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Reinhard Kaiser-Mühlecker: Roter Flieder.

Roman.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2012.
622 Seiten; gebunden; Eur 24,99.
ISBN 978-3-455-40423-4.

Leseprobe

Autor

Seit seinem Erstling macht Reinhard Kaiser-Mühlecker (30) von sich hören: Gegen die als allgegenwärtig empfundene Beschleunigung setzt er langsame, oft stillgestellte Erzählungen, meditative Beschreibungen; seine Protagonisten leben – vordergründig ruhig – am Land, kommen von dort, kehren dorthin zurück, können mit der Stadt, der Moderne, so es denn Berührungspunkte gibt, meist nichts anfangen. So auch in seinem aktuellen Buch Roter Flieder: Kaiser-Mühlecker erzählt die Geschichte oberösterreichischer Landwirte, der Familie Goldberger, in tendenziell unaufgeregtem Ton, über mehrere Generationen hinweg auf 600 Seiten. Das klingt riskant; umso mehr, als er die Geschichte mit Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzen lässt, seinem Roman also gehöriges historisches Gewicht aufbürdet. Soviel vorweg: Es gelingt.

Genannter Erstling, Der lange Gang über die Stationen (2008), erzeugte unter seinen LeserInnen (mehr als unter den RezensentInnen) gemischte Reaktionen – während die einen euphorisch Handke und Stifter als Gewährsmänner anriefen, war den anderen Kaiser-Mühleckers Kunstidiom, ein Amalgam aus Hochsprache und altertümelnder Syntax, zu betulich. Wie auch immer man dazu stand, Sprache und Inhalt waren restlos aufeinander abgestimmt; der betonten Langsamkeit des Erzählduktus entsprach die äußere und innere Reglosigkeit des Protagonisten, eines jungen Bauern, dessen kaum reflektierter traditioneller Lebensentwurf der Moderne zum Opfer fällt. Der abschließende Selbstmord und dessen Ausführung (Alkohol, Kälte) zeugen von derselben Unbeweglichkeit und Schicksalsergebenheit wie das Leben davor. Und ein wenig drängt sich der Verdacht auf, dass die Unfähigkeit, mit der Gegenwart fertig zu werden, mit einer verdrängten Geschichte zu tun hat: In einer kleinen Kammer, die der Protagonist tunlichst meidet, liegt monatelang der Vater, kläglich verreckend, ein Mahnmal der Vergangenheit.

Eine ähnliche Konstellation findet man nun in Roter Flieder vor, wenngleich die Geister der Vergangenheit hier deutlicher benannt werden: Der Großvater, Ferdinand Goldberger, musste sein Heimatdorf verlassen, weil er als Ortsgruppenführer ein wenig zu eifrig gewesen war: „Er sah jetzt wie auf Papier geschrieben, was geschehen war – weshalb es „nicht mehr gegangen“ war. Er las es, Zeile für Zeile. Da stand, dass er, Ferdinand Goldberger, Leute aus dem eigenen Dorf angezeigt hatte. Und zwar eine ganze Reihe Leute. Da stand, dass es nur ein einziges – das erste – Mal einen tatsächlichen Grund für eine solche Anzeige gegeben hatte.“
Sein Vorgesetzter in der Partei besorgt ihm einen neuen Hof, weit weg, wo der Aufbau der neuen Existenz beginnt. Und tatsächlich mit Erfolg: Der Sohn, ein Kriegsheimkehrer, beweist großes Geschick; es wird geheiratet, Kinder werden geboren, es wird investiert und ausgebaut. Am Schluss ist nach einigen Schwierigkeiten die Modernisierung geschafft, die Generationenfolge gesichert.

Und das alles, während die Vergangenheit unbewältigt bleibt: Bis zum Schluss glaubt der Großvater, die Familie sei verflucht „bis ins siebte Glied“, nicht wegen seiner Parteifunktion und der begangenen Verbrechen, von Denunziationen bis zu Hinrichtungen, sondern weil er zu einer Erschießung einmal fünfzehn Minuten zu spät gekommen war. Auch der Urenkel beweist noch recht schwächliches historisches Bewusstsein, wenn er die Taten des Vorfahren als Verbrechen bezeichnet, die dieser wegen seines Amtes „gewissermaßen hatte verbrechen müssen“. Das ist, wohlgemerkt, Figurenrede, und vielleicht zeugt diese Irritation auch von der Klugheit von Kaiser-Mühleckers Konstruktion: Das Gewicht der Vergangenheit, die nur in verstümmelter Form erinnert wird, einerseits; andererseits die Erfolgsgeschichte, Wiederaufbau, Wachstum. Wenn der Autor dabei vom Wechsel der Jahreszeiten spricht, vom Aufgehen der Saat am Feld oder nur vom Holzfällen, glaubt man ihm das, fühlt man die Euphorie seiner Protagonisten. Fast parabelhaft, so macht es den Eindruck, erzählt Kaiser-Mühlecker vom Weiterleben unter ungeklärten Voraussetzungen, einer stets überschatteten Gegenwart – ein Drahtseilakt, bei dem der Autor erst gegen Ende ein wenig das Gleichgewicht zu verlieren scheint, etwas zu idyllisch gerät ihm die Geschichte des letzten Sprösslings.

Manche bleiben natürlich auch auf der Strecke. Eine Schwester, die irgendwann einfach verstummt, beispielsweise, oder Paul, Vertreter der dritten Generation: Er spielt die fast schon klassische Rolle des in der Großstadt entfremdeten, unglücklichen Intellektuellen – allerdings mit der wichtigen Abweichung, dass hier nicht der Stab über Großstadt, Intellekt und Moderne gebrochen wird (Waggerl'sches dieser Sorte unterläuft Kaiser-Mühlecker nirgendwo), sondern über die Ausschließungsmechanismen des eigenen Soziotops. Es kommt jedenfalls zur Katastrophe (Alkohol, Feuer), und das vielleicht beste Kapitel des Buches spielt dann in Südamerika, wohin Paul flieht – diesmal vor der eigenen Vergangenheit. Dort zur Ruhe gekommen, ereilt ihn zuerst ein Moment epiphanischer Einsicht – einer der wenigen im Buch – und kurz darauf, fast erwartungsgemäß, der Tod.

Den Ton des Erstlings hat Kaiser-Mühlecker längst abgelegt (nur zu Anfang unterläuft ihm noch der eine oder andere Registerfehler). Ein gleichmäßiges, hypnotisierendes Rollen kennzeichnet nun seinen Erzählduktus, der den Leser durch die Jahrzehnte trägt, schneller, als man das angesichts des Romanumfangs erwartet hätte; aus dem Wechsel der Generationen und der Jahreszeiten macht Kaiser-Mühlecker ein veritables Abenteuer. Auch ein etwas entglittener Schluss kann nichts mehr an dem ungewöhnlichen Vergnügen ändern, das dieser Roman bereitet.

Bernhard Oberreither
12. März 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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