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Leseprobe: Zdenka Becker - Der größte Fall meines Vaters.


Mein Bruder nannte ihn den Winter der Katastrophen – die Morde, Vaters Unfall, die Ehekrise der Eltern und schließlich mein Nervenzusammenbruch. Alles Gründe, warum Fedor in dieser Zeit so selten zu Hause war. Er flüchtete vor Problemen, mich dagegen faszinierten die Ereignisse, die nach dem besagten 6. Dezember passierten. Mein Leben wurde davon beherrscht, was mir mein Vater erzählte, aber vor allem davon, was er nicht erzählte. Mühsam trug ich alle Informationen zusammen und musste feststellen, dass ich nicht die einzige war, die damals ein Geheimnis hütete. Hinter seines zu kommen, hatte für mich oberste Priorität.
Natürlich kannte ich Vaters Notizbücher, ich stöberte oft darin, wenn er duschte oder schlief, aber ich verstand nicht alles, was da in Stichworten auf den kleinen, karierten Seiten stand.
Mit meinen dreizehn Jahren war ich viel zu jung, um das Motiv und die Zusammenhänge zu erkennen. Und ich war vor allem zu jung, um meinen Vater und meine Mutter zu verstehen. Die Hefte hatten einen besonderen Geruch, eine Mischung aus Salamibrot, Tee und Kautabak, obwohl Vater weder rauchte noch Tabak kaute. Und auch jetzt, nach Jahren, dringt beim Anblick der Notizbücher ihr charakteristischer Geruch in meine Nase, stupst mich an, macht mich neugierig.
»Irgendwo müsste auch der Ordner mit den Zeitungsausschnitten sein«, unterbricht Vater meine Gedanken. »Hast du ihn in letzter Zeit gesehen?« »Er steht im Bücherregal ganz unten«, antworte ich und hole den Ordner. Frau Gabi hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. Alle Bücher, Zeitschriftenschuber und Ordner sind staubfrei. Sogar meine Kinderbücher, die mich über die Jahre Tag für Tag ins Erwachsenenalter begleitet haben, stehen stramm und verleihen mir das Gefühl, als würde die Zeit gar nicht so schnell, wie es mir manchmal vorkommt, davonrennen.
Ich lasse die Geschichten meiner Kindheit unberührt stehen und nehme mir vor, wieder einmal, möglichst bald, zumindest einige von ihnen zu lesen. Dann wende ich mich dem Teil des Bücherregals zu, in dem Vaters Sachen stehen. Treffsicher greife ich nach der richtigen Mappe – ich hatte sie als Kind viele Male in der Hand – und bringe sie zum Couchtisch. An die meisten Zeitungsartikel erinnere ich mich ziemlich genau, trotzdem beginne ich mit dem Sichten der vergilbten Seiten. Das Papier fühlt sich dünn und brüchig an. Auf einmal überkommt mich Angst, dass alles unter meinen Fingern zu Staub werden, dass alles auf Nimmerwiedersehen verschwinden könnte. Der Vater beugt sich umständlich vor und greift nach den Zeitungsausschnitten, die er zu sich zieht. Das bedruckte Papier, das er dicht vor seine Augen hält, raschelt laut, ich habe nicht das Gefühl, dass er den Artikel lesen kann. »Wo ist meine Brille?«, fragt er und bestätigt damit meine Vermutung. »Diese Gabi mit ihrem Ordnungswahn verlegt sie immer«, murmelt er und tastet blind um sich. »Papa, ich habe dir erst unlängst zwei neue Lesebrillen mitgebracht. Die eine hat sogar eine Kette, damit du sie dir um den Hals hängen kannst.«
»Und wo ist sie jetzt?«
»Das frage ich dich.« Ich betaste seinen Oberkörper und finde die Brille unter seinem Hemd hängen.
»Und wer hat sie dort hingehängt?«
Ich erspare mir die Antwort und putze die Brille mit einem Taschentuch ab. Vater setzt sie auf die Nase und zieht die Zeitungsseite näher an sich heran. »Hier, hier steht es.« Er liest: »Am 6. Dezember 1964 fand ein Fahrgast in der Toilette eines Schnellzuges einen abgetrennten männlichen Kopf.«
Es war der Tag des heiligen Nikolaus. In der Schule bekamen wir Äpfel und Nüsse, zu Hause warteten auf uns in säuberlich geputzten Stiefeln die ersten Mandarinen und Schokolade. Und ich freute mich auf Weihnachten, denn, falls mein größter Wunsch in Erfüllung gehen sollte, würden echte Eiskunstlaufschuhe unter dem Weihnachtsbaum liegen.

(S.39)

© 2013 Deuticke Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 






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