Hugo Ramnek: Kettenkarussell/Semanji vrtiljak.

Deutsch und Slowenisch (Wendebuch).
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2013.
70 Seiten; gebunden; Euro 17,40.
Mit Wiesenmarktskizzen von Werner Berg.
ISBN 978-3-99029-041-5.

Leseprobe

Autor

Der wenige Seiten lange Text, den Hugo Ramnek beim Bachmannwettbewerb 2012 las, wurde nun im Wieser Verlag in einer bibliophilen und zweisprachigen Ausgabe publiziert. Mit der Übersetzung ins Slowenische von Brane Cop wurde der drei Kapitel umfassende Text zum „Wendebuch“. Wiesenmarktskizzen von Werner Berg, die Harald Scheicher in einem kurzen Essay kommentiert, komplettieren den Band.
Ramnek, ein Autor aus Kärnten, der in Zürich lebt, beschreibt in dieser Erzählung ein Wiesenmarkt-Wochenende im zweisprachigen Bleiburg/Pliberk im Südosten Kärntens, nah an der Grenze zu Slowenien. Dabei inszeniert er die sexuellen und emotionalen Verwirrungen eines Jugendlichen, der ein Auge auf ein Mädchen geworfen hat. Die Pubertätserzählung bekommt dabei rasch eine – nicht in den Vordergrund rückende, aber stets präsente – soziale bzw. politische Dimension. Bedenkt man die historisch-politische und kulturelle Bedeutung Bleiburgs/Pliberks für deutsch- und slowenisch- bzw. ein- und mehrsprachige Kärntner, die in diesem Text allenfalls implizit mitthematisiert wird, wundert dies kaum. Ramnek fokussiert aber nicht auf konkrete historisch-politische Kontexte. In der Erzählung wird im Rahmen der sich andeutenden Liebesgeschichte nur thematisiert, dass das Mädchen zur slowenischen Volksgruppe gehört, der Junge selbst jedoch nicht. Die Beschreibung der Ereignisse am „Wiesenmarktsonntag“, so der Titel des zweiten Kurzkapitels, dienen dazu, die sprachliche oder auch vorgeblich kulturelle „Fremde“ der beiden Jugendlichen einzuführen: „Sie ist vom Dorf auf der anderen Seite der Wiese. Dort wohnen die verbohrten Slowenen, wie sie im Städtchen sagen.“ Diese gesellschaftlich anbefohlenen „Fremdheitsgefühle“ stoßen beim jugendlichen Protagonisten allerdings auf taube Ohren und werden von Sehnsuchtsgefühlen nach dem slowenischen Mädchen und auch ihrer Sprache ersetzt, die sein Herumstreunen am Jahrmarktsgelände und die Suche nach der Begehrten zur Folge haben. Entdeckt wird sie schließlich am titelgebenden Kettenkarussell. Der Jugendliche beobachtet sie aufmerksam bei ihrer Ringelspielfahrt, die lustvolle Empfindungen (in ihm und in ihr) auslöst: „Drehschenkel, Schoßsog, Schwindelreptil, rundherum im Ringelspiel, im Ringelwindspiel, im großen Wiesenwindringelspiel“. Die Wege der beiden verlaufen sich kurz danach wieder.

Darauf folgt der „Wiesenmarktmontag“, das dritte Kurzkapitel des Textes. Eine Autodromfahrt erlaubt den wortwörtlichen „Zusammenstoß“ mit dem Mädchen. An dieser Stelle wird eine weitere Figur angeführt, der Junge Milan. Milan scheint ein einstiger Klassenkamerad zu sein, den der jugendliche Hauptprotagonist – als slowenischsprachigen Mitschüler und damit Außenseiter – einst verraten und verlacht hatte. Es kommt zu Prügelei und einer hitzigen Verfolgungsjagd. Schuldbewusstsein und Neid mischen sich mit den Sehnsuchtsgedanken des Jugendlichen (Hat das Mädchen Milan nun beim Namen gerufen oder nicht?). Und damit verliert sich der Kontakt mit dem Mädchen bereits wieder, zu einer echten Annäherung wird es, kann es scheinbar (noch) nicht kommen.

