Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer.

München: Carl Hanser, 2013.
656 Seiten; geb.; Euro (A) 25,60.
ISBN 978-3446241787.

Leseprobe

Autor

Gleich die allererste Erinnerung des Helden in Köhlmeiers Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ ist eine traumatische: András Fülöp überlebt als Dreijähriger fünf Tage allein in der Wohnung seiner Großeltern, die vom ungarischen Staatssicherheitsdienst zum Verhör abgeholt werden. Ihn hat man vergessen. Aber er weiß sich zu helfen, isst, was er in der Wohnung findet, trinkt aus dem Wasserhahn, erfindet sich Phantasietiere als Gefährten und schläft viel ... – Dieses Erlebnis, diese existenzielle Verlassenheit, die er als Allererstes erfährt, wird sein Wesen formen. Das wird seine Ur-Erfahrung sein: er allein, ohne Hilfe, ohne Schutz, ohne Kontakt zu Anderen.
Mit dieser Szene beginnt Köhlmeiers Roman, die Lebensbeichte des Joel Spazierer, der anfangs noch András Fülöp heißt, im Laufe seines Lebens nicht weniger als vier verschiedene Namen und Identitäten annimmt und lügt, betrügt, stiehlt und mordet, was das Zeug hält. Seine kriminelle Karriere startet Köhlmeiers Held dabei sehr jung als Stricherjunge, nachdem seine Familie, die hauptsächlich aus Lügnern und Betrügern besteht, aus Ungarn geflohen und in Wien gestrandet ist. Später überlebt András, aus dem inzwischen Andres Philip geworden ist, eine Entführung, findet sich allein in Ostende wieder, und schlägt sich mithilfe eines desertierten amerikanischen GIs und Mörders als Räuber durch, bis er zurück nach Wien kommt. Dann zieht seine Familie nach Vorarlberg, er stiehlt weiter und wird knapp vor der Matura selbst erstmals zum Mörder. Er wandert ins Gefängnis und sitzt zwölf Jahre ab. Um ihm die Reintegration in die Gesellschaft zu erleichtern, gibt man ihm eine neue Identität. Aus Andres Philip wird Joel Spazierer, und der gerät erneut auf die schiefe Bahn, lässt sich nun aber nicht mehr erwischen. Im Gegenteil, ihm gelingt ein geradezu sensationeller gesellschaftlicher Aufstieg in der DDR. Am Ende bleibt ihm trotzdem nicht viel: Nach einem Herzinfarkt lebt er als mittelloser älterer Mann in Wien und beginnt 2008, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Animiert dazu hat ihn sein Schulfreund Sebastian Lukasser, den man seit „Abendland“ als Köhlmeiers Alter Ego kennt.
Es ist also kein Schriftsteller, der hier schreibt, sondern ein Amateur, der von einem Profi mit reichlich Schreibtipps versorgt wird. Potenziellen Einwänden gegen die Erzählung ist damit in gewisser Weise der Wind aus den Segeln genommen. Es gäbe aber ohnehin kaum welche zu formulieren. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive, in einem ungerührten, nüchternen Parlando-Ton, was es dem Leser wesentlich erschwert, Joel Spazierer als so unmenschlich und böse zu sehen, wie man ihn aufgrund seiner Taten gern sehen möchte und wie er auch vor Gericht dargestellt wird. Er sei kein Mensch, heißt es da im Plädoyer des Staatsanwalts, sondern ein Monster. – Ist er das? Die Frage nach der Menschlichkeit, danach, was den Menschen zum Menschen macht, das ist die Grundfrage, der Köhlmeier in diesem Roman nachgeht.
Ursachenforschung betreibt er dabei nicht, eindeutigen Wertungen entzieht er sich ebenso. Köhlmeier versucht sich nicht als Psychoanalytiker, das könnte er auch gar nicht, denn der Held, der erzählt, verfügt über kein Gewissen, das ihn zu Einsichten oder zu Reuegefühlen befähigen würde. Es ist mehr ein phänomenologisches Staunen, mit dem man Köhlmeiers Helden auf seiner Odyssee folgen soll. Und dass man das als Leser so bereitwillig tut, liegt vor allem auch daran, dass Köhlmeier ein wirklich begnadeter Erzähler ist, sodass 650 Seiten erstaunlich schnell weggelesen sind.
Diese Lust am Fabulieren ist das Reizvolle an diesem Roman, der – wie der Erzähler selbst sagt – schließlich auch ein Schelmenroman ist. Und der Reiz eines Schelmenromans liegt bekanntlich vor allem in der Zeichnung eines faszinierenden, unergründlichen Charakters, der alle möglichen und unmöglichen Abenteuer erlebt. Köhlmeier ist mit seiner Figur des Joel Spazierer zweifellos ein pícaro par excellence gelungen.

Wie man nun einen wie Joel Spazierer tatsächlich einordnen soll, weiß man am Ende nicht. Woher „das Böse“ in ihm kommt, weiß man auch nicht. Auf solche letzten Fragen kann es wohl auch keine befriedigenden Antworten geben. Ein Schelmenroman sucht sie jedenfalls nicht. Er analysiert nicht, sondern berichtet nur, er bewertet nicht explizit – aber er bietet dem Autor implizit die Möglichkeit, sich zum Allgemeinzustand der Gesellschaft zu äußern. Normalerweise fungiert der Schelm im Roman ja immer auch als Spiegel der Gesellschaft. Und in dieser Hinsicht verbirgt sich in „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ ein überaus interessanter Befund. Denn Joel Spazierer begegnet immer und überall Lug und Betrug, Heuchelei und Gewalt. Und er selbst kommt als Schwerkrimineller auch erstaunlich (oder besser: bedenklich) weit in seinem Leben ...

Friederike Gösweiner
28. Februar 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.