Ines Oppitz: ein schwebendes verfahren.

gedichte.
Gosau Salzburg Wien: arovell, 2013.
104 Seiten, gebunden; Eur(A) 12,90.
ISBN: 9783902808318.

Leseprobe

Autorin

Vor mir liegt der neue Gedichtband von Ines Oppitz mit dem Titel „ein schwebendes verfahren“. Vor dem Lesen lag das Buch ein paar Tage auf meinem Schreibtisch, der – gut gewählte – Titel begegnete mir oft. Sind diese (alle?) Gedichte selbst ein schwebendes Verfahren, beschreiben sie eines, zeichnen sie es nach? Es trifft wohl alles zu. Ein schwebendes Verfahren ist zwar ein Terminus aus der Gerichtsbarkeit, ein Verfahren, dessen Ausgang man nicht kennt, aber es gibt – auch und vor allem außerhalb des Gerichtssaals – unzählige, wenn nicht ausschließlich „schwebende Verfahren“, Verfahren mit unbekanntem Ausgang. Lesen und schreiben gehören wohl auch dazu.
Nach diesen Überlegungen beginne ich zu lesen. Es sind schweigsame, fast möchte ich sagen karge Gedichte, die meist nur anreißen, nicht ausführen. Symptomatisch für diese Kargheit ist etwa das Gedicht auf Seite 20 mit dem Titel Hoffnung, das auf den Wörtern „morgen“ „und“ „es“ „kommt“ beruht, Zeilenumbruch nach jedem Wort. Nun, dieses Schweigen ist beredt. Und man kann als Leserin innehalten, das Gedicht ansehen, die Augen rasten lassen auf dem weißen Teil der Buchseite, einatmen, ausatmen, ja so ist morgen, so ist der Morgen: jeder Morgen.

Ines Oppitz ordnet die Gedichte zu vier Zyklen, gibt ihnen gewissermaßen programmatische Titel. Inhaltlich sind die Gedichte alle eher von einem düsteren Ton geprägt, das „Gedichtpersonal“: Nebelkrähen, Schatten, die Sohle des Steins, Katzensilber, auch das Herzblut fehlt nicht. Aber es gibt ja auch ein Einhorn, und, das gefällt mir besonders, es gibt die Worte, die wie Gras wachsen. Ich sehe grundsätzlich in der Literatur unter anderem zwei gegensätzliche Zugangsweisen: Auf der einen Seite die Dominanz einer strengen Form, die den Inhalt (mit)bestimmt und, am anderen Ende des Spektrums, die inhaltliche Dominanz, die die Form „wie von selbst“ entstehen lässt. Zwischen diesen beiden hier nur ansatzweise beschriebenen Extremen finden, so denke ich, die meisten, wenn nicht alle literarischen Werke ihren Platz. Ines Oppitz tendiert zu einer Dominanz des Inhalts, wenngleich sie die Form nie aus dem Auge verliert. Wohlgemerkt, ich sage: Sie verliert die Form nicht aus dem Auge. Ich spreche also von Form, nicht aber von einer strengen Form. Denn Strenge ist nicht die Sache dieser Gedichte, fast bin ich geneigt, das Wort Milde zu verwenden. Milde und Nachgiebigkeit. Worte wie Gras. Das gibt diesen Gedichten ihre Kraft und – sie geben nonchalant ihre Kommentare ab, der Leser und die Leserin können und müssen sich selbst einen Teil dazu denken. Das gefällt mir.

Eînen kritischen Nachsatz kann ich mir aber nicht verbeißen. Er betrifft den Titel des vierten Zyklus, der lautet: „Jeder ist Fährmann, der in die Sprache geht“. (Dieser Titel ist auch Schlusswort des Gedichts „übersetzen“.) Erst wollte ich sagen, ja, klar, so ist es. Das Bild ist ja auch schön und berührend. Dann aber kamen mir Bedenken. Bin ich, beispielsweise, wirklich ein Teil von „jeder“? Genau genommen nicht. Und ich glaube nicht, dass ich die Frage nach einer Präsenz von Frauen „übertreibe“ oder allzu wichtig nehme, wenn ich urgiere, dass für Frauen ein anderes Bild gefunden werden muss. Und wenn beide Geschlechter gemeint sein sollen (was ich bei diesem Titel annehme), bedarf es wieder eines anderen Bildes. Ich bin es gewohnt, mich als Teil von „jeder“ zu sehen und stolpere erst beim zweiten Lesen. Ich glaube aber nicht, dass, stellt man die Aufgabe, einen Fährmann zu beschreiben, viele Menschen dazu beide Geschlechter assoziieren.
Zum Schluss aber soll nicht die Kritik stehen, sondern die Erwähnung eines Gedichts, das Ines Oppitz der verstorbenen Kollegin Adelheid Dahimène gewidmet hat. In diesen kurzen Zeilen, diesen wenigen kurzen Zeilen, ist es in der Tat möglich, Adelheid zu begegnen. Das ist schön.

Ilse Kilic
12. März 2013

Originalbeitrag
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