Zdenka Becker: Der größte Fall meines Vaters.

Roman.
Wien: Paul Zsolnay, 2013.
224 S.; Hardcover; Euro 19,50.
ISBN 978-3-552-06207-8.

Leseprobe

Autorin

Im Sozialismus gab es keine Verbrechen. Schließlich waren alle Klassengegensätze überwunden und der Kriminalität somit der Boden entzogen. Allenfalls galt es, obsolete Muster aus früheren Zeiten auszumerzen, letzte Überbleibsel des alten Systems – behauptete zumindest die politische Kaste, auch in der Tschechoslowakei.
Natürlich gab es im Sozialismus doch Verbrechen. Auch extrem blutrünstige, wie der Fall der zweifachen Mörderin Irena Cubirkova zeigt. Es begann spektakulär: Am Nikolaustag des Jahres 1964 fand man in einer Zugtoilette bei Bratislava den abgeschnittenen Kopf eines Mannes. Die Spur führte die Polizei zu einer Frau, die kurz zuvor ihren Lebensgefährten als vermisst gemeldet hatte. Die Polizei fand heraus, dass die Mutter von sieben Kindern den Mann enthauptet, seinen Kopf im Zug deponiert und den Rest seines Körpers im Ofen verbrannt hatte. Im Laufe der Ermittlungen zeigte sich außerdem, dass sie Jahre zuvor ihren Ehemann ermordet hatte, um für einen verheirateten Geliebten frei zu sein – der sich jedoch aus Angst, von seiner Frau an die Polizei verraten zu werden, niemals zur Cubirkova bekannte. Irena Cubirkova wurde in der Tschechoslowakei als erste Frau nach dem Krieg „wegen krimineller Verbrechen“ hingerichtet – aus politischen Gründen waren nach dem „Sieg des Sozialismus“ bereits Frauen hingerichtet worden waren.

Zdenka Beckers Roman „Der größte Fall meines Vaters“ greift den Fall Cubirkova – die im Roman anders heißt – auf und erzählt von ihrer Dingfestmachung aus der Erinnerung der damals halbwüchsigen Tochter des Chefermittlers. Diese Tochter ist inzwischen eine reife Frau, ihr Vater ein pflegebedürftiger Greis, der sich gern in Polizeiuniform spazieren fahren lässt. Immer wieder fordert der inzwischen Neunzigjährige seine Tochter auf, über den spektakulärsten Fall seiner Laufbahn, der ihm eine Karriere bis zum Amt des Polizeipräsidenten ermöglichte, zu schreiben. Zwischen der Sorge um die Gesundheit des Vaters und eigenen Schreibblockaden rollen sich die Erinnerungen der Ich-Erzählerin auf, die als Teenager voller Angstlust in den Kriminalheften des Vaters blätterte und ihren Freunden heimlich Tatort-Fotos zeigte. Was den Hergang und die Aufdeckung des Verbrechens angeht, hält sich Zdenka Becker wohl streng an die historischen Fakten – bis hin zur Rolle des Chefermittlers, dessen kriminalistischem Instinkt die Aufklärung der beiden Morde zu verdanken war.

Parallel zur Geschichte der Ermittlungsarbeit entfaltet sich das Panorama einer – auch infolge von Krieg und ideologischem Wahn – seelisch verrohten und verwahrlosten Gesellschaft. Über das Schicksal der Mörderin, die in Waisenhäusern aufwuchs, erfährt man, dass sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und früh Mutter zweier Kinder wurde – die ihr von den Deutschen für Jahre weggenommen wurden. Von ihrem alkoholkranken Lebensgefährten wurde die Frau beständig damit bedroht, ihr den Kopf abzuschneiden und ihn in eine Kloschüssel zu stecken – bis sie ihm dies selbst antat. Ein gerüttelt Maß an Verwahrlosung findet sich aber auch in der Umgebung der jugendlichen Ich-Erzählerin. Nicht nur erzählt sie von trinkenden und schlagenden Vätern im Mietshaus, sondern auch von „Zwangsheiraten“ infolge von Schwangerschaften und staatlich verordneten Prozeduren, bei denen Schwangere gezwungen wurden, Kinder auszutragen. Auch in der vom Regime privilegierten und ideologisch konformen Familie der jungen Ich-Erzählerin herrscht zwischen den Eltern Misstrauen. Die Mutter scheint eine Affäre zu haben, der Vater – so vermutet die Tochter – reist ihr mit der Dienstwaffe hinterher. Umgekehrt beschuldigt der Vater die Mutter einmal, ihn ermorden zu wollen. Das grausige Verbrechen belastet die Familie – oder bringt vielleicht auch nur Züge zum Vorschein, die im sozialistischen Bespitzelungssystem per se angelegt waren.

Zdenka Becker gelingt es überzeugend, eine Gesellschaft und ihre Brüche anhand einer typischen Familie – der Familie des Ermittlers – zu veranschaulichen. So differenziert die Psychologie der Familie aus der Innensicht dargestellt ist, so fremd steht die Ich-Erzählerin vor dem Verbrechen der Mörderin – schwankend zwischen Abscheu und dem Bedürfnis, die Frau zu verstehen. Weiblichkeit und brutales Verbrechen – das wird normalerweise nicht miteinander assoziiert. Bei Becker wird der grausamen Frau (und Mutter!), die in ihrer Jugend äußerst verführerisch gewesen sein muss, die treusorgende Tochter entgegengestellt. Wo die Mörderin wohl nur Kälte erlebte, stand der Tochter immerhin ein wärmendes Nest zur Verfügung. Humor, Wärme und Empathie prägen auch dieses Buch der auf Familiengeschichten „spezialisierten“ Zdenka Becker.

Eine interessante These des Romans ist, dass Frauen in der Regel morden, um Männer loszuwerden, Männer hingegen, um Frauen zu behalten. Frauen, so heißt es, würden wesentlich raffinierter vorgehen, weshalb ihre Verbrechen viel seltener entdeckt werden. Becker führt das Beispiel einer Frau an, die ihren Mann regelmäßig mit Alkohol „abfütterte“. An ihrer zweifelhaften Gewohnheit hält diese Frau noch auf dem Friedhof fest: „Jetzt bringt ihm die Nachbarin bei jedem Friedhofsbesuch ein kleines Fläschchen Wein mit (...) Sie hat auf seinem Grab einen Trichter in die Erde eingegraben und leert den mitgebrachten Grünen Veltliner hinein, den er so sehr geliebt hat.“

Judith Leister
12. März 2013

Originalbeitrag
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