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Lucas Marco Gisi, Hubert Thüring u. Irmgard M. Wirtz: Schreiben und Streichen.

Zu einem Moment produktiver Negativität.
Göttingen: Wallstein u. Zürich: Chronos 2011
(Beide Seiten. Autoren und Wissenschaftler im Gespräch. Bd. 2),
360 Seiten; broschiert; € 25,60 (A);
ISBN 978-3-8353-0850-3 (Wallstein);
ISBN 978-3-0340-1062-7 (Chronos).

Die Wörter „Streichung“, „streichen“ oder „gestrichen“ werden bei den wenigsten positive Assoziationen auslösen. Alltagssprachlich vor allem im Dunstkreis von Sparpaketen vorkommend, verbindet man mit Streichungen das Unliebsame der Einschränkung, ein Vorenthalten dessen, was bisher zur Verfügung stand. In ein entsprechendes Klagelied würden die Geisteswissenschaften rasch einstimmen. Treten Streichungen aber in Form von Schreibspuren auf, wie sie beim Erzeugen literarischer Texte hinterlassen werden, so werden sie für bestimmte Richtungen – namentlich für die Schreibprozessforschung, Editionswissenschaft und critique génétique – attraktiv. Denn Gestrichenes in textgenetischem Sinn stellt nichts Verlorenes, sondern einen Gewinn von analysierbarem Textmaterial dar.
Unter diesem Aspekt widmet sich der 2011 erschienene, wohlfeile Band Schreiben und Streichen, der aus einer Tagung im schweizerischen Neuchâtel von 2009 hervorging, dem facettenreichen Phänomen der Streichung. Nach einer umfassenden Einleitung der HerausgeberInnen folgt das Hauptstück mit 15 literaturwissenschaftlichen Aufsätzen, die von drei Essays der KünstlerInnen Friederike Kretzen, Erica Pedretti und Étienne Barilier abgerundet werden. Wie es der Reihentitel verspricht, kommen also „Beide Seiten“, Wissenschaft und Kunst, zu Wort; den Übergang bildet der letzte literaturwissenschaftliche Aufsatz von Irmgard M. Wirtz, die sich anschaulich mit den verschiedenen Schichten in Pedrettis „Tagebuch-Palimpsesten“ auseinandersetzt. In diesem Sonderfall sind Streichungen als Übermalungen ein genuines Gestaltungsmittel des fertigen Kunstwerks; dass aber allen Entstehungszeugen literarischen Schreibens bildnerische Elemente eignen, davon kann man sich durch die annähernd 50 Abbildungen überzeugen.
Am Anfang des Bandes steht die Feststellung einer Lücke. Streichen sei zwar „eine elementare Operation, die in der Genese von Texten und im Prozess des Schreibens das Gegen- und Ineinander von Erinnern und Vergessen vielfältig und vielförmig rhythmisiert“ (Einleitung, S. 7), wissenschaftlich sei sie bisher allerdings kaum beachtet worden. Dabei sind Streichungen schwer zu übersehen, denn in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen sind sie immer auch optische Hervorhebungen, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die gestrichenen Stellen ziehen. Sie entfachen detektivische Neugier. Alexander Honold spricht in seinem Aufsatz über Robert Musil dementsprechend vom „Tatort der Schrift“ (S. 195), von „Streichungstatbestände[n]“ (S. 204) oder „Spurensicherungstechniken“ (S. 205).
Drei AutorInnen und deren Konzepten begegnet man immer wieder: Da ist zum einen Almuth Grésillon, die sich als eine von wenigen mit Formen der Streichung im Schreibprozess bereits beschäftigt hat. Zum andern wird immer wieder Sigmund Freuds Aufsatz Notiz über den „Wunderblock“ aufgerufen, mit dem die Streichung in den weiten theoretischen Zusammenhang von „Erinnern und Vergessen“ gestellt wird. Mittels des Wunderblock-Gleichnisses verbildliche Freud „das menschliche Gedächtnis als permanente Schreibszene“ (Uwe Wirth, S. 26). Mit dem letzten Wort des Zitats ist ein dritter wesentlicher Bezugspunkt genannt, nämlich die von Rüdiger Campe und Martin Stingelin konzipierte Schreibszene, in der neben den sprachlichen und technologischen Aspekten eines konkreten Schreibakts auch die körperliche Tätigkeit des Schreibens, die „Geste“, in den Blick genommen wird. Von besonderem Interesse sind dann Widerstände und Schwierigkeiten, die beim Schreiben auftreten können. Der hier besprochene Band legt nahe, die auf dem Papier festgehaltenen Streichungen als Sinnbilder für solche Widerstände und Probleme während des Schreibens aufzufassen: Streichungen „können der Beginn einer Stockung“, aber auch schon „Ansatz zu ihrer Überwindung sein“ (Einleitung, S. 9).
