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Leseprobe: Doris Knecht - Besser.

 

Ich werde nicht kommen heute, ich weiß es jetzt schon. Zu nervös. Zu nüchtern. Zu viele Sachen im Kopf. Und die Narbe an seinem Hals zu deutlich vor meinen Augen, viel deutlicher als sonst. Er liegt auf mir, in mir und ich mache die Augen zu und sehe diese Narbe trotzdem. Es ist nicht die Narbe an dem anderen Hals, die Narbe, die ich vergessen wollte, schon vergessen hatte, an dieser Narbe hier war kein Messer schuld, keine Wut und kein Krieg, es ist eine harmlose, alte Narbe, ein Kinderfahrradunfall, ein dummer Sturz, irgend so etwas, aber ich sehe diese Narbe und erinnere mich an die andere Narbe an dem anderen Hals. Ich dränge die Erinnerung weg, verscheuche sie und lasse meinen Körper mit seinem sprechen, während ich überlege, wie spät es jetzt ungefähr ist … (S. 7)

In unserem Freundeskreis gibt es jedenfalls kaum alleinstehende und gar keine dicken Frauen. Außer bei Schwangerschaft natürlich, dann ist es erlaubt, jedenfalls innerhalb eines gewissen Zeitfelds, das aber nicht zu groß sein sollte. Auch nicht zu klein, das gilt als verstrebert und in kindesschädigender Weise ehrgeizzerfressend, weil es ja für einen Säugling nicht gut sein kann, wenn die Mutter ihn im Rahmen exzessiver sportlicher Aktivitäten vernachlässigt oder die ganze Zeit schlechte Laune hat, weil sie hungert, was während des Stillens als fahrlässig gilt. Jedenfalls sind die Frauen in meinem Freundeskreis spätestens ein Jahr nach der Entbindung wieder schlank oder in der Nähe davon. Bei den Männern ist es, außer sie leben von den darstellenden Künsten, etwas weniger streng. Bei den Männern gibt es Spielräume für Bierbäuche und eine gewisse männliche Stämmigkeit, wobei der Muskelmasseanteil den Fettanteil möglichst überwiegen sollte. So richtig fette Männer kenne ich auch nicht, das gälte als Zeichen mangelnder Selbstbeherrschung und unverantwortlicher Disziplinlosigkeit. Einer völlig anderen als der Kunst- und Kultur-Disziplinlosigkeit; ein kreatives oder im Kreativen nutzvolles Sichgehenlassen ist erlaubt. Ist sogar erwünscht, in dem Sinne, dass ein ordentlicher Exzess einer künstlerisch-kreativwirtschaftlichen Biographie keineswegs abträglich ist, dass die eine oder andere soziale Aus- und Auffälligkeit, vorzugsweise sexueller Natur, sogar erwartet wird, gerne in Verbindung mit Haschisch oder Kokain (Heroin dagegen ist die Droge der Underdogs, ganz böse, ganzganz böse). Es ist zum Beispiel völlig in Ordnung, auf dem Klo eines Sternerestaurants mit heruntergelassener Hose hinter einer Koks sniffenden Dame angetroffen zu werden. Ja, es ist sogar nicht einmal ein Problem, die Dame mit der Nase auf dem Klodeckel zu sein, vorausgesetzt, man kann kreative Betätigung vorweisen, es befinden sich keine Kinder in unmittelbarer Nähe und man ist keine stillende Jungmutter. Das hat sozusagen künstlerischen Wert oder kann zumindest für die Kunst, welche auch immer, verwertet werden; das ist irre, und irre ist gut. Aber man sollte, wenn man bei derlei schon aufs Zusperren vergisst, einen gut trainierten, schlanken, gesund ernährten Körper präsentieren, vor allem, wenn man die Frau ist.
Das ist wichtig. Es geht schließlich um die Gesundheit.
(S. 197f)

 

© 2013 Rowohlt Verlag, Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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