel sind ein zwei Kilogramm schwerer Laib Brot, ein ganzer Laib Käse und eine gewaltige Seite Speck aus Augusts Manufaktur. Das Fleisch, hat mir August erklärt, liege zwei Wochen in Salz und Kräutern, danach wird es bei niedriger Temperatur weitere zwei Wochen lang geräuchert. Das, liebe Susanne, nenne ich Alchemie, und solcherart kommt das Schwein zum zweiten Mal in den Himmel.
Nachdem wir uns ein wenig gestärkt hatten, sagte August: „Komm Dichter, ich zeig dir was.“ August sagt neuerdings immer „Dichter“ zu mir. Solange er nicht „Poet“ sagt, soll es mir recht sein.
Wir liefen den Berg hinter der Hütte hinauf. Das scheint Augusts normale Fortbewegungsart im Gebirge zu sein. Je steiler der Berg, desto schneller rennt er. Ich hatte große Mühe, ihm zu folgen, an den Wasserfällen vorbei, durch den Fichtenwald wild bergauf. Im Windschatten seiner Energie surfte ich mit, immer höher hinauf. Die Bäume werden immer kleiner, je höher man steigt, knorrig und verwittert trotzen sie den Winden, die Lärchen und Zirben. In ihren Ästen hängen grünlich-weiße Flechten, die aussehen wie die Barthaare eines Bergriesen, der sie vielleicht, durch die Wälder streifend, hier verloren hat. Die Bäume wichen allmählich den Latschen, die Latschen den Moosen, die Moose den Felsen. Durch einen Hang voll Geröll bahnten wir uns einen Weg bis zum Gipfel, den sie sich freilich ohne Gipfelkreuz vorstellen müssen, denn jeder Gipfel reiht sich hier an Gipfel, und würde man jeden einzelnen mit einem Kreuz versehen, sähe es aus wie auf einem Friedhof.

(S. 69-71)

© 2013 Deuticke Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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