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Angelika Rainer: Odradek.

Mit Zeichnungen von Ernst Trawöger.
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2012.
80 Seiten; gebunden; Euro 16,90.
ISBN: 978-3-85218-736-5.

Leseprobe

Autorin

In „Die Sorge des Hausvaters“ habe Kafka mit seiner Figur des Odradek „die Idee eines ontologisch unklassifizierbaren Gegenstandes“ vorweggenommen, merkte Günther Anders einmal an: Einerseits eine Art Zwirnspule, dann wieder knabenhaft entzieht sich Odradek allen Seinskategorien, changiert zwischen Wesen und Ding. Rätselhaft, mal verschwunden, dann wieder anwesend, reibt er sich nicht für einen bestimmten Zweck im Dasein auf, scheint „durch und durch Holz“. Zwischen allen Kategorien schwebt auch der Text von Angelika Rainer. „Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen“, stellt sie mit Kafka die Figur des Odradek als Motto vor den ersten Teil des schmalen Buches, deklariert ihn so unter dem Titel „Unterredung“ aus der Perspektive des Hausvaters gedacht; der umfassende zweite Teil, eine Sammlung von Prosaskizzen und Miniaturen unter dem Titel „Nachtstücke“, sieht sich aus der Perspektive Odradeks gesprochen; der dritte Teil „Von der Seele“ ist in lyrischer Form als Poem gestaltet; und mit einer kurzen Coda, einem Gegenstück zum programmatischen Credo des Beginns, schließt dieser eigentümlich faszinierende auratische Text.

„Ein Mann aus Holz bin ich“, greift die Erzählerstimme die Unbestimmtheit auf, macht sie zum Schutzraum eines abtrünnigen Nicht-Erzählens. Nicht-Kommensurables wird kombiniert, Sensationen werden kategorial unterlaufen, um jegliche Herrschaftslogik zu entmachten: „Leidenschaften, sagte sie, sind in geträumter Form quadratisch.“ Der Logos erweist sich mehr denn je als das zugrundeliegende Koordinatensystem dieser Sprach- und Fühl-Anordnungen. Mit dem „Geschmack des Ausnahmezustandes“ auf der Zunge wird in Kursivierungen mit Zitaten, Vor- und Aufschriften gearbeitet, lässt die Autorin die Dunkelheit kleiner Herzen ebenso wie Trakl-Chiffren pochen, hebelt jedes Pathos zugleich aus: „Mit düsteren Worten beflüstert er mich (…) Verwenden Sie Schutzbrillen“.

Das Ich des Textes begründet eingangs seine Reduktion auf das Unmittelbare wie auch Anspruch und Bezug auf den Kanon des Reflexiven: „Warum soll nicht auch ich Umgang haben dürfen mit großen Gedanken?/ Ich will die Hilfe von Vordenkern annehmen.“ Ansprüche und Hoffnungen werden ad acta gelegt, im distanzierten gesellschaftlichen Raum scheint es still „wie in den nach Betriebsschluss eingeholten Gondeln“. Figuren des Aufbruchs folgen, sprechen von Zielen, Träumen und Utopien, die Erzählerstimme will „Wolken- und Apfelstudien betreiben“, lobt „Fühlkörperchen“ und „Grannenkiefer“ in den „Mondgesprächen“ der „Nachtstücke“, wie die losen Prosaskizzen des Mittelteils überschrieben sind. Diese Texte folgen kurzen Impulsen, bilden jeweils einen rhythmischen wie musikalischen Bogen, in einer Sprache voll Melodie. „Sätze und Sterne/ Nachhall und Nachschein“, heißt es da, und man könnte in dieser Schrift verträumte Lieder sehen, voll von Zuneigung und Trauer, spürbar definiert von einem sinnenhaften Sprachvermögen, beharrlich in seinen Bildern, duftig, flockig und leicht in seiner Genauigkeit.

Sprechweise und Motive entfalten in poetischen Mikrokosmen ihre numinose Atmosphäre, manchmal gehen Zeilen über in ein lyrisch resümierendes Konstatieren, die Stimmungen sind flüchtig, die Beobachtungen ruhig, von einer fast statischen Position aus zurückgenommen, verblüffend leicht werden große Begriffe und Transzendenzphänomene gebrochen und griffig eingebettet in die verortete, geerdete Perspektive. In fragmentierten Gedankenbildern, Sinneswahrnehmungen und Erzählansätzen bilden sich diese Prosapolster, die wie Karstpflanzen nisten, spröde und doch schutzbedürftig. Das Vokabular ist durchsetzt von botanischem und physikalischem Wissen, im hermetischen Sprechen nicht ungewöhnlich: Celan, einer der bei Rainer zitierten „Vordenker“, hat sich etwa Listen mit geologischen Fachbegriffen angelegt, eine Methode auch hier: das so Traumverlorene wird vielfach mit Konkreta punktiert, dazwischen öffnen sich Räume in die Tiefe.