An der systematischen und theoretischen Erfassung des Gegenstands wird an verschiedenen Stellen gearbeitet: Uwe Wirth hält in dem Aufsatz „Logik der Streichung“ die grundsätzliche Unterscheidung von graphischer und logischer Dimension der Streichung fest, wobei letztere deren „Geltungsbedingungen“ meint (S. 26). Rüdiger Nutt-Kofoth entwirft eine formale Typologie der Streichung, die Grésillons Kategorien der optisch sichtbaren sowie der „immateriellen“ Streichung modifiziert und verfeinert (vgl. Systematik, S. 130). Hubert Thüring liefert einen kulturhistorischen Abriss des Schreibens und ortet im Akt des Streichens einen „fundamentale[n] Zug der modernen Kultur – das Produktiv-Werden und -Machen der Negativität“ (S. 52). Die Feststellung jener „produktiven Negativität“ nimmt der Untertitel des Bandes auf.
Die zahlreichen Beispiele, an denen die verschiedenen Facetten der Streichung und die Praxis des Streichens untersucht werden, stammen aus der – in erster Linie deutschsprachigen – Literatur vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Gleich zwei Aufsätze beschäftigen sich mit Friedrich Hölderlin, jeweils einer mit Annette von Droste-Hülshoff, Heinrich Heine und Wilhelm Raabe; die schweizerische Literatur ist unter anderem mit Friedrich Dürrenmatt, Friedrich Glauser und Robert Walser vertreten; bei den österreichischen Autoren konzentriert man sich mit Franz Kafka, Robert Musil und Rainer Maria Rilke auf die Klassische Moderne. Soweit möglich sind die Beiträge chronologisch nach dem Entstehen der behandelten Gegenstände geordnet.
Ein Hauptanliegen des Bandes ist es, unterschiedlichste Faktoren festzumachen, die die Arbeitsweise von AutorInnen beeinflussen. Thomas Richter zeigt beispielsweise, wie sich die Verwendung eines kleinformatigen Notizbuches nicht nur auf Rilkes Schreiben und Streichen, sondern selbst auf die Erzählform des Romans Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge auswirkte. Hans-Jürgen Schrader wiederum stellt einen Zusammenhang her zwischen Wilhelm Raabes minimaler Korrekturpraxis und dem ökonomischen Druck, vom Schreiben die Familie ernähren zu müssen. Einen weltpolitisch wie biographisch vielschichtig aufgeladenen Schreibprozess rekonstruiert Claas Morgenroth aus Arbeitsmanuskripten Heinrich Heines. Für die Sammlung Lutezia (1854) überarbeitete Heine jene Artikel, die er von 1840 bis 1848 als Korrespondent in Paris für die Augsburger Allgemeine Zeitung verfasste. Dabei sind verschiedene Streich-Instanzen am Werk: Heines „spezifische, am Auge orientierte Arbeitsweise“ (S. 146) produziert an sich schon Manuskripte, die von zahlreichen Strichen gezeichnet sind; hinzu kommen noch die Eingriffe der Zeitungsredaktion und der behördlichen Zensur. Mit diesen drei Ebenen des Streichens hatte es Heine dann bei der Überarbeitung zu tun. Allerdings versuchte er nicht, systematisch die Fremdeingriffe rückgängig zu machen. Er ließ die Texte als ein „Geflecht vieler mitschreibender Hände“ (S. 153) gelten. Derartige „Fremdstreichungen“ nennt Lucas Marco Gisi „verordnete Streichungen“ und veranschaulicht sie am Beispiel des Schweizer Autors Hans Morgenthaler und dessen „misslungenen Gadscha Puti-Romans“ (S. 245).