Eine pessimistische, düstere Erzählung, über die fiebrige Annäherung und Abstoßung zweier Menschen, gerahmt durch eine angedeutete „interkulturelle“ Dreiecksgeschichte liefert Ramnek, und keine soziologisch-politische Studie über die „Minderheitenfrage“ oder über Strukturen (deutsch-)nationalen Denkens in Kärnten, obwohl diese Probleme in die Gedanken- und Gefühlströme des Jugendlichen doch immer wieder einbrechen: „Im Städtchen wollen sie nicht, dass ihre Kinder die andere Sprache lernen.“ Oder „Jetzt nisten sich die Slowenen noch im Ort ein, sagte man im Städtchen.“ Diesem aggressiven Umgang mit dem „Anderen“ stehen andererseits die Lust des Jugendlichen an slowenischen Worten und seine jugendliche Neugierde entgegen.

Hauptereignis in dem Text ist allerdings nicht das Aufeinandertreffen zweier Jugendlicher und zweier Sprachen oder Kulturen, sondern vielmehr der Bleiburger Wiesenmarkt. Dabei handelt es sich um den größten und traditionsreichsten Kärntner Jahrmarkt, der überregionale Bedeutung hat. In Detailaufnahmen konzentriert sich der Text auf Objekte, Gebäude, lebendige und tote Tiere, auf die teils skurrilen Attraktionen des Jahrmarktes. Dabei dienen diese auch zur Spiegelung der psychischen Verfasstheit der Protagonisten. Freude, Schwindel, Taumel, Erregung, Neugierde, Sehnsucht, Angst und Unsicherheit – sie alle drücken sich durch „Bilder“ vom Wiesenmarkt aus. Als die halbe Stadt zuschaut, wie die „Wiesenstadt ihr Urwaldreservat bekommt“ tauchen wie in Fieberträumen des Jungen exotische Tiere auf: ein filziges Dromedar mit schlaffem Höcker oder das „älteste Krokodil“ der Welt, das als Sensation angekündigt wird und leblos im Käfig ruht. Auch das offizielle Feuerwerk am Wiesenmarktsamstag korrespondiert mit der Erregung des Jugendlichen: die ersten Berührungen und das scheue Kennenlernen der beiden Jugendlichen werden vom Explodieren der Farben am Nachthimmel begleitet. Es folgt: Fressen und Saufen, Zuckerwatte, Sauerkraut, Gokartabgase. Die exotische Künstlichkeit der „Kulissenstadt“ oder „Traumstadt“, wie es heißt, wird von der herben Realität, durch die wie von Nebeln (des Alkohols? der Begierde?) verhangenen Blicke des Jugendlichen auf Unheimliches, Abstoßend-Anziehendes kontrastiert. Da taumeln Trinkergestalten durchs Bild, und der Junge wird vom immer wiederkehrenden „Albino“ gestoßen, der sich wie ein Leitmotiv durch den Text drängt und für das traurig-anklagende Ende der Erzählung verantwortlich ist. Die erlebte Einsamkeit mitten im Trubel verstärkt sich mit jeder Zeile des Textes.

Es ist ein stiller, einsamer Protagonist, dem man bei seinem Herumstreifen am Wiesenmarkt folgt, und so ist auch der Text selbst: trotz des Geschreies, Gelächters, Gebimmels, trotz des karnevalesken Aufeinandertreffen von Menschen und Tieren in der künstlichen Parallelwelt des Jahrmarkts bleibt der Erzählton wehmütig, ruhig, in sich gekehrt. Der Text konzentriert sich auf das Innenleben des Helden, der aufmerksam beobachtet, viel empfindet, und (noch) nicht genug von sich selbst und seiner Umgebung versteht. Das macht die sanfte Sogwirkung des kurzen Textes aus. Ein schöneres, traurigeres Denkmal als diese in zwei Sprachen abgedruckte Erzählung mit den Skizzen von Werner Berg hätte der Bleiburger Wiesenmarkt sich kaum wünschen können.

Elena Messner
13. März 2013

Originalbeitrag
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