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Peter Rosei: Madame Stern.

Roman.
St. Pölten und Wien: Residenz, 2013.
160 S.; geb; EUR (A) 19,90.
ISBN 978-3-7017-1606-7.

Leseprobe

Autor

Peter Rosei, inzwischen 66, hätte sein neues Buch auch „Macht!“ nennen können. Schließlich hatte er dem Vorgänger-Roman, 2011 ebenfalls im Residenz Verlag erschienen, zu dem er vor einigen Jahren wieder zurückkehrte, den Titel „Geld!“ gegeben. Darin ging es um einen Werbeagenturbesitzer, einen Finanzbroker, um Wohlhabende und Sich wohlhabend Dünkende, um die so genannte Upper Class und deren Angst vor dem Verlust des Wichtigsten in ihrem durchschnittlichen und höchst uninspirierten Leben. Geld mit, sehr wichtig!, Ausrufungszeichen. Das so angerufen wird, beschworen wird, ins Zentrum rückt und dieses in seiner ganzen existenziellen Leere bald ausschließlich bildet.
War dieses Buch bewusst klischeenah geschrieben, so gilt dies auch für „Madame Stern“, das noch um zehn Seiten kürzer ist. Und in dem es zentral um Macht geht und um Macht- wie Kontrollverluste. Die Titelperson Gisela Stern entstammt einer Hütteldorfer Arbeiterfamilie, arbeitet sich hoch, heiratet opportun, wenn auch reichlich frei von Leidenschaft, beginnt in einer Bank zu arbeiten und zeitgleich zu studieren, wie ihr Ehemann, dessen Passionen reduziert sind – seine einer gewissen Partei nahe stehenden, über Einfluss verfügenden Eltern platzieren ihn nach dem Jusstudium sogleich auf einem ruhigen Posten in der Wiener Sachwalterschaft. Gisela Stern promoviert, arbeitet sich bis zur Bankdirektorin hinauf, und beginnt ein Spiel zu spielen: mit sich, mit anderen, mit der Kultur und der Politik, vor allem jedoch mit Gefühlen. Eigenen wie denen anderer. Um sie, die ein Faible für klassische Musik kultiviert, von der Mutter halb geerbt, halb von dieser oktroyiert, beginnt sich eine Entourage von Bejublern, Nepotisten und Vorteilsnehmern zu formen. So kommt sie auch in Kontakt mit einem Verleger, der sie zu umgarnen versucht, und den sie, verantwortlich für Kreditvergabe in ihrem Geldinstitut, als es ihr machiavellistisch passt, fallen lässt, so dass er, der sich finanziell verhoben hat, ruiniert ist und keinen anderen Ausweg sieht als den Tod in der Donau zu suchen.
Dann kommt sie in Kontakt zu Kurt Maiernigg, einem rasanten politischen Aufsteiger, der es bis in ein Ministeramt schafft. Mit ihm ersinnt sie unter der Hand hochriskante finanzpolitische Manöver und Anlagemodelle. Diese brechen zuerst ihm das (Karriere-)Genick und treiben dann Gisela Stern ins berufliche Abseits. Denn der Skandal mitsamt erzwungenem Minister-Rücktritt führt zu Prozessen, in die sie ganz maßgeblich verstrickt ist. Am Ende ist ihre Familie zersprengt, sie von allen verlassen, gesellschaftlich geächtet, verarmt, arbeits- und zukunftslos. Die letzte halbe Seite ist dann ihrem mehr als nur angedeuteten, grotesken physischen Zusammenbruch vorbehalten. Grotesk ist dieser deshalb, weil er sich an dem wohl undankbarsten, lächerlichsten Ort vollzieht – auf dem Wühltisch eines Billigkaufhauses.

So wie das Vorgängerbuch des seit 40 Jahren überaus produktiven, regelmäßig publizierenden Autors ist auch dieses ein Gesellschaftsroman. Zumindest eine Art Zeit- und Gesellschaftsroman. Mehrere Schicksale werden von Peter Rosei parallel geführt. Die ersten Kapitel dienen dazu, in Rösselmanier die drei Protagonisten einzuführen, zu skizzieren, ihre Beweggründe, Antriebe, Umgebungen zu umreißen. Wobei Rosei dann mit distanziert kalter Lust vieles verkehrt. Aus dem mit Talenten ausgestatteten Bub wird ein mittelmäßiger Verleger, aus der von Enge umkeilten Gisela eine Direktorin, aus dem Sohn eines geldfuchserischen Kärntner Elektrohändlers ein Staatsminister in der Hauptstadt. Und doch scheitern alle: an ihrer Verblendetheit, ihrem Ehrgeiz, ihrem Hochmut. Und an der Macht. Keine einzige Figur des Buches ist zur kritisch-distanzierten Introspektion fähig. Deshalb verschiebt Peter Rosei, die Pose des allmächtigen Großromanciers hintersinnig parodierend, sie auch wie in einem Schachspiel. Sind sie nicht mehr benötigt, werden sie hinausexpediert. Und fallen, stürzen tief.

Wer nun meint, dass solche komplexen Kreuz- und Querverbindungen sozialer, politischer, ökonomischer Natur eines ebensolchen, quasi Émile Zola-artig ausufernden Erzählvehikels bedürfen, wird von Peter Rosei eines anderen belehrt. Denn die Manier, die schon „Geld!“ stilistisch wie formal prägte, das Kultivieren der Fissuren und die Absenz geschmeidiger Übergänge, ist hier noch einmal gesteigert. Wodurch dieser Roman tatsächlich „naturalistisch“ ist. Und zugleich seine Gemachtheit herauskehrt. Durch diesen ganz bewusst eingesetzten Kunstgriff, dass sich immer wieder Abstände zwischen einzelnen Geschehnissen auftun, dass die Sprünge und Entwicklungen kaum angedeutet sind, wird auch die Konstruiertheit der Figuren deutlich. Die Persönlichkeiten sind Assemblagen, so der Begriff aus der Bildenden Kunst hierfür, zusammengesetzt aus unterschiedlichen, teils divergierenden Facetten, Fragmenten und Vorbildern. Sie ergeben kein Ganzes. Erst recht keine Erfüllung. Leere durchzieht das ganze Buch, eine treffende Diagnose über die beschriebene Zeit namens Gegenwart und die wurzellos in ihr treibenden Nicht-Akteure.

Alexander Kluy
14. März 2012

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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