Rainer skizziert Bewusstseinslandschaften, die ohne Bedrohlichkeit auskommen, vielmehr vom Vitalen und Kreatürlichen sprechen: von Gewächsen, Insekten und Vögeln, von Trittsicherheit, Wendigkeit im Alpinen, von Witterung und Mondgesichten, Alltagsverrichtungen, unter Zurücknahme des Selbst gegenüber der Armut und Bescheidenheit der Vorfahren, friedfertig wie „in einem Paradiesgarten (…) Für das Paradies aber war die Straße zu nahe und das Tapetenmuster im Stiegenhaus das falsche.“ Wiederholt wird vom visuellen Erfassen gesprochen: „Konterfeite täglich ein Stückchen Landschaft“, „wäre ich ein Maler/ das hätte ich schon lange heruntergezeichnet“ heißt es da (ein wenig Gender-Irritation bereitet hier nur das Masculinum, wenn sich dieses so tief ins Subjekt zurückgenommene lyrische Ich aus den Erzählfiguren artikuliert), oder es wird von „Gravuren“ gesprochen. Fast enzyklopädisch tauchen im Text die Pflanzennamen auf, kaum ein Abschnitt kommt ohne Vögel und Vogelzeichnungen aus, vom Grünfinken im Nachbargarten bis zum Flussuferläufer oder einem „Dämmerungsvogel“, die Flugmetapher wird als „weißes Federchen“ evoziert, ein „Vogelpräparator“ beruhigt mit nachwachsenden „Singnerven“, die „Vogelangst“ verbündet sich mit dem Holz zum „Vogelauge im Ahorn“, erinnert so daran „ein fliehendes, fliegendes Wesen sein zu wollen“.

Das lyrische Format verfolgt einen surrealen, alogischen Bildaufbau, der alle diskursiven Kausalitäten knackt: „Eine schwarze Kuh ging nachts an den Granatapfelbaum“. Das Vorstellungsspiel instrumentiert sich in prächtigen Farben vor dunklem Hintergrund, Figuren changieren zwischen Pflanze und Mensch oder Ding, wandeln sich in ihrer Metamorphose, Gestalten zerfließen, fügen sich wieder neu in einem Text, der von Korrespondenzen lebt. Handlungsabläufe und Spielräume sind auf wenige Satzfolgen beschränkt, Sprache wird in Clustern wolkig gesetzt. Holz, als warme, lebende Konkretheit des Stoffs, erweist sich als eine weitere Grundmetapher des Textes, findet sich in einer Vielzahl von Baumnamen und im qualitativen Wortfeld von Maserung, Stamm, Borke.

Kulturelles wird quasi zurückverbunden, weniger animistisch beseelt denn in mythischer Geborgenheit renaturalisiert: „Da spricht es aus verwilderten Hecken“. „Wer ist zuständig für die Beseelung der Dinge?“, fragt die Erzählerstimme, und man möchte ihr zurufen: Sie, die Autorin, und wir, für die sie spricht. Ausdrücke wie Erleuchtung, Unerschöpflichkeit, Apokalypse und Taufe werden mit dem Geschmack von „Aniskeksen“ assoziiert, die Seele ist dann eine Art „Nasenzwicker“. Der Text schafft so Trostbezüge und Gelassenheit, und selbst der bei Trakl so düster besprochene „Weiher“ wirkt bei Rainer duftig und in zarten Farben aquarelliert, ist friedliche Chiffre für eine in sich ruhende, den Himmel reflektierende Autonomie.

„Es ist das Geflüsterte, in Klammern Gedachte“, um das es der Autorin geht, das Vage, tappend Vorkonkrete, das im Motto zur Schluss-Coda unter dem Diktum der Celanschen „Wandergestalt des Gefühls“ evoziert wird mit einem „Wanderwort“, das sich an die Dinge schmiegt im „Aufruhr, Taumel der Dinge, bevor sie Gedicht werden“. Der Text ist damit im Subtilen des Nicht-Definierten selbst Poetologie, versteht sich als „Tag- und Nachtgleiche“ von Rationalem und Empfindungen, kombiniert Klage und Erstaunen, fließt in Sequenzen, die den „Zustand der dichtenden, irrlichternde Seele“ beschreiben, auf der Suche nach dem „in allen Dingen hausenden Lied“.

Martin Kubaczek
28. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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