Der verordneten Streichung steht die „delegierte Streichung“ gegenüber, die Rüdiger Nutt-Kofoth an Gedichten von Annette von Droste-Hülshoff vorführt. Droste-Hülshoff galt lange als typische „Kopfarbeiterin“, die ihre Gedichte gedanklich ausformulierte und dann in einer Art Reinschrift zu Papier brachte. Tatsächlich verschob sich aber bei ihr die „Papierarbeit“ nur auf eine spätere Schreibphase: „Das zunächst fertig Entworfene wird durch den intensiven Überarbeitungsprozess zurück in den Status des zunehmend Unfertigeren geworfen“ (S. 117). Hier kommen dann „Alternativvarianten“ ins Spiel, die Droste-Hülshoff in die Manuskripte eintrug. Die Entscheidung, welche der Varianten für den gedruckten Text verwendet werden sollte, überantwortete sie allerdings anderen, etwa dem Freund und Redakteur Levin Schücking. Dass der Streichungsanweisung nicht immer entsprochen wurde, zeigt die Publikation des Gedichts „Gastrecht“ im Rheinischen Jahrbuch. In dieser druckgeschichtlichen Trouvaille wurden beide Alternativvarianten in den Satz aufgenommen, wodurch „Sogar die Hunde nobel (geistreich) aus[sehen]“ (S. 123).
Der Band bietet also einerseits einen Überblick über Formen der Streichung auf verschiedenen Ebenen (z. B. materielle/immaterielle, verordnete/delegierte, Fremd- oder Autorstreichung) und zeichnet konkrete Produktionsbedingungen nach, die die Schreib- und Streichpraxis mit bestimmt haben. Andererseits wird versucht, den Akt des Streichens und die daraus folgenden textlichen Änderungen interpretatorisch zu nutzen. Felix Christen macht in seinem Hölderlin-Aufsatz darauf aufmerksam, dass die Interpretation bereits bei der bloßen Feststellung beginnt, ob überhaupt eine Streichung vorliegt (vgl. S. 102). Die Unsicherheit, ob es sich um eine Streichung handelt oder welche Textteile als gestrichen zu verstehen sind, führt direkt zu Problemen der editorischen Praxis. Ein einfaches Rezept wird freilich nicht geboten.
Wie nun eine Interpretation von konkreten Streichungen aussehen kann, führt besonders eingängig Sandro Zanetti an Beispielen von Franz Kafka, Samuel Beckett, Paul Celan und Arno Schmidt vor, denen er ein theoretisches Konzept vom „poetischen Potenzial“ der Streichung voranstellt (vgl. S. 287–293). Er geht dabei vom „poetischen Verfahren“ der russischen Formalisten aus und reichert den Begriff des „Verfahrens“ mit produktionsästhetischen Aspekten an. Das abschließende Beispiel aus Arno Schmidts Zettels Traum zeigt, wie ein vordergründiger Fehler den Fortgang des Schreibens produktiv anfeuern kann. Der Schreibmaschinen-Vertipper „Verbalhornungen“ statt „Verballhornungen“ setzt eine Assoziationskette in Gang, die Schmidt im Weiterschreiben und -streichen genüsslich verlängert; die Streichungen bindet er in den zur Rezeption freigegebenen Text ein. Durch die fotomechanische Reproduktion der handschriftlich bearbeiteten Typoskripte von Zettels Traum muss sich – wie Zanetti schreibt – die Streichung „nicht mehr dafür schämen, Streichung zu sein“ (S. 301).
Der Band Schreiben und Streichen ist ein überzeugendes Plädoyer dafür, die reichen Archivbestände sowie die Faksimileausgaben – ob in Buchform oder digital – zu nutzen. Die Konzentration auf Streichungen erleichtert es dabei, die Unmengen an überliefertem Material zu bewältigen. Schon beim schnellen Durchblättern oder -klicken deuten Streichungen als graphische Auffälligkeiten auf Widerstände im Schreibprozess hin und damit auf Stellen, die es wert sind, genauer betrachtet zu werden.
Freilich springt nicht jede Streichung sofort ins Auge. Hubert Thüring, Mitherausgeber des Bandes, schreibt über eine Stelle in einem Notizbuch Kafkas: „Die vielleicht offensichtlichste Funktion dieser Streichung ist diejenige der Fortführung der Traumerzählung“ (S. 61). Die Personalform „ist“ weist eine Mikrostreichung auf (das „i“ ist gestrichen), deren Funktion aber durchaus rätselhaft ist. Womöglich handelt es sich dabei um einen eigens eingebauten Test, an dem der Leser erkennen kann, ob die Lektüre des Buches zur Sensibilisierung für den behandelten Gegenstand geführt hat.

Gerhard Hubmann
19. März 2013

 

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